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„Mensch Meier“: Wer ist eigentlich am Unglücklichsten?

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Von: Judith von Sternburg

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Die Meiers unter sich: Ludwig, Otto, Martha (v.l.).
Die Meiers unter sich: Ludwig, Otto, Martha (v.l.). © Andreas Etter

Franz Xaver Kroetz‘ lakonisches Familientrümmerstück am Staatstheater Mainz.

Franz Xaver Kroetz’ „Mensch Meier“ von 1978 zeigt die deutsche Kleinfamilie in schlechter Verfassung. Die bayerische Kleinfamilie, aber in Mainz kann es nicht so klingen, dafür umso gestelzter, was ebenfalls sehr kroetzhaft ist. Das Familienoberhaupt, der Titelheld Otto Meier, ist tonangebend und gewissermaßen grundverantwortlich für diese Situation, zumal die Erinnerung an den Vater als Vertreter von Staat und Macht im privatesten Kreise in ihm durchaus noch lebendig ist. Er ist allerdings auf seine Weise dann auch der Hauptverlierer. Der aufmüpfige Sohn, die nicht endlos duldsame Ehefrau verlassen ihn, er bleibt in einer Ohnmacht zurück, deren Abgründigkeit im lapidaren Grundton des Textes gleichwohl zur Geltung kommt. Zumal Otto Meier nichts geschenkt worden ist. Die Szene, in der Holger Kraft den Schraubenmann schrauben lässt – als Hilfsarbeiter in einem Autowerk, nachdem er im gelernten Beruf nichts mehr gefunden hat, und auch um diese Hilfsarbeit muss er nun bangen –, vermittelt die Stupidität eines Roboterlebens am Fließband mit Leichtigkeit und doch deprimierend. Wie schon Charlie Chaplin demonstrierte, dass gerade repetitive Ödnis ein Feld für Virtuosen ist.

Die Inszenierung von K.D. Schmidt geht einen überzeugenden Weg zwischen Unwirklichkeit und einem Realismus, der sich nicht im Karikaturhaften verliert. Nützlich hierfür das Bühnenbild, das Matthias Werner im tiefgelegenen Studio U17 gebaut hat. Der grauen Möbelburg geht alles Heimelige ab. Auch bevor Otto Meier als Wüterich die Wohnung kurz und klein haut, herrschen hier Ungemütlichkeit und vor allem Unbequemlichkeit. Das Trio turnt behände herum, um aufs Sofa oder ins Ehebett zu gelangen. Auf dem Sofa baumeln die Beine ins Freie, im Ehebett, wo es zu Sexszenen kommt, muss man schon schauen, dass man nicht links oder rechts in die Tiefe stürzt. Der Sohn schläft auf einem Regal. Aber wer schon einmal eine verbaute Wohnung gesehen hat, erkennt die Atmosphäre wieder. Die Kostüme von Lina Maria Stein: Genüssliches Retro mit Kunsttextilien, Blumendrucken, Pollundern, Dackelohrkragen.

Das Spiel ist kein Klimbim

Man kann sich kaum satt daran sehen, aber das Spiel ist kein Klimbim. Kraft zeigt wahrlich einen Menschen Meier, man mag ihn nicht, mit Grausen erkennt man die Sentenzen von einst wieder. Aber die Wehrlosigkeit eines weder reichen noch klugen noch gesamtgesellschaftlich in einer irgendwie günstiger Position befindlichen Patriarchen ist groß. Auch die Wut, mit der er die Burg trümmert, die schweren Bestandteile – Otto Meiers Welt – gehen mit einem Donner unter, wie es das Theater ohne technische Beihilfe selten produziert.

Anna Steffens, seine Frau Martha, ist ebenfalls unglücklich und wird es wohl bleiben, immerhin gelingt es ihr aber, ihr Restleben in die Hand zu nehmen, sich Arbeit zu suchen, eine Wohnung. Steffens, deren Martha man zunächst für die Kleinbürgerin par excellence halten will – selig schniefend angesichts der königlichen Hochzeit von Silvia Sommerlath –, lässt sich darauf nicht ein, auch sie zeigt freundlich und unerbittlich einen Menschen wie dich und mich. Das Plakative der Vorgänge macht übrigens umso deutlicher, wie sehr Kroetz auf Thesen verzichtet, wie eindringlich er stattdessen einen Status quo analysiert. Aus dem Sohn Ludwig, David T. Meyer als überzeugend junger, unglücklicher und verschlossener Trotzkopf, noch am besten herauskommt. Den Vater provoziert er mit seinem Herumgehänge, der Vater provoziert ihn mit dem berüchtigten Seinem-Sohn-soll-es-einmal-besser-Gehen. „Lieber tot als so wie du“, ruft Ludwig den Alptraumsatz aller Eltern.

Für die Aufräumarbeiten in der Wohnung wird zwischenzeitlich das Saallicht eingeschaltet. Steffens und Kraft arbeiten Hand in Hand wie Menschen, die anpacken können und einander sehr vertraut sind. Eine zutiefst nüchterne Szene. Und Befreiung ist ein Wort, das oft doch zu groß ist für unsere kleinen Leben.

Staatstheater Mainz, U17: 28. März, 9., 12., 23. April. www.staatstheater-mainz.com

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