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Miss Poggenghul tanzt, die Männer sind in der Soll-der-Golfschläger-entscheiden-Phase.

Burgfestspiele

Fünf Tage, viel ist das nicht

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Bei den hurtig zusammengestellten Bad Vilbeler Festspielen geht es jetzt um Leute, die es noch viel eiliger haben.

Für einen Moment ist man vielleicht verblüfft, dass die Burgfestspiele in Bad Vilbel, wenn sie nur zwei Würfe frei haben, einen davon auf Ron Hutchinsons Boulevardkomödie „Mondlicht und Magnolien“ verwenden. Dann zeigt sich, dass es in zweifacher Hinsicht ein Stück zum Tage ist. Mit der einen können die Bad Vilbeler etwas weniger anfangen, mit der anderen dafür umso mehr.

Hutchinson erzählte 2005 von den verwickelten Vorbereitungen für den Film „Vom Winde verweht“. Die Verwicklungen werden bei ihm zugleich zugespitzt und verschlankt, also in ein Komödienformat gebracht. Hutchinson steigt in dem Moment ein, in dem Produzent David O. Selznick – wohlgemerkt nach Drehbeginn – den ersten Regisseur (George Cukor) geschasst und das erste Drehbuch gekippt hat. Nun schließt sich Selznick mit seiner neuen Wahl, Victor Fleming für die Regie und Ben Hecht für das Buch, in seinem Büro ein.

In fünf Tagen soll das neue Drehbuch fertig sein. Dass ausgerechnet Hecht den Roman, den Megabestseller nicht gelesen hat, erschwert den Fortgang. Selznick ist konsterniert, lässt sich allerdings nicht abschrecken, sondern spielt dem Autor zusammen mit Fleming die Szenen vor. Hecht soll einfach mitschreiben.

Nach Luft schnappen

Fünf Tage, das ist wenig. Erinnert man sich daran, dass die Festspiele in Bad Vilbel fünfeinhalb Wochen Zeit hatte, die bereits abgesagte Saison doch noch zu bestücken, lässt sich leicht denken, wie gewitzt ihnen das Thema erscheinen musste. Ein Stücke über Leute, die nach Luft schnappen, während man selbst nach Luft schnappt.

Auf das virulente Thema des Rassismus in Margaret Mitchells Roman und im Film gehen Stück und Inszenierung ebenfalls ein. Hutchinson zeigt vor allem Hechts Befremden, der nicht begreifen kann, wie Selznick, auch er Jude, im Jahr 1939 ausgerechnet in eine solche Geschichte Geld stecken möchte. Es gibt dafür keine Lösung, auch hier nicht.

Für die Zeitnot hingegen gibt es eine: Sie beeilen sich wie verrückt. Drei Männer in einem Raum, die vor Erschöpfung schier zusammenbrechen, aber weiter geht’s. Sie essen Erdnüsse und Bananen, sie zanken und sie schmollen. Selznick ist Scarlet, Fleming ist Ashley, Melanie, Rhett Butler. Hecht tippt und hadert und versteht nicht, was an dieser Geschichte gut sein soll. Eine typische Frage von Menschen, die Buch und Film nicht kennen.

Nach Erfolg hungern

Dass das dermaßen komisch ist, macht Hutchinsons Dialogwitz, machen aber vor allem die Schauspieler. Steffen Weixel, ein feiner, hingebungsvoller Komödiant, ist diesmal Selznick, der auch in der Rolle der Scarlet aufgeht, aber vor allem mit einem Mix aus Ehrgeiz und Versagensangst umzugehen hat. Hendrik Vogt als Hecht ist die coole Stimme der unbefangenen Vernunft, eine gute Gelegenheit, um aufzuzeigen, dass die coole Stimme der unbefangenen Vernunft nicht immer weiterführt. Sebastian Zumpe als Fleming trägt Clark-Gable-Bärtchen und ist in Sachen Zynismus ein letztlich netter Westentaschen-Rhett-Butler.

Dass Regisseur Ulrich Cyran selbst ein erfahrener Schauspieler ist, kommt einem hier besonders vorteilhaft vor. Eine im Sommertheater seltene Leichtigkeit liegt über dem Spiel, ein gutes Timing (zur flotten Musik). Noch zwölf Stunden später kichert man ferner über den dauerhaften Spaß, dass Berührungen aller Art nur nach einer nicht weiter diskutierten Handdesinfizierung möglich sind. Das Surren des Desinfektionsmittelspenders erscheint hier als neuvertrautes Geräusch der Gegenwart – ist doch schön, wenn man künftig darüber lachen wird, Hauptsache, man benutzt ihn –, während das Zurücksausen des Papierträgerwagens bei der Schreibmaschine wie immer sehr nostalgisch ist. Auch die Sekretärin Miss Poppenghul, Janice Rudelsberger, ist lakonisch am Desinfizieren. Sie kann zudem steppen und hat ein Affenkostüm (Ausstattung Dorothea Mines).

Die Männer und die Frau sind gleichermaßen lachhaft. Und ein Theaterstück, das den Film feiert: ebenfalls lachhaft. Aber wie in „Ladies Night“, dem anderen Bad-Vilbel-Stück der Saison, gelingt am Ende das Wunder. Das braucht das Sommertheater in diesem Jahr: Sachen, die klappen.

Burgfestspiele Bad Vilbel: 11.-15., 25.-30. August, 8.-13. September. www.kultur-bad-vilbel.de

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