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Bisheriger Intendant der Volksbühne: Chris Dercon.
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Bisheriger Intendant der Volksbühne: Chris Dercon.

Berliner Volksbühne

Metropole der Zerwürfnisse

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Schnödes Ende: Chris Dercon tritt als Intendant der Berliner Volksbühne zurück.

Der nüchterne Ton, mit dem der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) am Freitagmorgen mitteilen ließ, dass er sich mit Chris Dercon einvernehmlich auf ein sofortiges Ende von dessen Intendanz an der Volksbühne verständigt habe, lässt den emotionalen Krater, den der Kampf um das traditionsreiche Theater in der Berliner Kulturlandschaft hinterlässt, kaum erahnen. Die kurze Mitteilung kündet vom Ende eines quälenden Kapitels der Kulturpolitik, das weit über den Theaterbereich hinaus Wirkung gezeigt hat. Es ist ein konsequenter Schritt, der gewiss spitze Jubelschreie bei denen ausgelöst hat, die den umstrittenen Intendantenwechsel von Frank Castorf zu Chris Dercon von Beginn an als schlimmes Sakrileg aufgefasst haben. 

Die destruktive Energie der Beharrungskräfte, die in den bizarren Amtswechsel einflossen, dürfte nun auch den anstehenden Neustart beeinflussen. Nach dem schier endlosen Theater um das Theater, in dem schließlich jedes einzelne Requisit das Potenzial zu enthalten schien, Auslöser eines erbitterten Kulturkampfs zu werden, bedarf es für die Aufräumarbeiten nun auch eines nüchternen Blicks für das Mögliche.

Was immer der frühere Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) bei der Berufung Chris Dercons im Sinn gehabt haben mag, erwies sich als schwerer Kulturbruch, der weder im Umfeld der Volksbühne noch dem interessierten Publikum zu vermitteln war. Der Liste der kulturpolitischen Fehler sowie der Stillosigkeiten im menschlichen Umgang, insbesondere mit Blick auf die künstlerische Lebensleistung von Frank Castorf, ist lang. Zur traurigen Bilanz des Fiaskos, das zuletzt auch zu einem Haushaltsproblem anwuchs, gehört allerdings auch die bittere Erkenntnis, dass der vergleichsweise einfache Vorgang eines Personalwechsels nicht möglich war. Es ist ein administratives Scheitern, das einmal mehr belegt, dass es zur Durchsetzung politischer Entscheidungen nicht nur eines erklärten Gestaltungswillens bedarf, sondern auch kluger Vorbereitung und der Gunst des Augenblicks.

Der schnöde und am Ende verspätete Abgang des belgischen Kulturmanagers Chris Dercon ist kein Grund zu ausgelassener Freude, und es ist auch kein Beitrag zur Problemlösung, ihm mit Genugtuung die Hauptlast am spektakulären Misslingen zuzuschreiben. Chris Dercon ist zum traurigen Akteur eines unfrohen Gesellschaftsspiels geworden, in dem man ihn mit verbundenen Augen herumschubste und ihm zugleich Orientierung abverlangte.

Dercons Demission ist auch die Enttäuschung eines kulturpolitischen Versprechens nach internationaler Durchlässigkeit und kreativer Energiezufuhr. Seine Berufung von London nach Berlin vollzog sich beinahe zeitgleich mit der Aufnahme der Gründungsintendanz des britischen Museumsmannes Neil MacGregor am Humboldt-Forum. Berlin schien attraktiv genug, versierte Kulturmanager aus großen Londoner Häusern anzulocken, denen man unbedingt zutraute, den Ruf der Stadt als bedeutende Kulturmetropole der Welt zu festigen.

Von der Aufbruchsstimmung, die nicht zuletzt in den Personalentscheidungen zum Ausdruck kam, kann schon lange nicht mehr die Rede sein. Der Streit um die Nachfolge Dieter Kosslicks in der Leitung der Berlinale brachte ähnliche Zerwürfnisse zu Tage wie der Kampf um die Volksbühne, und zur Vollendung des kulturpolitischen Großprojekts Humboldt-Forum schaute man zuletzt lieber nach Potsdam als nach London, Paris oder Madrid. 

Wer immer sich jetzt in seiner Annahme bestätigt sehen mag, dass Chris Dercon als erfahrener Mann des Kunstbetriebs nicht der Richtige war, um ein Theater zu leiten, der sollte nicht übersehen, dass die trotzige Verteidigung der alten Volksbühne auch ein Verharren im Provinziellen bedeutete. Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat nun die Notbremse gezogen. Wie sie wieder gelöst werden kann, ist mit dem Vertragsende Chris Dercons nicht beantwortet.

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