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In Feinrippunterwäsche unter Fahnen.

Staatstheater Kassel

Millers „Tod eines Handlungsreisenden“: Postfaktisch

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Maik Priebe modernisiert Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ in Kassel.

Willy Loman heftet sich Orden an die nackte Brust, sogar etwas Blut fließt dabei. Man weiß nicht, wofür er diese Auszeichnungen bekommen haben will, man weiß nicht einmal, ob er selbst das weiß. So sehr sehnt sich dieser ganz und gar graue Mann nach Erfolg, nach Anerkennung, dass ihm der Schmerz genauso egal ist wie die Wahrheit. „Halt mir keine Vorträge über Fakten“, schmettert er seinem zaghaft gegen die endlosen Lebenslügen aufbegehrenden Sohn entgegen. „Das interessiert mich nicht.“

Dieses offensive Bekenntnis zum Postfaktischen ist schon 70 Jahre alt, Arthur Miller hat es in seinem 1949 uraufgeführten „Tod eines Handlungsreisenden“ dem Vertreter Willy Loman in den Mund gelegt, der um jeden Preis den amerikanischen Traum vom Aufstieg leben will – und daran nicht nur scheitert, sondern zerbricht. Bedingungslos folgt Loman der Maxime, unbedingt die Nummer eins werden zu wollen, bis er den Spagat zwischen Schein und Sein nicht mehr aushält.

In einer Zeit, in der die Welt leidvoll erfahren muss, dass man es mit Loman’schem Größenwahn, Selbstbetrug und Faktenverachtung auch bis ins Weiße Haus schaffen kann, lohnt es sich, Millers klassische Abrechnung mit der Ideologie des American Dream noch einmal hervorzukramen. Maik Priebe hat das getan und präsentiert am Kasseler Staatstheater einen deutlich modernisierten „Handlungsreisenden“.

Staatstheater Kassel, Schauspielhaus. 22. November, 8., 19., 21., 26., 28. Dezember. www.staatstheater-kassel.de

Auch wenn man Willy Loman als einen jener Enttäuschten und „Abgehängten“, jener in einem verklärten Gestern verhafteten Wutbürger sehen könnte, aus denen sich die Kerngefolgschaft von Donald Trump rekrutiert, verzichtet Priebe auf schlichte Gegenwartsbezüge. Hier trägt niemand eine Make-America-great-again-Kappe. Seine Aktualisierung ist vor allem eine der Erzählweise. Aus dem Original-Zweiakter hat der Regisseur eine verknappte Szenenfolge destilliert, in der vieles nur angedeutet, nicht mehr auserzählt wird, in der die Chronologie aufgegeben wird zugunsten eines Spiels mit Schlaglichtern und Wiederholungen. Mehr Netflix als Miller.

Personal und Text sind so eingedampft, dass bereits nach gut 90 Minuten alles gesagt ist, und das, wie erwähnt, nicht nur einmal. Erstaunlicherweise hat die Inszenierung trotzdem ihre Längen, insbesondere im hinteren Teil, wenn die starken Bilder, mit denen die Aufführung beginnt, dauerhaft durch ein vergleichsweise langweiliges Guckkastenwohnzimmer ersetzt werden (Bühne: Susanne Maier-Staufen). Willy Loman ringt hier nur noch mit seiner Familie, mit seiner tapfer gegen die Resignation ankämpfenden Frau Linda (Caroline Dietrich) und seinen beiden Söhnen, dem treuherzigen Happy (Sandro Šutalo) und dem klarsichtigeren Biff (Hagen Bähr).

Strammstehen vor der Fahne

Zuvor sah man Loman (Enrique Keil) weit eindrucksvoller im Kampf mit sich selbst, mit seinen Träumen, mit seinen Erinnerungen, mit seiner wachsenden Verzweiflung. Nackt bis auf Feinrippunterwäsche entleert und zerquetscht er Bierdose um Bierdose, führt mit einer heruntergekommenen Fantasiegestalt die Gespräche, die er mit seinem Chef oder seinem idealisierten Bruder Ben zu führen glaubt, heftet sich Orden an die nackte Brust. Und steht geradezu rührend stramm vor einer Reihe von US-Fahnen, die ausgerechnet der Tramp auf der Bühne aufgerichtet hat.

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