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„Monika Haeger: Inside Stasi“ – „Das mache ich doch, wenn das mein Feind ist“

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Von: Marcus Hladek

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Anja Kimmelmann.
Anja Kimmelmann. Foto: Heinrich © Reinhold Schultheiss

„Monika Haeger: Inside Stasi“ von Nicole Heinrich in der Brotfabrik.

Zum Stichwort IM (Inoffizieller Mitarbeiter des MfS) fallen einem spontan allerlei Namen ein. Monika Haeger ist selten darunter, obwohl sie, als sie aufflog, zumindest den späten Anstand hatte, sich vor ihrem Hauptopfer Bärbel Bohley zu offenbaren. 1990 stellte sie sich bei „Kontraste“ im Fernsehen den Fragen. 2017 entdeckte der Journalist Peter Wesnierski die originalen Tonbänder von 1990 wieder und machte eine längere Dokumentation daraus. Haeger starb 2006.

Nicole Heinrichs dokumentarisches Monodrama, ihr Dramen-Erstling in Eigenregie mit Anja Kimmelmann in Live-Szenen im Wechsel mit zeitgeschichtlichen und gegenwartsbezogenen Toneinspielungen aus dem Off, orientiert sich in der Form an Heinar Kipphardt. Dessen dokumentarisches Theater aus den 60ern bis 80ern wirkt heute etwas angestaubt, passt aber zum Stoff. Heinrichs Bühne ist minimal: Plakate zu DDR und Stasi an den Wänden, kleine Tische aus dunklem Holz, ein im Dunkeln während der Einspielungen rot angestrahltes Tonbandgerät und die sparsame Requisite (Akten, Bücher, Praktika-Kamera, Rotkäppchensekt, Federtäschchen fürs Mikro, ein Spiegel) suggerieren ein Stasi-Museum mit Zeitzeugin Haeger in Selbstaussprache.

Staatstreu und dankbar

Wer war Monika Haeger? Kimmelmann mit ihrem Blondzopf, knielanger Hose, Hosenträgern und Stiefeln leiht ihr eine ruhig-konzentrierte Erzähldiktion – und eine Anmutung von „Lebensborn“-Zucht in DDR-Variante. Juni 1945 buchstäblich im Rinnstein geboren, hauste Haeger als Kleinkind bei Frankfurt am Main, bis ihre Mutter die Sechsjährige bei den Großeltern in Ost-Berlin abgab. Dort kam sie zu den „Königskindern“ im Kinderheim Königsheide. Es galt als bestes DDR-Kinderheim, hatte Größen wie Walter Ulbricht zu Gast und ließ die Kinder vor Parteibonzen Arbeiterlieder trällern. Haeger wuchs da staatstreu und dankbar auf. Sie bot sich dann der Stasi, ihrem Mutter- und Vaterersatz (so Haeger 1990), als IM an und wurde eifrige „Kundschafterin“ für den Sozialismus.

Ihr Doppelleben bei den „Frauen für den Frieden“ um Bärbel Bohley nennt sie selbst „schizophren“. War sie bei den „Freundinnen“, half sie, wo sie konnte, nicht ohne aber Schlüssel zu kopieren, Wohnungen zu durchsuchen und Namen zu sammeln. In konspirativen Wohnungen zeigte sie ihrem Führungsoffizier immer effizientere Maßnahmen an. „Wenn ich weiß, wo ich jemanden am meisten treffen, wo ich ihn kaputt machen kann“, so Haeger, „und das ist psychisch meistens, dann mache ich’s doch, wenn das mein Feind ist.“ Bedauern kannte sie nur dafür, dass IM-Frauen der Stasi-Aufstieg erschwert war. „Hauptamtliche“ wurde sie erst kurz vor dem Fall der Mauer.

Interessant am Stück ist der skrupellose Zynismus Haegers, die als Tabula rasa im Heim alle Ziele und Wertungen übernahm und träumte, „als Kind dich unentdeckt durch die feindlichen Reihen (zu) schleichen“. Es gibt genug echte Opfer, um die Täterin nicht zu verklären, als mache man Kimmelmanns pathetischen Blick in den Spiegel einfach mit. Und doch steckt ein Stück Wahrheit darin, dass auch sie Opfer war.

Brotfabrik, Frankfurt: 4., 9. Dezember. www.brotfabrik.de

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