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Jürgen Wink im Gestänge der Pequod.

Staatstheater Kassel

„Moby-Dick“ in Kassel: Dann nennt mich halt Ismael

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Ein höchst merkwürdiger Ein-Mann-„Moby-Dick“ in Kassel.

Am verwunderlichsten ist, was alles fehlt. Die ganze Mannschaft zum Beispiel, der noble Harpunier Queequeg, der fromme und kühne Steuermann Starbuck. Pip, der Generationen von Lesern beigebracht hat, dass Todesnähe alles für immer ändert und nicht zum Guten. Aber auch Ahab fehlt so gut wie, wenn man Gregory Peck in dieser Rolle nicht wirklich ernst nehmen kann.

Auch Ismail fehlt weitgehend. Wenn Jürgen Wink uns mit einem der berühmtesten Anfangssätze der Weltliteratur auffordert, ihn so zu nennen, sagt er das so wegwerfend, so larifari, so „In Gottes Namen, wenn ihr darauf besteht, dass ich diesen Satz hier sage, dann hier, da ist er“, dass man beim Zuschauen ganz grüblerisch wird. Es ist doch ein grandioser Satz. „Call me Ishmael.“

Staatstheater Kassel, Schauspielhaus: 21., 28. September, 12., 17., 19. Oktober.

Seltsames Projekt, das seine Ambitionen, an denen nicht zu zweifeln ist, so sehr verbirgt. Während auf der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters (s. oben) ein Ensemblestück die Spielzeit eröffnete, gehörte die Bühne des nicht kleinen Schauspielhauses dem Regisseur Marco Storman und dem Schauspieler Wink. Das ist eine Setzung. Auf dem Programm „Moby-Dick oder Der Wal“ nach dem Roman von Herman Melville, einem religiös, gesellschaftlich und literarisch aufgeladenen Buch, aber Wink – im Programmheft als Ismael/Ahab/Moby-Dick angekündigt – scheint nun vor allem die Aufgabe zu haben, das herunterzuspielen. Aus dem Großen soll ein Kleinklein werden. So ist das Leben, kann man sagen, und wundert sich doch, wenn Wink – im Freizeitlook mit Gummistiefeln, freundlich, tüttelig – aus Melvilles umstrittenen (wirklich langen) Ausflügen in die Systematik und Natur der Wale einen lustig missratenden Vortrag macht. Langeweile lässt sich auf einer Bühne immer sehr leicht vermitteln. Riskant.

Während die Pequod, das Schiff, das die Welt bedeutet, nur fast fehlt – das von Ausstatter Demian Wohler zusammengebaute Gestänge kann dafür gelten –, plaudert Wink ein wenig aus dem Buch, brät sich einen kleinen Fisch, hat offenbar viel Zeit. Eigentlich sind es bloß zwei Stunden. Auch nicht wenig, stimmt.

Und fehlt nicht auch der Wal, der Riesenfisch, Moby-Dick, die böse Rache der Natur am Menschen, der sie peinigt? In seine Rolle schlüpft, nachdem das Ende der Pequod, das Ende der Welt, kurzerhand übersprungen wurde, Wink daselbst. Ein Varieté-Wal. Man begreift schon, was Storman alles nicht wollte, das Große, Erhabene, Naturalistische. Was interessierte Storman an alledem? Die Rezensentin interessierte zum Beispiel die Walherdenabschlachtung. Eine echte Melville-Szene, von Wink brillant und ohne Vertun erzählt. Keine Schande, von Literatur gebannt zu werden.

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