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Michel Friedmann (l.) und Ignatz Bubis (r.) beim Protest gegen „Die Stadt, der Müll und der Tod“ am 31. Oktober1985 an den Frankfurter Bühnen.

Städtische Bühnen Frankfurt

Micha Brumlik: „Ich würde gerade jetzt in eine Bühnen-Sanierung investieren“

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Micha Brumlik plädiert für einen besonnenen und liebevollen Umgang mit der Frankfurter Theaterdoppelanlage – und könnte sich eine repräsentative Umfrage in der Bevölkerung vorstellen.

Micha Brumlik, geb. 1947, lebte viele Jahre in Frankfurt. Er ist emeritierter Professor der Goethe-Universität und war Direktor des Fritz-Bauer-Instituts. Er zählt zu den renommiertesten Forschern der Geschichte des Judentums. 

Herr Brumlik, Sie haben den Aufruf von mehr als 4000 Repräsentanten der Kultur- und Wissenschaftsszene mit unterzeichnet, wichtige Bestandteile des Gebäudes der Städtischen Bühnen in Frankfurt zu erhalten. Was war Ihr Motiv?

Mein wichtigstes Motiv war, ehrlich gesagt, nostalgischer Natur. Ich habe in meiner Jugend und als Student viele Aufführungen von Oper und Schauspiel in Frankfurt gesehen. Sie waren für mein weiteres Leben sehr prägend. Das galt etwa für die Inszenierungen des Generalintendanten Harry Buckwitz im Schauspiel.

Buckwitz hat in den 50er und 60er Jahren Stücke von Bertolt Brecht auf die Bühne gebracht.

Und zwar in einer Zeit, in der Brecht in der Bundesrepublik als Kommunist verschrien und verfemt war. Ich erinnere mich aber auch an Opern-Inszenierungen von Ruth Berghaus, etwa ihr „Der Ring des Nibelungen“ in den 80er Jahren oder viel später an „Die Meistersinger von Nürnberg“, inszeniert von Christof Nel im Jahre 2002. An den Bühnen wurde Theatergeschichte geschrieben. Es gibt für mich eine enge Verbundenheit mit dem Haus.

Micha Brumlik.

Wie sehen Sie die architektonische und städtebauliche Bedeutung der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz?

Die Bühnen sind ein wichtiger Teil des Stadtzentrums. Es würde der Stadt nicht guttun, das Gebäude einfach abzureißen. Da besteht eine historisch gewachsene Identität.

Sie haben sich in Ihrer Zeit als Direktor des Fritz Bauer-Institutes zur Aufarbeitung der Geschichte des Holocaust viel mit Erinnerungsarbeit beschäftigt. Warum wird diese Erinnerungsarbeit von der Kommunalpolitik in Bezug auf die Städtischen Bühnen nicht geleistet?

Weil sich diese Erinnerung in diesem Fall „nur“ auf die Nachkriegszeit und die Nachkriegsmoderne bezieht. Ich muss in diesem Zusammenhang immer wieder an Hilmar Hoffmann denken, den großen Frankfurter Kulturdezernenten der 70er bis 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ich frage mich, was er dazu sagen würde, dass man die Bühnen einfach abreißen will. Es gibt in diesem Gebäude wichtige künstlerische Arbeiten, etwa die Wolkenskulptur des ungarischen Bildhauers Zoltan Kemeny oder das Gemälde „Commedia dell’Arte“ von Marc Chagall im Foyer. Das war damals eine Zuwendung des Künstlers Chagall an die Stadt Frankfurt, mit der man gar nicht gerechnet hatte.

Die Befürworter des Neubaus hoffen auf eine architektonische Ikone, vergleichbar mit der Elbphilharmonie in Hamburg.

Aber eine Ikone kann man nicht planen. Ich bin da skeptisch. Klar ist, dass die Technik der alten Theaterdoppelanlage marode ist. Die wird man erneuern müssen und das wird viel Geld kosten. Aber viele andere Teile des Gebäudes, etwa das Wolkenfoyer und die Bühnen, sollte man erhalten.

Micha Brumlik: „Antisemitismus“  ist kürzlich im Reclam Verlag (102 S., 10 Euro) erschienen.

Die Situation scheint derzeit ziemlich festgefahren.

Ich bringe da jetzt mal eine ganz basisdemokratische Idee ein. Wie wäre es mit einer repräsentativen Umfrage unter der Frankfurter Bevölkerung? Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis. In jedem Fall glaube ich, dass man außer über die Theaterdoppelanlage auch über eine neue Gestaltung des Willy-Brandt-Platzes nachdenken sollte.

Die Corona-Pandemie wird eine Entscheidung über die Zukunft der Bühnen verzögern. Sehen Sie darin eine Chance?

In jedem Fall. Ich bin ein alter Keynesianer, ich halte es mit dem britischen Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes. Das heißt: Ich würde gerade jetzt in der Krise in die Sanierung der Bühnen investieren. Die Frankfurter Wirtschaft kann jetzt erst recht einen großen Investitionsschub vertragen.

Welche Teile der Theaterdoppelanlage halten Sie für erhaltenswert?

Das Wolkenfoyer habe ich ja bereits genannt. Aber auch die Bühnen selbst sind ein wichtiger Teil der Theatergeschichte. Denken Sie beispielsweise an die Besetzung der Bühne der Kammerspiele am 31. Oktober 1985 durch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Da war ich beteiligt. Wir wollten die Uraufführung des Stückes „Die Stadt, der Müll und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder verhindern, weil wir es für antisemitisch hielten. Und das ist uns auch gelungen.

Stehen Sie heute noch zu dieser Aktion?

Ich stehe nach wie vor zu der Einschätzung, dass das Stück antisemitisch ist. Ein solch demonstrativer Akt wie eine Bühnenbesetzung wäre aber heute nicht mehr notwendig. Aber es war ein wichtiges Kapitel der Theatergeschichte, das heute vergleichsweise vergessen ist.

In diesem Zusammenhang: Wie beurteilen Sie es, dass das Bühnengebäude nicht unter Denkmalschutz steht?

Ich halte das für einen Fehler. Die Denkmalpfleger der Stadt und des Landes sind aufgerufen, diesen Fehler zu korrigieren. Man sollte die Bühnen unter Denkmalschutz stellen. Sie sind ein wichtiges Gebäude der Nachkriegsmoderne.

Sie haben Ende der 70er Jahre dafür plädiert, die Ruine des alten Opernhauses am Opernplatz stehen zu lassen. Die neue Alte Oper haben Sie abgelehnt.

Da habe ich meine Meinung geändert. Wozu ich aber nach wie vor stehe, ist meine kritische Einschätzung der neuen Altstadt. Ich finde sie nicht besonders gelungen, sie besitzt keine Aura.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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