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So lange der Kreisel sich noch dreht, ist alles offen. Paula Schrötter als Jessica.

Stadttheater Gießen

Messerscharfe Dramatik, tödliche Fallhöhe

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Wo aber findet man heute den Resonanzraum für solche Atemlosigkeit? Sartres "Die schmutzigen Hände" in einer nur teilweise überzeugenden Inszenierung.

Eine Schreibmaschine klappert unregelmäßig. Die Bühnenmusik (Julia Klomfaß) nimmt das Geräusch auf und wandelt es zu einem unvorhersehbaren Rhythmus um. So funktioniert der Übergang zwischen Vor-Geschriebenem und Realität.

Die Partei hat immer recht, und sollten Mitglieder anderer Meinung sein, gibt es eine Säuberung. So war das in der Stalin-Ära in allen kommunistischen Parteien. Jean-Paul Sartres 1948 uraufgeführtes Stück „Die schmutzigen Hände“, das die Praxis der Produktion und mörderischen Durchsetzung von Wahrheit („Prawda“) zum Gegenstand psychologisch fundierter philosophischer Dialoge macht, galt daher als antikommunistisch. Dem Autor war das nicht immer recht, zumal nicht nur der Stalinismus den Erfahrungsraum des Stückes formte, sondern auch der Rückblick auf die Résistance im Zweiten Weltkrieg. Ein Resonanzraum, der uns heute glücklicherweise nicht mehr unmittelbar zur Verfügung steht. Sartres Stück ist heute vor allem ein atemlos brillantes Dialogstück, das aus dem philosophischen Grundthema des Existentialismus messerscharfe Dramatik gewinnt.

Nur: Wo in der Wirklichkeit findet man heute die Fallhöhe für solche Atemlosigkeit? Wie viel Existentialismus, wie viel Kriegserfahrung, wie viel anarchistisch-bourgeoise Dekadenz steckt etwa in dem Satz eines mediengängigen Narzissten, es sei besser, nicht zu regieren als falsch zu regieren? Wie viel prinzipienlos-humanen Pragmatismus wagt die Spitze einer Arbeiterpartei, wenn sie mit Vertretern des Klassenfeindes über Flüchtlings-Obergrenzen und Rentenhöhe verhandelt? Nein, so bekommen wir die Sartre’sche tödliche Fallhöhe nicht hin.

Hüseyin Michael Cirpicis Inszenierung im Stadttheater Gießen sucht ihre Fallhöhe in der Psychologie der Figuren und versetzt das Stück in einen dreifach gestaffelten, meist bräunlichen Handlungsraum, der nach oben von einem gewaltig lastenden Block begrenzt wird (Bühne: Sigi Colpe). Dass Illyrien sich im Krieg befindet, dass die Arbeiterpartei auf den Einmarsch der Roten Armee wartet, sind ferne Projektionen.

Emotionales Reservoir des Dramas ist der Hass der zentralen Figur Hugo (Maximilian Schmidt) auf die eigene Herkunft, und dieser Hass bildet die Substanz des politischen Diskurses. Schmidt gibt den Hugo als tief verletztes Kind, das eigentlich den Vater umbringen will – Moment, gab es da nicht ein anderes Drama, ein älteres? – und nicht erwachsen werden kann, bis das erledigt ist. Lukas Goldbach gibt den beeindruckenden Hoederer, der die Fäden in der Hand hält, auch die, die Hugo zur Marionette machen. Paula Schrötter ist eine wunderbar mehrgesichtige Jessica – Spielkameradin und erotische Herausforderung – und damit letztlich Hugos Mordmotiv.

Schade ist, dass dieses durchaus schlüssige Kammerspiel-Konzept auf der Bühne mit allerlei Geschrei aufgeladen wird, als entstehe Betroffenheit nur aus Hochdruck. Als könne Fallhöhe nicht auch leise wachsen. Als sei Zorn das einzig mögliche Bindeglied zwischen Philosophie und Praxis. Julia Klomfaß’ subtile Bühnenmusik deutet auf andere Möglichkeiten.

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