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Matthias Redlhammer im "Dickicht der Einzelheiten" von Wilhelm Genazino.

Schauspiel Frankfurt

Mond hinter Hochhaus

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Wilhelm Genazino, Olga Grjasnowa und Teresa Präauer hören auf die "Stimmen der Stadt" Frankfurt.

In Frankfurt hat zwar niemand viel Zeit und Platz darüber nachzudenken, aber auch hier fragt man sich zuweilen, was für eine Stadt das ist, in der man wohnt (unter Aufbietung seiner finanziellen Kräfte), im Stau und in der U-Bahn steht oder zumindest im Pendlerzug von auswärts. Und was man von ihr halten soll. Und was die anderen darüber denken. Denn der Frankfurterin und dem Frankfurter, übrigens nicht leicht zu fassende Wesen, die immer wieder in erheblichem Ausmaß andere sind als noch im Jahr zuvor, ist wenig fremd und schon gar nicht eine vernünftige Verunsicherung. Dazu gehört unter Umständen auch der Eindruck, gar nicht so interessant zu sein, mit allen Nach- und Vorteilen, die das hat.

Auf eine insofern kuriose Weise wird dieses Grundgefühl durch die neue kleine, aber ziemlich aufwendige Reihe „Stimmen der Stadt“ unterstützt, die das Schauspiel Frankfurt zusammen mit dem Literaturhaus organisiert. In den ersten drei Spielzeiten unter Anselm Weber sollen jährlich je drei Monologe entstehen, in denen (am besten nicht von der Dramatik und nur zum Teil aus Frankfurt kommende) Autorinnen und Autoren die Stadt zu Wort kommen lassen. Die ersten drei von insgesamt also neun Stücken stellte Weber jetzt in den Kammerspielen vor.

Zuerst macht Wilhelm Genazino in „Im Dickicht der Einzelheiten“ das, was er immer macht, und zuletzt immer trauriger und so auch hier. Er schickt einen Mann, der sich teils plausibel, teils pimpernellig um sich sorgt, durch die Straßen der Stadt, die teils prototypisch, teils identifizierbar sind. Ist der typische Genazino-Mann eine Stimme Frankfurts? Jedenfalls hat er einen sicheren Blick für das Nebeneinander von viel und wenig Geld auf den insgesamt stets zu engen Gassen, auf denen man dennoch tunlichst versucht, berührungslos aneinander vorbeizukommen. Und wie sich das vor der Tür am Willy-Brandt-Platz besonders deutlich zeigt, wenn die einen in der Pause Prosecco trinken, während die anderen durch die Grünanlage huschen auf der Suche nach einem Nachtquartier. Genazinos Figur registriert mit großstädtischer Ungelassenheit Details, reflektiert aber auch „Heimat“ als eine „oft unwillentlich entstandene Zugehörigkeit“.

Und ja, einiges kommt Ihnen vielleicht bekannt vor aus Genazino-Romanen, in denen es schon stand. Dass das zufälligerweise auch die einprägsame Stelle aus „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ betraf, an der es um einen Übergangsmantel geht und Matthias Redlhammer an dieser einzigen kleinen Stelle die Pointe vermasselte (zu früh „Übergangsmantel“ sagte und man rufen wollte, nein, nein, der Übergangsmantel kommt doch erst danach), war ebenfalls ein bisschen traurig. Andererseits ist eine unwillentlich entstandene Zugehörigkeit zu Genazinos Romanen keine unangenehme Art von Heimatempfindung, und auch sie zeigt sich just im Moment einer Irritation.

Redlhammer trat als stilisierte, von Mareike Wehrmann gewählter, schmucker gekleidete Genazino-Figur auf, als man es aus den Romanen zu kennen glaubt. Er konnte einem eine Spur zu schrullig vorkommen, aber das machte er glänzend. Er hatte eine Trommel dabei, was ihm ferner einen Matzerath’schen Anschein gab, zu dem ihm auch der wirkungsvolle Bühnenraum von Philip Bußmann verhalf: Schneeweiß, nach hinten sich rasch verjüngend, ließ er die Figuren gleichzeitig zu groß (Kopfstoßgefahr) und zu klein (als wäre die kleine Bühne ein ewig langer Schacht) erscheinen. Auch das ein Frankfurter Lebensgefühl. Fast immer stimmt hier doch an den Größen- und Platzverhältnissen irgendetwas nicht. Weber inszenierte dezent und unterstrich das Skurrile und Fragmentarische des Textes sanft. Auf der kleinen Leinwand am Ende des Tunnels bewegte sich ein Dickhäuter. Zahlreiche Blacks unterbrachen Redlhammer, manchmal redete er weiter, oder redete schon wieder. So ist das Leben.

Teil 1 endete mit charakteristischem Frankfurter Fluglärm, passend zum Schwenk Richtung Flughafen. Mit Olga Grjasnowa und Friederike Becht änderte sich die Situation aber rigoros. Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, mit dem Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ 2012 ad hoc bekannt geworden, führte vorab Gespräche mit in Frankfurt lebenden Menschen („Stimmen der Stadt“!). Sie blieb an einer Flughafenmitarbeiterin hängen, die einmal Angehörige nach einem Unglück betreuen musste.

Kann man eigentlich am Euro hochklettern

Darauf basiert Grjasnowas „Absturz“: Becht, die aus der Bodenklappe stieg, in der Redlhammer vorhin verschwand, spielte die Frau mit Haut und Haar. Links und rechts an den Rändern des weißen Tunnels Akten, sicher 218. So viele, erzählte sie, starben damals, darunter ihr ehemaliger Geliebter. Becht war glaubwürdig, die Erzählung allerdings nicht nur relativ vorhersehbar, sondern schon auch geradelinig, um nicht zu sagen eindimensional. Auch nahm sie einen Dreh ins enorm Optimistische, als wäre hier ein Weg ins Freie. Weber ging ihn als anständiger Uraufführungsregisseur vollständig mit, während die Zuschauerin an dieser Stelle verlegen zurückblieb.

Für den Rausschmeißer sorgte, so gehört es sich bei einer Trilogie – und obwohl die Karten einzeln verkauft werden, sind die Einzelteile weniger als je ein Drittel des bisherigen Ganzen – die Österreicherin Teresa Präauer mit einer echten Komödie, einer Posse. Präauer, Jahrgang 1979, Autorin des gewitzten Romans „Oh Schimmi“, ist auch bildende Künstlerin. Kein Wunder, dass ihr Blick sich am „fröhlichsten Denkmal“ der Stadt verhakte. Ein windiger, hemmungslos Wienerisch wirkender Tunichtgut versucht also in „Ein Hund namens Dollar“ mit einem soeben erworbenen Hund namens Dollar das Euro-Zeichen auf dem Willy-Brandt-Platz zu besteigen. Ein reicher Banker schließt sich ihnen an. Das klappt alles so lala, ist auch körperlich kaum zu bewältigen, dann trifft eh die Polizei ein.

Das hat aber alles wohltuend wenig, nichts zu bedeuten. Der Hund wollte den natürlich von einem Hochhaus verdeckten Mond anjaulen. Der Mann wollte ihm behilflich sein und auch probieren, ob man da wirklich hochklettern kann. Der Banker kam halt vorbei. Felix Rech erzählte im weißen Raum lässig und witzig, die akrobatischen Elemente, die Präauer vorschwebten, ließ Weber beiseite. Auch die Skyline, die sie vorschlug. Klug von ihm.

Der alleinstehende Streuner, der Flughafen, der leuchtende Rieseneuro. Na ja. Auf seine Weise ist „Stimmen der Stadt“ so weit ein ehrliches Projekt. In der nächsten Spielzeit geht es mit Martin Mosebach, Thomas Pletzinger und Antje Rávik Strubel weiter. Die Sache ist in der Tat noch nicht ausgereizt.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 21. Mai. Karten für einzelne Monologeoder im Zweier-/Dreierpaket.

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