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Besser, man versteckt sich: Elena Berthold als Mary Warren.

Staatstheater Mainz

Miller „Hexenjagd“: Und der Teufel tanzt im Spiegel

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Eine furiose, aber seltsam unpolitische „Hexenjagd“ im Staatstheater Mainz.

Der Dramatiker Arthur Miller hatte, als er 1953 „The Crucible“ schrieb über die Hexenprozesse im Ort Salem des Jahres 1692, die antikommunistische Hysterie seines Landes im Blick, geschürt von der Hetze und den Verschwörungstheorien des Senators McCarthy, nach dem eine ganze Ära der Intoleranz und gegenseitigen Bespitzelung benannt ist. Derzeit ist es der amerikanische Präsident, der hundertfach über eine „Hexenjagd“ schimpft, als deren Opfer er sich sieht, der oberste Schürer des Hasses. Wenn das Mainzer Staatstheater also just eine neue Inszenierung von Millers „Hexenjagd“ ankündigt, denkt man, es ginge nicht anders, als dass Regisseur Alexander Nerlich zumindest den Versuch macht, Parallelen zur aktuellen Situation zu ziehen. Da hat man falsch gedacht.

Im Kleinen Haus des Staatstheaters wird das Publikum aufgeteilt, so dass die Bühne zwischen zwei Zuschauertribünen liegt; die Nähe erhöht noch die Wirkung eines durchweg furiosen Spiels. Hölzerne Kirchenwände können angehoben werden, geben dann den Blick frei auf eine nüchterne, von unten beleuchtbare Spielfläche, aus der wiederum ein vereister Glaskubus hochgefahren werden kann (Bühne: Wolfgang Menardi). Lange Zeit braucht es nur ein Bett, in ihm liegt Betty Parris, eine der sich in Hysterien steigernden Teenager. Für die verletzte Charlotte Wollrad sprang am Premierenabend die Choreografin Cecilia Wretemark ein, und es wurde bald klar, warum das funktionieren konnte: Betty muss zucken, krampfen, die Augen verdrehen, sich über die Bettkante schmeißen, auf dem Kopfteil balancieren, andere anspringen – reden muss sie nicht.

Es gibt hier ungewöhnlicherweise eine Choreografin, weil die Inszenierung das Körperliche betont (was wiederum zur Abkehr vom Politischen führt, dazu später mehr). Auch die anderen drei Mädchen – Lisa Eder als Anführerin Abigail, Larissa Fichtner als Mercy, Elena Berthold als Mary – lassen sich fallen, dass man um ihre Knochen fürchtet, winden sich in Spastiken, zittern, beben. Liebevolle Küsschen werden gegeben, den Kindern auf die Stirn, der Frau auf den Mund. Es ist auch ihre Wärme und Zugewandtheit, die einige dieser Menschen verdächtig macht, sie tragen zwar Schwarz (Kostüme: Zana Bosnjak), sind aber lebensvoll statt puritanisch.

Auch bei Miller spielt die körperliche Lust eine Rolle, ist sie der unheilvolle Auslöser: die jungen Frauen tanzen nackt im Wald, erschrecken sich sehr, als man sie erwischt, spielen also lieber „krank“. Und John Proctor, Daniel Mutlu, hat es mit Dienstmädchen Abigail getrieben, wirft sie, reumütig geworden, raus. Aber Abigail will ihn, will ihn sehr.

Die Mainzer „Hexenjagd“ ist eine Geschichte von weiblicher Geilheit, wie sie das gesellschaftliche Gefüge durcheinanderbringt. Besonders stark verschiebt Regisseur Nerlich die Gewichte noch einmal weg von der politischen Ebene, wenn er Danforth, Stellvertreter des Gouverneurs, zu einer Frau macht, die nichts Dringenderes zu tun hat, als sich an Proctor, dann Gerichtsdiener Cheever zu hängen und lasziv zu reiben: Anna Steffens ist großartig, wenn sie Gefolterte, Todgeweihte in den Saal bittet, als bitte sie zum Kaffeeklatsch, aber als sexbesessene Domina wird ihre Figur veralbert. Dabei ist albern das Letzte, was einem zur „Hexenjagd“ einfallen sollte (und in Mainz über weite Strecken durchaus nicht einfällt).

Aber noch eine weitere Ebene, man könnte sie die der Gespenster nennen, nimmt dem Stück jede politische Relevanz. Denn über vier Waschbecken hängen vier dunkle Spiegel, dort tauchen nicht nur, wenn sich jemand wäscht, Gesichter auf wie Geisterscheinungen – Abigail etwa vor Proctor -, dort taucht auch eine Art Teufelsfigur auf. Außerdem gibt es zuerst im Raureif-Glaskubus, dann auch oberirdisch eine Schlangenfrau – Verführerin? – mit ästchendürren Fingern und passendem Kopfputz. Auch sie ein Wesen aus einer anderen Welt, womöglich eine echte (Baum-)Hexe.

Aber ist nicht der Punkt von Arthur Millers Stück, dass es definitiv keine Hexen gibt? Dass aber Menschen, die so vernünftig sind, nicht an Hexen zu glauben, beschuldigt und unter Androhung des Todes gezwungen werden, wiederum andere Menschen als Hexen (Kommunisten, Illegale ...) zu diffamieren?

Eine ungeheure Energie steckt das Ensemble in drei Stunden Aufführung. Es lässt einen also keineswegs kalt, wie Andrea Quirbach, Rebecca Nurse, als weise Mutter der Gemeinde wirkt, wie Julian von Hansemann, Reverend Hale, die Hand zittert, nachdem er ihr Todesurteil unterschrieben hat, wie Kruna Savic, Elizabeth Proctor, von Angst gepackt wird und trotzdem aufrecht bleibt.

Es ist das Paradox einer einerseits großartigen Aufführung, bei der man sich fragt, warum es denn dieses Stück sein musste, wenn man es reduziert auf „Kleine geile Puritanerinnen“.

Staatstheater Mainz: 17. Dezember, 2., 12., 17., 28. Januar. www.staatstheater-mainz.com

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