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Mirella Freni in Cannes, 2010.

Nachruf

Mirella Freni: Wie sonst nur Engel schauen und singen

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Zum Tod der Sopranistin Mirella Freni.

Die Italienerin Mirella Freni verkörperte den Typus der engelhaften Sopranistin, und sie sang auch so: die Stimme von jener sogenannten mädchenhaften Leichtigkeit und jugendlichen Frische, die sich nur die größten ihres Fachs über die Jahrzehnte bewahren können. Die größten und die klügsten: Ihr Repertoire hielt sie klein – wenn auch nicht so klein, wie ihr gelegentlich unterstellt wurde –, und sie war besonders erfolgreich tatsächlich in den Rollen, in denen sie als Engel antrat: als Mimì in „La Bohème“, Suzel in Mascagnis „L’amico Fritz“ – einer Oper, in der man das Gute, Schöne und Normale in grandioser Reichhaltigkeit um die Ohren gehauen bekommt –, Liù in „Turandot“, Desdemona in „Otello“ oder Tatjana in „Eugen Onegin“ und zuallererst als Micaëla in „Carmen“, der Partie, mit der sie 19-jährig 1955 debütierte (auch dies nicht wirklich eine Nebenrolle, Nebenrollen waren für Mirella Freni kein Thema).

Die scheinbare Deckungsgleichheit von Leben – sofern es sich denen erschließen kann, die aus weiter Entfernung respektvoll hinschauen – und Werk hat häufig eine beunruhigende Seite, aber im Falle eines vernünftigen Menschen natürlich nicht. Da ist es plausibel und sympathisch.

Geboren wurde Mirella Freni 1935 in Modeno, im selben Jahr in derselben Stadt und in ähnlich einfache Verhältnisse hinein wie Luciano Pavarotti, eine fabelhafte Koinzidenz (angeblich wurden beide von derselben Amme versorgt, es ist kaum zu glauben, aber Mirella Freni machte friedliche Witze darüber).

Die Traumpaare ihrer Zeit

In einer Zeit, in der große Plattenverträge und eine überschaubare Anzahl von Produktionen die Szene noch etwas übersichtlicher erscheinen ließen – vielleicht war sie es auch –, bildete sie mit Pavarotti wie auch mit dem älteren Nikolai Gedda und mit Placido Domingo immer wieder lichte Traumpaare auf beliebten Aufnahmen. Gerade bei kräftezehrenden Rollen bevorzugte sie das Studio gegenüber der Bühne. Dass Herbert von Karajan in ihr eine erklärte Lieblingssopranistin fand, tat dabei ein Übriges.

Er war es auch, der sie zu Repertoireerweiterungen in die dramatischere Richtung drängte, teils mit schönem Erfolg. Legendär hingegen die Pleite als Violetta Valéry in der Mailänder „La traviata“ von 1974: Karajan setzte sie zwar wie so oft durch. Er konnte aber den Buhsturm gegen die Titelheldin nicht verhindern, die von so ganz anderer Natur und anderem Auftreten war als ihre Vorgängerin am Ort, Maria Callas. Für Mirella Freni zweifellos eine bittere Stunde, aber immerhin eine Gelegenheit, sich vom Einfluss des übermächtigen Förderers ein Stück weit zu lösen. Ganz undivenhaft, liest man, setzte sie ihre Interessen durch, aber sie setzte sie durch. Ihre Stimme bliebt noch in höherem Alter die klassische Mirella-Freni-Stimme. Im Gegensatz zu Pavarotti achtete sie darauf, sich nicht zu verschleißen.

Nach 50-jähriger Karriere zogt sie sich 2005 zurück. Am 27. Februar wäre Mirella Freni 85 Jahre alt geworden. Am Sonntag ist sie, zweimal verheiratet und Mutter einer Tochter, nach längerer Krankheit daheim in Modena gestorben.

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