+
Christina Weiser, Jürgen Wink und Christina Thiessen.

Staatstheater Kassel

„Mein verwundetes Herz“ in Kassel: Das Grauen zwischen den Zeilen

  • schließen

Die Briefe der von den Nazis ermordeten Jüdin Lilli Jahn als Bühnenstück am Staatstheater Kassel.

Als nach dem letzten Satz das Licht erlischt, ist nur noch Stille und Dunkelheit. Keine Hand will zunächst sich rühren zum Applaus, zu groß ist die Beklemmung, die Berührung. Zu groß vielleicht auch die Hemmung, zu beklatschen, was man zwar wusste, aber gerade noch einmal in schmerzhaft klaren Worten hören musste: dass Lilli Jahn in Auschwitz gestorben ist. Und dass wohl niemand je erfahren wird, ob sie an Schwäche starb, an Hunger, Krankheit oder im Gas.

Es ist ein besonderer Theaterabend, den Intendant Thomas Bockelmann am Kasseler Staatstheater geschaffen hat. Gemeinsam mit seinem Dramaturgen Michael Volk hat er aus dem bewegenden Buch, das der Spiegel-Journalist Martin Doerry vor bald 18 Jahren über seine Großmutter, die jüdische Ärztin Lilli Jahn, veröffentlichte, ein Bühnenstück gemacht. „Mein verwundetes Herz“ heißt es, wie das Buch, und wie dort stehen die Briefe im Mittelpunkt, die sich Lilli Jahn mit ihren Kindern schrieb, nachdem sie im August 1943 denunziert und im Lager Breitenau bei Kassel eingesperrt worden war. Bis zum allerletzten Brief, den sie, wenige Tage vor ihrem Tod und zu geschwächt, um selbst den Bleistift zu halten, offenbar einer Mitgefangenen in Auschwitz diktierte: „Meine Gedanken sind ununterbrochen immer bei Euch. Hoffentlich seid Ihr alle gesund. Ich grüße und küsse jeden einzelnen tausend Mal.“

Über diese Briefe – Hunderte sind es, die wie durch ein Wunder erhalten blieben – ist schon fast alles gesagt und geschrieben worden: über ihre Bedeutung als einzigartiges Dokument der Shoah, über ihre Kraft, eines der vielen Millionen Opfer der Nazi-Barbarei in seinen Gedanken und Gefühlen wieder lebendig werden zu lassen. Und das obwohl, oder gerade weil das Grauen in den Briefen nur durchscheint. Wenn Lilli Jahn, die ihre Kinder eigentlich vor der Wahrheit schonen will, sie dann doch um ein Stück Brot oder einen Apfel bittet. Oder wenn sie immer wieder – und immer wieder vergeblich – ihren Ex-Mann, den „arischen“, in Immenhausen bei Kassel praktizierenden Mediziner Ernst Jahn, um Intervention bei der NS-Bürokratie bittet. Ausgerechnet jenen Mann, der ihr mit der Scheidung 1942 den letzten Schutz vor der Verfolgung genommen hatte.

Die Inszenierung, von Bockelmann selbst vorgenommen auf der Studiobühne im Fridericianum, ist äußerst zurückhaltend, eher szenische Lesung als Theater. Die Bühne ein einfacher weißer Kasten, die Kostüme zeitlose Alltagskleidung (Ausstattung: Ulrike Obermüller). Der Text, im Wechsel vorgetragen von Christina Weiser, Jürgen Wink und Christina Thiessen, die den zwischen Naivität und viel zu frühem Erwachsenwerden oszillierenden Briefen der Kinder anrührenden Ausdruck verleiht, bleibt ganz nah an der Vorlage. Spielszenen gibt es nicht, Dialoge kaum, denn sie hätten erfunden werden müssen. Das macht den Abend, weil erst und noch weitgehend ohne Briefe die Vorgeschichte erzählt werden muss, anfangs zwar sehr nüchtern. Doch es ist richtig. Alles andere hätte die Gefahr der Anmaßung und der Trivialisierung bedeutet.

Eine kleine Unwucht hat die Inszenierung dennoch. Während der Horror, den das Leben im Lager für Lilli Jahn bedeutet haben muss, immer nur zwischen den Zeilen spürbar wird, erzählen die Kinder ihrer Mutter wortreich vom Schrecken der Bombardierung Kassels, von ihrer Odyssee durch die brennende und zerstörte Stadt. Ein Ungleichgewicht, das natürlich bereits in den Briefen angelegt ist, hier jedoch unglücklicherweise noch weiter verstärkt wird: durch dramatische Bilder fallender Bomben und der Kasseler Ruinenlandschaft, die auf die Bühnenrückwand projiziert werden – während vom Lager Breitenau nur kühle Dokumentaraufnahmen zu sehen waren (Videos: Behrooz Karamizade).

Als nach der Uraufführung doch noch der Applaus aufbrandet, will er gar nicht wieder enden. Fast das ganze Publikum erhebt sich und spendet stehend Beifall.

Staatstheater Kassel,tif im Fridericianum. 31. Januar, 8., 14., 21. Februar. www.staatstheater-kassel.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion