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„Michael Kramer“ in Wiesbaden: An der nächsten Schwelle

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Von: Judith von Sternburg

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In der Bar: Michaline Kramer und Ernst Lachmann (Lena Hilsdorf, Matze Vogel). Karl und Monika Forster
In der Bar: Michaline Kramer und Ernst Lachmann (Lena Hilsdorf, Matze Vogel). Karl und Monika Forster © Karl und Monika Forster

Der Schmerzensvater und die Moderne: „Michael Kramer“ in Wiesbaden.

In einer klugen und ausgetüftelten Inszenierung identifiziert das Staatstheater Wiesbaden Gerhart Hauptmanns im Jahr 1900 veröffentlichten „Michael Kramer“ als Schwellenwerk zum 20. Jahrhundert. Im Stück, das er allerdings nicht überleben wird, ist es Kramers Sohn Arnold, der auf die expressionistische Zukunft weist, wenn man es so lesen will, und da in Wiesbaden ein strenges Bilderverbot herrscht, darf man es sich erst recht so vorstellen.

Aber auch jenseits der zentralen Konfliktlinien – der zurück Richtung 19. Jahrhundert gewandte wackere Kunstmaler und Titelheld, sein offenbar viel begabterer Sohn, der sich (aus nicht restlos erfindlichen Gründen) einer möglichen großen Zukunft verschließt – legt Ingo Kerkhofs Inszenierung die bevorstehende Moderne wie eine Flaschenpost in den Abend hinein. Sie ist schon da und sucht ihren Ausdruck, aber alles kuscht noch vor dem Alten.

Darum drängen sich Verse aus Otto Erich Hartlebens Albert-Giraud-Übersetzung der „Lieder des Pierrot Lunaire“ zwischen die Akte, in angespanntem Singsang vorgetragen, und darum nutzt die Musik von Felix Kroll Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“. Und darum bekommt die Michael-Kramer-lose Szene in der Bar von Liese Bänsch so eine zentrale Rolle: Auch wenn hier ein übler Stammtischmob lungert, gestaltet sich das diesmal vor allem als Treffpunkt einer Jugend, die selbst das Spießige mit einem ulkigen Elan inklusive modernistischer Tanzeinlage (Max Mehlhose-Löffler als loszappelnder Baumeister Ziehn) zelebriert.

Es ist, als wäre es schon wieder retro. Auch psychologisch hat die Bar-Szene die deutlichsten Konturen. Zwischen den losgelassenen Männern ist der das Unglück suchende Arnold, Paul Simon, im Grunde bloß ein Gespenst, während die beiden Frauen, Arnolds Schwester Michaline, Lena Hilsdorf mit dem interessantesten Gesicht des Abends, und die Wirtin Bänsch, Klara Wördemann, aneinander Halt suchen.

Die neuen Zeiten sind karg

Der in „Michael Kramer“, nur noch selten aufgeführt, vorgesehene Naturalismus wird in Wiesbaden wegretuschiert zugunsten eines kargen Bühnenkastens von Anne Neuser. Ein schmaler Leuchtrahmen kann blendend hell zum Vorhang werden. Die Kostüme von Britta Leonhardt verraten nicht zu viel, das Spiel ist zum Teil geradezu durchchoreografiert, zum Teil reduziert bis ins Künstliche: Mutter Kramer, Evelyn M. Faber, ist eingefroren in zu lange weggestecktem Leid, Vater Kramer, Uwe Eric Laufenberg, lässt nur noch ahnen, dass er einmal ein harter Knochen und ehrgeiziger Lokalmatador seiner Kunst war. Der Intendant spielt das gut, diese veröffentlichte, leicht pathetische Resignation, diese Reste von Stolz und Rechthaberei. An seinen Lippen hängt ja immer noch Ex-Schüler Ernst Lachmann, Matze Vogel, der einen gelungenen Auftritt als Jederkünstler bekommt. Erst recht an seinen Lippen hängt Michaline – ebenfalls Malerin, ebenfalls kein Genie, so jedenfalls das Diktum des Vaters, während unsereiner irgendwann doch gerne ein paar Bilder von ihr sehen würde.

Kerkhofs durchaus auch stilisierte Inszenierung geht sicher auf Kosten des Vater-Sohn-Dramas, überhaupt auf Kosten psychologischer Zusammenhänge. Sie ist aber ein origineller Versuch, eine Stimmung in der Schwebe zu zeigen und hören zu lassen – das Alte fast vorbei, das Neue noch nicht offiziell, und die Menschen verhalten sich schon entsprechend, wissen es aber nicht. Das Schlussbild hingegen gehört den alten Meistern. Kramer, der im Stück an einem Christusbild arbeitet, das niemand sehen darf, wird am Ende des Abends mit dem toten Sohn eine Pietà bilden. Seine Welt, sie wird mit ihm vergehen.

Staatstheater Wiesbaden: 12., 16., 18., 24. November, 2., 9., 16. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

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