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Der großartige Michael Mayes lässt sich als Nixon feiern.

„Nixon in China“

Auf dem Mond

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John Adams’ „Nixon in China“, triumphal aufgeführt in Stuttgart.

Oper ist auch etwas, das einem um die Ohren fliegen, das einen überwältigen soll, eine Wucht und Raffinesse, die man zunächst als relativ berauschendes Gesamtereignis zur Kenntnis nimmt und erst später versteht. Oder nicht versteht. Oder es ist bei näherer Hinsicht gar nicht so raffiniert (wuchtig vermutlich schon). Man kann es dann mit der Angst bekommen vor der Macht der Musik, vor den Tricks der Komponisten. Man kann sich hingegen auch langweilen. Ja, in der ersten Pause war einer, der sich langweilte und ein grobes Wort benutzte.

An den Übertragungen von Minimal-Music-Konzepten auf das Musiktheater scheiden sich die Geister seit jeher, währenddessen aber hat der US-amerikanische Komponist John Adams das Publikum für sich gewonnen, jetzt das Stuttgarter, das am Ende des mit zwei Pausen immerhin fast vierstündigen Abends längere Zeit jubelte, bevor es seiner Wege ging. An der Staatsoper gibt es, gab es, liest man, bis in die achtziger Jahre eine Tradition für Minimal Music (unter anderem mit großen Philip-Glass-Aufführungen), die jetzt wieder belebt werden soll.

Die Neuproduktion von Adams’ „Nixon in China“ gehört – wie vor drei Wochen Henzes „Prinz von Homburg“ an derselben Stelle – zu einem erstmals ausgerichteten „Frühjahrsfestival“. Wer in solchen Fragen etwas unaufmerksam ist, hat sich darum bisher vielleicht nicht gekümmert, schön ist aber nun das Motto „wirklich wirklich“, schön und wirklich passend. „Nixon in China“ spielt in Stuttgart in einer so fabelhaften Unwirklichkeit, dass man sie schon fast wieder für wirklich hält, nur wusste man bisher eben nichts davon. Das hängt mit der Umgebung, mit der Grundanlage zusammen, die sich Regisseur Marco Štorman zusammen mit Frauke Löffel (die dunkel-karge Bühne), Sara Schwartz (die spektakulären Kostüme) und Bert Zander (die nicht konkurrierenden, sondern perfekt eingepassten Videos) ausgedacht hat, aber auch mit den hervorragenden Sängerdarstellern. Sie zeigen in dieser Fantasterei Menschen aus Fleisch und Blut, im Buhei Melancholie, im Irrwitz die vage Möglichkeit, dass Menschen nicht immer nur das Dümmste und Böseste wollen. Auch wenn es ihnen nicht gelingt und am Ende die Frage steht: „Wie viel von dem, was wir getan haben, war gut?“

Es ist irritierend, dass „Nixon in China“, auf ein Libretto von Alice Goodman und 1987 uraufgeführt, einen so entspannten Blick auf Maos China und auf US-Präsident Richard Nixons Besuch ebendort im Winter 1972 wirft, ohne dabei eine Satire zu sein. Man kann es trotzdem satirisch verstehen, es ist auch so inszeniert worden. Aber Goodman bekannte sich zur allgemeinen Verblüffung zur „Heldenoper“. Auch in seiner Form ist „Nixon in China“ nicht abwegig als „Grand opéra“ bezeichnet worden (der Stuttgarter Dirigent André de Ridder greift die Bezeichnung im Programmheft auf).

Es gibt neben privaten Begegnungen große festliche Szenen, ein ausuferndes Bankett (in intensiviertem Stereo mit dem in den Seitenlogen postierten Chor, an diesem Abend eine Macht für sich) oder eine entgleisende Theateraufführung. Adams, Jahrgang 1947 und nicht im Verdacht stehend, ein Nixon-Anhänger zu sein (im Gegenteil, und er zeigte zunächst wenig Interesse an der Materie), gibt seiner Präsidentenfigur einen Schwung mit, den man nicht als zynisch verstehen kann. Dass im ersten Akt „Rheingold“-Klänge und -Motive aufleuchten – das Orchester zaubert – und zarte Hinweise auf eine Verlogenheit der Gesamtsituation geben, transferiert das Geschehen zugleich in die Sphäre von Opernhandlungen, in denen Verlogenheit reizend ist, jedenfalls jenseits herkömmlicher Kritik liegt. Allerdings spielt „Nixon in China“, wie der Titel schon sagt, nicht in von Göttern bewohnten Vorzeiten. Die Beunruhigung bleibt.

Es ist bewunderungswürdig, wie sorgsam, opulent und aufmerksam die Stuttgarter sich auf diese Gratwanderung einlassen. Selten ist das rote China, hier ohnehin schon einmal definitiv orangefarben, so unchinesisch. Etwas Dekor ist übriggeblieben, Maos Sekretärinnen tragen skurrile Lampenschirme auf dem Kopf, allerdings ist Nixon, der nicht einmal ansatzweise wie Nixon aussieht, auch ein Westerngentleman (Westernschurke) wie aus dem Bilderbuch und seine Frau ein teilweise etwas an den Rand gedrängtes Vorstadtprinzesschen.

Als in der großen Theateraufführungsszene Videobilder eingespielt werden, wirkt das zunächst unerträglich penetrant. Penetrant ist aber nicht das Zeigen dieser Bilder, sondern das pathetische Tanztheaterstück selbst, ein kulturrevolutionäres Machwerk (Musterballett) von Maos Frau Jiang Qing. Sie ist eine harte, verbissene Figur mit einer spitzigen Partie, die einzige, der Adams, Goodman und nun auch Štorman sich nur selten (beim Tänzchen mit Mao) mit einer gewissen Zuneigung nähern.

Mao, der nicht einmal ansatzweise wie Mao aussieht, ist hingegen ein Original, das gerne barfuß geht. Štorman zeigt sympathische Menschen, die in ihrer Eitelkeit und einer sonderbaren Offenherzigkeit sich zwar Blößen geben, aber keine Verbrecher sind. Es ist, wie gesagt, nicht die Wirklichkeit. In Stuttgart verschneidet Štorman das Geschehen originell und gescheit mit der wenige Jahre zuvor vollzogenen ersten Mondlandung – originell, weil es die Situation aus Schwerkraft, Raum und Zeit löst, gescheit, weil der chinareisende Nixon in dieser ersten diplomatischen Annäherung eine nicht weniger wichtige Exkursion sah. Die Chinesen tragen silbrige Anzüge, mit Raumfahrerkleidung in Verbindung zu bringen. Nixon spießt bei einem kinoreifen Auftritt eine ins Goldfarbene verfremdete US-Flagge auf die Bühne, als wär’s der Mondsand. Immer wieder ist aber auch zu sehen, wie schlecht sich die Gäste aus Amerika zurechtfinden. Unbesprochene Irritationen stehen ihnen ins Gesicht geschrieben.

In der Pause vor dem dritten Akt, dem Akt der Ernüchterung, Beruhigung und privaten Reflexion, wird der Orchestergraben verdeckt. Die Musik wird jetzt eingespielt, die Sänger bewegen sich an der also noch einmal vorgerückten Rampe wie auf einer Probe, nein, nicht wie auf einer Probe. Sie rauchen Zigaretten, sie plaudern und tanzen ein bisschen. Sie denken an früher. Vielleicht die bitterste Überlegung von Adams und Goodman: dass am Ende des doch mit solchem Elan gestarteten Besuchs bloß der Rückzug ins Private steht. Neben dem nach vorne und hinten dirigierenden de Ridder sitzt die Souffleuse.

Das würde nicht funktionieren ohne ein so exzellentes Ensemble. Man hört Michael Mayes als frohgemuten, volltönenden Nixon – der nachher über die Sitzreihen in den Saal klettert, unfassbar, was Sänger heute können –, den ungemein gewitzt und elegant spielenden, schneidend markant singenden Matthias Klink als Mao. Jarrett Ott ist der vernünftige Premier Chou und macht besonders deutlich, dass alles Karikatureske gemieden wird, Shigeo Ishino sein aufmerksam beobachtendes Pendant Kissinger. Katherine Manley zeigt hingebungsvoll die empfindliche, verschreckte, ständig unterschätzte, lyrisch aber die schönsten, nachdenklichsten Passagen singende First Lady Pat. Ihr scharfkantiges Gegenstück: Gan-ya Ben-gur Akselrod als Maos Frau.

Staatsoper Stuttgart: 12., 20. April, 3., 9., 11. Mai. www.oper-stuttgart.de

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