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In der Setzkastenburg, der Titelheld ist Sebastian Reiß im roten Hemd. Foto: Thomas Aurin
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In der Setzkastenburg, der Titelheld ist Sebastian Reiß im roten Hemd.

Schauspiel Frankfurt

„Michael Kohlhaas“ am Schauspiel Frankfurt: Das Herz pocht

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Nachdenken und zittern, beobachten und erleben: Felicitas Brucker inszeniert Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ am Schauspiel Frankfurt.

Eine Kleist-Novelle, in der wie immer bei Kleist bereits alles da steht und nichts mehr illustriert werden muss, wirkt im Frankfurter Schauspielhaus zunächst einmal wie ein Beethoven-Streichquartett im Großen Saal der Alten Oper. Alle wollen dabei sein, das kann man verstehen, aber die Größe eines Kunstwerks und die Größe eines Raumes stehen nicht immer im proportionalen Verhältnis zueinander.

Nun kommt aber die Regisseurin Felicitas Brucker und macht etwas daraus. Ausstatterin Viva Schudt hat zudem die Bühne optisch komprimiert, eine kleinere, aber immer noch große Spielfläche Richtung Zuschauerraum geklappt und hinten einen noch etwas kleineren Bühnenrahmen gebaut. Ein steriles Zimmerchen, in dem Michael Kohlhaas, Sebastian Reiß, sich mit einem therapeutisch eingestellten Martin Luther, Matthias Redlhammer, ausspricht. Ein sehr starker Beginn: Redlhammers ostentative Unempörtheit gegenüber Kohlhaasens Verbrechen verdeutlicht erst recht das Monströse der Taten. Töten ist eine Entscheidung, sagt Redlhammer. Außerdem zerfließt hinter den beiden Luis Krawens schlichte Videoeinrichtung dalìesk, aber unaufdringlich. Zwei Menschen führen ein vernünftiges Gespräch über eine furchtbare Geschichte. Eine Welt löst sich auf.

Das ist das Spannungsfeld der nächsten 90 Minuten: Eine massive Dynamik und Lebendigkeit, kraftvolle Bilder für die Gewalt, die selten direkt zu sehen ist, fast immer nur in ihrer Wirkung auf den geschundenen Körper des Opfers. Auf der anderen Seite die Reflexion. Schauspielerinnen und Schauspieler fliegen durch die Gegend und trinken rote Farbe, damit ihnen das Blut aus dem Mund sprudeln kann. Aber das ist kein Spiel, das ist entsetzlich. Und Sarah Grunert schwingt sich aus der vordersten Reihe auf die Bühne und spricht den berühmten Novellenanfang. Und das Wort „entsetzlich“ – allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Sprechen – kommt ihr mit genüsslicher Verzögerung über die Lippen. Ja, ja, natürlich weiß sie in Wirklichkeit längst, was sie sagen will, jeder weiß es, und sie kostet bloß den Moment aus. Aber das ist keine Manier, das Wort „entsetzlich“ wird dadurch wie mit dem Messer ausgeschnitten. Schneidende Präzision. Bald schlüpft sie auch in die Rolle des Verbrechers, der Verbrecherin Nagelschmidt. Nagelschmidt kennt sich aus mit dem Entsetzlichen.

Brucker kommt ins Erzählen, es ist kein Nacherzählen und Illustrieren, es ist ein reflektierter Gang durch das Geschehen, das Kleist mit seinem ausgeprägten und fast penetranten Sinn für Genauigkeit aufdröselt. Durch das Eingangsgespräch ist es auch eine Art Rückblende, ein geistiges Noch-einmal-Hindurchschreiten. Großartig wird die Kammer dafür nach oben gefahren, sie wird zur Spitze der Setzkastenburg, in der die elenden Tronka-Leute das Sagen haben – das die Kohlhaas’schen die Burg nachher abfackeln werden, macht ihr neuerliches, durchaus gespenstisches Herauswachsen aus dem Boden umso triftiger. Hier lässt sich ferner herumklettern, hier kann man in zu niedrigen Räumchen ein Versteck finden.

Zu barockisierender Musik (Mark Badur), denn die Kultur ist allzu gern mit den ärgsten Lumpen, nehmen die Tronkas aber vorerst behaglich die Bühne ein. Sie haben Reitgerten dabei, sie spielen offenbar Golf, im Video geifern ihre Hunde. Es geht hier nicht direkt darum, ein differenziertes Bild der Eliten zu entwerfen, das bekommt nachher auch die sehenswerte Tronkasche Gruselverwandtschaft zu spüren, Grunert und Annie Nowak. Stefan Graf ist der schändliche Wenzel, Nils Kreutinger sein Schlossvogt, lärmige Nichtsnutze, ganz von dieser Welt. Aus der stammt auch die dynamische Aggressivität, eine Aggressivität, die man sich leisten können muss, und die Tronkas können. Dachten sie.

Reiß’ Kohlhaas: friedlich, versöhnlich, eher verblüfft als aufbrausend. Die Wende, der Tod seiner Frau (wieder Grunert, aber Brucker und Schudt veranstalten keine große Maskerade, alles bleibt im Fluss), wird durch einen effektvoll brennenden Lilienstrauß eingeläutet.

Brucker erzählt zügig, ohne Unterlass, sie hat ein vorzügliches Gespür für Geschwindigkeit, denn so gut kann man den Text gar nicht kennen, um nicht doch vor Wut ein pochendes Herz zu bekommen. Andererseits überspringt sie auch nichts (oder wenig), so dass der Knecht Herse, Nowak, übel zusammengehauen, die unsichtbaren Pferde zu Schanden gearbeitet, die ersten legalen Schritte des Kohlhaas zumindest begreiflich gemacht werden. Das Begreiflichmachen, das dazu beiträgt, dem Text diese drastische Intensität zu geben, verliert auf der Bühne nichts an Dringlichkeit, auch nichts an der kalten Neugier. Was wird Kohlhaas als nächstes tun? Können die Tronkas sich vor seinem Zorn retten? Würden wir das wollen?

Als alles praktisch vorbei ist, kommt noch die Knallergeschichte mit dem Amulett. Reiß spricht stellvertretend für alle gekränkten Menschen den fantastischen Satz aus: „Du kannst mich aufs Schafott bringen, aber ich kann dir wehtun und ich will’s“. Und schluckt seelenruhig den Zettel herunter, nachdem er ihn zuvor in großer Ruhe gelesen hat. Brucker schafft es auch hier noch einmal – obwohl sie nur Sekunden dafür hat und braucht –, die Zeit zum Stillstand zu bringen.

Als wirklich alles vorbei ist, gibt Brucker dem beziehungsweise der argen Nagelschmidt das letzte Wort – den Kohlhaas lässt sie insofern davonkommen, wie sie sich überhaupt nicht in jeden und alles verbeißt. Nagelschmidt-Grunert erklärt, dass für den (Verbrecher), der erwischt werde, zehn nachkämen. Das sagt er, wie beim Schauspiel zu erfahren war, in Anlehnung an einen deutschen Dschihadisten. Offensichtlich könnte es ebensogut aus einem anderen Verbrechermilieu kommen, etwas einem rechten. Entsetzlich, wie Nagelschmidt schon sagte.

Das Schauspiel aber macht uns ganz betroffen, nicht indem es belehrt, sondern indem es zu Beginn der Postcoronaära großes Theater macht.

Schauspiel Frankfurt: 26., 29. September, 3. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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