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Sie suchen, finden und berühren sich: Szene aus „Memento“.
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Sie suchen, finden und berühren sich: Szene aus „Memento“.

Hessisches Staatsballett

„Memento“ von Tim Plegge: Der Stoff, aus dem die Menschenwesen sind

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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„Memento“, ein melancholisches, fein gewebtes Tanzstück von Tim Plegge für das Hessische Staatsballett.

Im Wort Memento schwingt immer das „mori“ mit, als Mahnung, die eigene Sterblichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Und auch wenn das jüngste Tanzstück Tim Plegges, Hauschoreograf des Hessischen Staatsballetts, nur „Memento“ überschrieben ist, so ist der Tod darin immer wieder gegenwärtig, flackert es zwischen zarten, aber lebensvollen Duetten und unerbittlich hereinströmender Dunkelheit in Form gänzlich schwarz verhüllter Tänzerinnen und Tänzer, auch eines voluminösen, wabernden Stoffberges, einer Art schwarzes Loch, in dem der Mensch verschwindet.

Als erste Produktion mit dem ganzen Ensemble, dazu dem von Johannes Zahn geleiteten Staatsorchester Darmstadt, konnte nach langer Corona-Pause des Balletts „Memento“ im Staatstheater Darmstadt zur Uraufführung kommen. Da mehr als 500 Zuschauerinnen und Zuschauer dabei sein wollten (Intendant Karsten Wiegand verkündete es froh), mussten alle ihre Masken aufbehalten. Was den äußerst herzlichen, man könnte meinen: dankbaren Schlussapplaus nicht minderte.

„Memento“ im durchsichtigen Labyrinth

Ein Labyrinth aus halbdurchsichtigen Vorhangwänden hat Bühnenbildner Andreas Auerbach entworfen. In allerlei verschachtelten Varianten lässt es sich herabsenken, wieder anheben, stimmungsvoll schummrig beleuchten, auch mal wie eine Leinwand bespielen. In diese fast jenseitig wirkenden Räume setzt Tim Plegge zart gewandete Menschenwesen, „Hautfarbene“, Paare. Im Kontrast dazu eine Schar von Kostümbildnerin Judith Adam mit derben schwarzen Hoodies plus schwarzer Gaze vor dem Gesicht und weiten schwarzen Hosen ausgestatteter Gestalten (Todesboten?), die sich zwischen die hell Gekleideten mischen, auch mal eine drohend dunkle Reihe zwischen hellen bilden, auch mal tragen, stützen, heben – aber wer weiß, die Hautfarbenen vielleicht dabei in die Unterwelt locken.

Tim Plegge, der bisher überwiegend Handlungsballette choreografiert hat, löst sich in „Memento“ nur fast von jeder Figurenzeichnung. Denn ein gewisses „Klärchen“ geistert durch sein Stück, in dem freilich jede und jeder sehen kann, was er will: Engel, Tod, Schutzgeist, Alien. Ganz zu Anfang ist sie mittels Projektion umgeben von zaubrischem Flirren und Funkeln. Dann kommt sie mit einem Steppbett-ähnlichen, goldschimmernden Umhang herein, später mit einem Goldgeflecht am Rücken, das in der Form am ehesten an eine Erdnuss erinnert. Nicht auf anregende Weise rätselhaft als vielmehr gespreizt und befremdlich.

Zudem ein Kostümbrimborium, dessen der feinziselierte, wandlungsreiche Tanz gar nicht bedurft hätte. Seelenvoller Tanz, der unterstützt wird von Ausschnitten aus Max Richters „Vier Jahreszeiten“-Version sowie ominösem elektronischem Knurpseln und Wabern. Und der dramaturgisch gekonnt abwechselt zwischen unterschiedlich eingefärbten Duos, Soli, energievollen Ensembles. Wehmut schwingt mit, aber auch eine stille Hingabe. Suchende vor allem scheinen diese Menschenwesen zu sein, aber auch Liebende und sich in die Fährnisse des Lebens Fügende. Ein kleiner, mehrfach vorgetragener Text spielt eine Rolle, von einem „du und ich“ ist darin die Rede, von Erinnerung und den Spuren, die ein Körper hinterlässt, von Berührung. „Noch erkenne ich dich“.

Der 75-minütige Abend hätte sich in seiner schönen Konzentration und Intensität vermutlich doch auch getragen ohne Effekte wie den sich im Hintergrund blähenden schwarzen Stoff-Klops – dieser Teil dauert einfach zu lange – und ohne unerwartet Konkretes wie das Erwürgen einer Frau durch ihren Partner. Noch dazu steht sie nach der letzten Zuckung wieder auf und begibt sich durchaus sehnsuchtsvoll in seine Arme.

Von hübscher Nüchternheit der Schluss: Während jeder für sich immer wieder auf die Knie fällt, während Tänzerinnen und Tänzer nacheinander abgehen, beginnen die Bühnenarbeiter rund um sie schon abzubauen und aufzuräumen.

Staatstheater Darmstadt: 22., 23., 29. Oktober, 4. November. www.staatstheater-darmstadt.de

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