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Träumend und singend im Kino.

Bockenheimer Depot

Wie Vergangenheit und Zukunft

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„Mina“, das eigene Musiktheaterprojekt eines jungen Ensembles im Bockenheimer Depot.

Keine schlechte Idee, das Problem der Nachwuchspflege der Oper nicht mit anbiedernden Regiekniffen des Repertoires für die Jugend, sondern mit Produktionen deren eigener Ambition zu lösen. Art-Sharing, bei dem man die Ressourcen der Institution Teams zur Verfügung stellt, die darin vom Plot bis zur Komposition selbstständig operieren. Fast selbstständig, denn die gut 20 Akteure auf der Bühne des Bockenheimer Depots und die knapp vierzig davor im Orchester wurden lange in Gesang und Instrumentalspiel, Textgestaltung und Improvisation von Kräften des Hauses geschult. Aus Frankfurt, Fulda, Aschaffenburg, dem Rhein-Main-Gebiet stammen die zwischen 13 und 20 Jahre alten Mitstreiter. Uwe Dierksen, der Posaunist des Ensemble Modern, war Leiter des gesamten Projekts und stand jetzt, bei der Uraufführung von „Mina“ auch am Dirigentenpult. Intendant Bernd Loebe ließ es sich nicht nehmen, seiner Rührung Ausdruck zu geben. An seine Jugend in den siebziger Jahren erinnernd, sah er den entscheidenden Unterschied von damals und heute in der „Waffe der Jugend“, die nicht mehr „Geschrei“, sondern „Poesie“ sei.

Ein problematischer Vergleich, denn der Neo-Sturm & Drang von 1970 und die Neo-Romantik von 2019 sind Varianten derselben weltschmerzlichen Haltung, der heute nur nicht mehr Hölderlin, Lenz, Ginsberg oder Brinkmann, sondern balladeske Schwermut leicht geschwollener Primanerlyrik entsprechen: „...ich mag grün – das ist so schön...“

Im Vergleich zum dürren Holz manchen Opernlibrettos immer noch ein Pluspunkt, wenngleich das dickere Plus in der noch ganz unverkünstelten Präsenz der singenden Schauspieler bestand. Wunderbar die jugendlichen Haltungen und Gesichter, die unverzogenen Gesten, das Reduzierte des gesamten Habitus, was viel glaubwürdiger ist als die Bedeutungshuberei, die man sonst Bühnenrollen angedeihen lässt.

Keine Haupt- und Staatsaktion, keine Weltrettung oder -beglückung, vielmehr ein Konflikt ohne große Fallhöhe bestimmt die fast vollständig in jugendlichem Milieu sich abspielende Handlung. Ein Mädchen, gepeinigt von Verlusterfahrungen und Blockaden, steht im Fokus von aufbrechender Liebe, Gruppenzwang und anderen alltäglichen Zumutungen, die Entscheidung, Anpassung und Beweglichkeit erfordern. Exzellent balanciert die Titelfigur zwischen Eigensinn und Selbstquälerei ohne psychologisierende Pseudoerklärungen. Zwei männliche Liebes- und Bezugsfiguren wirken wie Vergangenheit und Zukunft, licht und düster, zart und abgründig. Trefflich die Zeitgenossen der Alterskohorte, sei es als städtisches Straßen-, sei es als Kinopublikum. Muntere, aufgedrehte oder streunende Personen, die mal zu Tanzgruppen formiert sind oder als über die Bühne rennende Massen fungieren. Die angenehm zurückhaltende Regie liegt in den Händen Ute M. Engelhardts.

Eine zum Orchester hin sich senkende schiefe Ebene mit wenigen Requisiten macht die Bühne aus. Dazu kommt seitlich ein zweistöckiger Hochsitz wie eine Bleibe aus Baumhaus oder Hausboot des Mina-Freundes Finn. Die Rollen von Mina, Finn und Rey sind mit Lena Diekmann, Ole Schwarz und Jago Schlingensiepen grandios besetzt – sowohl stimmlich als auch in der Interaktion. Gleiches gilt für den Chor und die weiteren, oft halbsolistischen Rollen.

Am nachdrücklichsten ist die musikalische Realisation. Mehr als nur ein Hauch von Helene Fischer, Roland Kaiser oder Silbermond samt Intonationen Kurt Weillscher Provenienz, aber auch geräuschhafte Sounds bestimmen die Atmosphäre im Depot. Dierksen hat hier sicher sachte seine Kompetenz, griffige Klangchiffren für Ausdruckstypik zu finden, zur Geltung gebracht. Die brillante Orchestrierung mit mächtigen, ergreifenden Aufschwüngen wird vom Orchester der jugendlichen Spieler fast professionell umgesetzt. Und die Emphase, mit der der romantische Klang-Populismus der Großen des Geschäfts hier erfüllt ist, das geht ganz aufs Konto von Künstlern, die noch nicht abgeschliffen, die mit pochendem Herzen dabei sind.

Termine

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: 4., 6. Februar. www.oper-frankfurt.de

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