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Die Familie Peeters-Miller als Familie Demeester in der Abschiedskleidung.

Mousonturm

Milo Rau „Family“: Vokabeln lernen, Hunde kraulen

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Milo Raus überwältigend stilles Stück „Family“ im Frankfurter Mousonturm.

Im Jahr 2007 nahm sich in Calais die Familie Demeester – Eltern, zwei Kinder – das Leben, indem sie sich erhängten. Im Haus der Demeesters war geputzt, aufgeräumt, als die Polizei die vier fand. Kisten waren gepackt wie für einen Umzug, es gab außerdem die so schlichte wie rätselhafte Nachricht: „Wir haben es vermasselt, sorry“. Ein ganz und gar unspektakuläres, am ehesten durch seine Stille überraschendes Theaterstück mit dem Titel „Family“ hat der Schweizer Regisseur Milo Rau nun aus diesem Fall eines gemeinschaftlichen Suizids gemacht. Ein Stück ohne Spekulationen, ohne Enthüllungen (und welche sollten das auch sein?), ein Stück über eine Durchschnittsfamilie des westeuropäischen Mittelstands. Einer der Ko-Produzenten ist der Frankfurter Mousonturm, wo „Family“ jetzt in deutscher Erstaufführung gastiert.

Die wichtigste Entscheidung Milo Raus bestand darin, sich um die Schauspielerfamilie Peeters-Miller als Darsteller zu bemühen – An Miller, Filip Peeters, Leonce und Louisa – und „Family“ mit ihnen zusammen, auch mit den Teenager-Töchtern, zu erarbeiten. Man ging gemeinsam auf Recherchereise nach Calais. Es floss aber wohl auch nicht wenig Persönliches der Familie Peeters-Miller ein. Doch wenn man Rau gesagt habe „das nicht“, so sei das betreffende Detail auch nicht verwendet worden, versichern die Familienmitglieder.

Sie haben sich zum Beispiel überlegt, was sie am Leben lieben. Das Stück beginnt denn auch mit einer vielstimmigen Aufzählung aus dem Off: Vom Klackern von Hundepfoten auf Parkett über „Männer, die ganz hoch singen“ bis zum Schnorcheln im Meer, nackt. Die Eltern hören gern Leonard Cohen; es läuft sein „Who By Fire“, eine Aufzählung von Todesarten. Später läuft auch Barockmusik, die zweite Vorliebe An Millers.

Das Bühnenbild von Anton Lukas zeigt einen flachen Klinkerbau mit großen Fenstern und ist so naturalistisch, dass die Küche von Hobbykoch Filip Peeters wie eine echte genutzt werden kann. Vögel zwitschern. Autos fahren vorbei. Die Kostüme sind von Louisa Peeters mitentworfen, die Designerin werden möchte. Für eine ganze Weile wird sie ihre Schwester Leonce Englischvokabeln abhören. Beide werden dabei Billy und Bobby kraulen, die kleinen Hunde der Familie Peeters-Miller, die die ganze Zeit (rund anderthalb Stunden dauert das Stück) mit auf der Bühne sind.

Ein All-Tag nicht wie alle

Echte Hunde einer echten Familie in einem realistischen Bühnenbild: Man könnte den Zuschauersaal zwischendurch glatt vergessen und meinen, im Garten von Bekannten zu sitzen und ihnen bei ihrem Alltag zuzusehen. Allerdings an einem Tag nicht wie andere Tage, einem mit Akten, die heißen „Zeit töten“, „Der letzte Umzug“, „Finale Vorbereitungen“. Auch die Familie Peeters-Miller packt Kisten. Und, fragt An, hat Filip die Garage auf Handbetrieb gestellt?

Bedenken wegen der Mitwirkung zweier Teenager liegen mehr als nahe; Leonce und Louisa Peeters scheinen freilich mit großer Gelassenheit und Natürlichkeit dabei. Die Ältere, Louisa, erhält das letzte Wort, bzw. die letzten Sätze, die gleichzeitig das einzige sind, das auf ein Motiv verweisen könnte: Das „Vermasseln“ bezöge sich dann eher auf die Menschheit als auf die Demeesters. Und: „Wenn man sowieso sterben muss, warum nicht jetzt?“

Mousonturm, Frankfurt: 29. Februar. www.mousonturm.de

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