Michael Quast, hier bei der Volksbühnen-Eröffnung, der dann bald wieder die Corona-Schließung folgte. 
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Michael Quast, hier bei der Volksbühnen-Eröffnung, der dann bald wieder die Corona-Schließung folgte.  

Frankfurter Volksbühne

Michael Quast mit Stoltze in der Volksbühne: Biedermeier trifft Wirecard

  • vonStefan Michalzik
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Quasts Volksbühne meldet sich mit Stoltzes Untergangsszenarien zurück.

Wasser/das wär’ krasser“, reimte Friedrich Stoltze beinahe wie ein Rap-Gangsta 1857 in einer Satire auf die damalige Weltuntergangsstimmung, in der er erörterte, ob Frankfurt wohl an einer Sintflut oder an einer Feuersbrunst zugrundegehen werde. Nach mehr als hundert Schließtagen meldet sich nun auch die Volksbühne im Großen Hirschgraben zurück. Unter dem Titel „Weil doch die Welt bald unnergeht“ besorgt Michael Quast, ihr Gründer und Leiter, eine „humoristische Grundversorgung Frankforter Art“: nach Texten des freigeistig-streitbaren Satirikers und Mundartdichters Stoltze (1816–1891) und vor regelgemäß schütterem Publikum, was natürlich Anlass gibt zu launigen Bemerkungen.

I m vergangenen Herbst platzte die Eröffnung der Bühne, als sie dann im Frühjahr endlich erfolgte, kam gleich wieder die pandemiebedingte Stilllegung. Nun verbindet Quast Texte wie „Die Blutblas“ mit Bezügen zwischen Stoltzes Kommentaren zur Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1857 und der heutigen Krise. Biedermeier trifft Wirecard und Philipp Amthor.

Frankfurter Abstandsregeln

D ie obskurste Pointe indes lieferte die Hessische Landesregierung mit ihren Lockerungen für die Theater – punktgenau auf den Beginn der Sommerferien. Nicht mehr das gleiche Maß an Distanz künftighin – ab Mitte September will die Volksbühne mit einem „Notprogramm“ in kleinen Besetzungen aufwarten. Aber klar, so Quast süffisant, Abstandsregeln gelte es einzuhalten, das könne man ja in der Stadt sehen.

Ein Moment, in dem Michael Quast nicht in Topform wäre, ist schwer vorstellbar. Auch bei diesem Solo ist auf ihn Verlass. Stoltzes Fantasie zur Apokalypse ging seinerzeit dahin, dass er im „Kaste“ – der Arche Noah – ganz Frankfurt retten werde, mitsamt Dom, dem Gasthaus „Mainlust“ – und den Juden, im eher antisemitisch geprägten 19. Jahrhundert mitnichten eine Selbstverständlichkeit. „Schulte, Wanzen und Polizei“ – Stoltze eckte immer wieder bei der Obrigkeit an und musste zeitweilig ins Exil gehen – möge freilich die Sintflut fortspülen.

Als Frankfurt in den 1870ern schon einmal ein Opernhaus baute (den Vorläufer der Alten Oper), explodierten die Kosten auf das Zehnfache. Doch wozu Schuldengrenzen? „Grenzen sind doch nur auf Erden/Damit sie überschritten werden.“ Als Zugabe bietet Quast das Gedicht „Die Grippe und die Menschen“, in dem der Schweizer Satiriker Arthur Zimmermann 1920, als die Spanische Grippe wütete, schilderte, wie die Bevölkerung unter dem Eindruck der vielen Todesfälle die Regierung um Verbote anging – und als es Verbote regnete, sich „jeder Freude beraubt“ dagegen aufgelehnte.

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