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Pees, hier mit einem Modell für den Pandemie-konform umgebauten Mousonturm-Saal. Foto: Christoph Boeckheler
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Pees, hier mit einem Modell für den Pandemie-konform umgebauten Mousonturm-Saal.

Mousonturm / Berliner Festspiele

Matthias Pees verlässt Frankfurt

  • VonUlrich Seidler
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  • Judith von Sternburg
    Judith von Sternburg
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Der Mousonturm-Intendant übernimmt die Leitung der Berliner Festspiele vom vorzeitig scheidenden Thomas Oberender.

Knapper geht es kaum. In der Mittagspause des vorletzten Werktags vor dem Wahlsonntag gibt die Bundeskulturministerin Monika Grütters (CDU) die Entscheidung über die Nachfolge von Thomas Oberender als Intendant der Berliner Festspiele bekannt: Der 51-jährige Matthias Pees, Intendant am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt, wird es sein. Er kehrt damit zurück in die Stadt, in der der gebürtige Niedersachse Anfang der 90er seine Karriere als freier Autor begann und 1995 an die Volksbühne wechselte. Der Weg führte über mehrere Stationen bis nach São Paolo in Brasilien, wo er von 2004 bis 2010 ein Produktionsbüro für internationalen Kulturaustausch leitete – und Kontakte knüpfte, die sein Programm für den Mousonturm mit zahlreichen lateinamerikanischen Gastspielen mitprägten.

Pees Vertrag in Frankfurt war vor einem Jahr – auch unter Hinweis auf die Stabilisierung der Finanzen unter seiner Leitung – bis Ende 2024 verlängert worden. Stattdessen geht es nun nach Berlin, Start soll im Herbst 2022 sein. Als Intendant der Berliner Festspiele trägt Pees Verantwortung für zwei Häuser – den Martin-Gropius-Bau und das Haus der Berliner Festspiele, die ehemalige Freie Volksbühne – sowie für wichtige Festivals wie das Jazz-Fest, das Theatertreffen, die MaerzMusik. Die Festspiele gehören in den Geschäftsbereich der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, die mit den Bundesmitteln auch das Haus der Kulturen der Welt und die Berlinale betreiben.

Es scheint so, als wolle mit der Besetzung dieses nicht unwichtigen Postens, noch jemand bis zur letzten Sekunde seine Macht und seine Gestaltungmöglichkeiten auskosten. Es wäre allerdings auch nicht gut gewesen, mit der Personalie bis nach der Wahl zu warten, wenn das Schmieden der Koalitionen beginnt. Und zu warten, bis das Gekungel zu einem Ergebnis kommt, wäre geradezu fahrlässig, schließlich läuft der Vertrag mit Oberender, seit 2012 im Amt, mit diesem Jahr aus.

Noch im November war die Verlängerung von Oberenders Amtszeit bis 2026 verkündet worden. Dann aber, kurz vor dem Sommer, entstand Handlungsbedarf, weil Oberender mitteilte, sich umentschieden zu haben und eben diese Vertragsverlängerung auflöste. Er wolle sich „anderen Herausforderungen widmen“. Näheres wurde über seine Gründe nicht bekannt.

Ließ sich sein Vorgänger Joachim Sartorius seinen Posten eher als repräsentative Muse der Festspiele gefallen, griff der 1966 in Jena geborene Oberender tief in die Strukturen hinein, er mischte bei Jurysitzungen mit, schaffte Festivalformate wie die Foreign Affairs ab, widmete freiwerdende Mittel etwa für seine Genregrenzen sprengende Immersionsreihe und großangelegte Diskursveranstaltungen wie „Palast der Republik“ oder demnächst für die temporäre Wiedererweckung des ICC um. Er umspielte das altehrwürdige Theatertreffen bis zur mit showstehlenden Rahmenprogrammen und verwirklichte Eigenproduktionen wie das „Nationaltheater Reineckendorf“ von Vegard Vinge und Ida Müller.

Mit diesem Feuerwerk an Ideen, Neuerfindungen, Großprojekten und Reformen stresste er nicht nur die Kulturredaktionen, sondern sicher auch seinen eigenen Betrieb. Offenbar waren die Widerstände irgendwann größer als seine Freude an Überforderung und Veränderung. Mit Pees ist nun unter Zeitdruck jemand gefunden, der kaum weniger Veränderungsfreude an den Tag legt, am Mousonturm jedenfalls eine rege Festivalisierung beförderte. Einem Kulturplaner steht das gut an, zum Teil schien es freilich dazu zu dienen, eine enorme Fülle an Minigastspielen und kleinen eigenen Projekten in Form zu bringen. Zugleich verlor der Mousonturm in der unter Buroch so wichtigen Tanzsparte an Boden. Während der Pandemie erprobte das Haus früh originelle Projekte, am spektakulärsten der „Sommerbau“, eine Art Globe-förmiges Theater zwischen Frankfurt und Offenbach.

Die Post-Corona-Stimmung in den Kulturbetrieben des Landes steht allerdings eher auf Besinnung, Reflexion, Konzentration und auf Entschleunigung. Der lebhafte Pees wird Glück brauchen für diesen Spagat. Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig würdigte seine Kooperationsfreude in die Stadt hinein und die Wirkung seiner Arbeit über die Stadt hinaus. Sie sprach von einem „herben Verlust“ für Frankfurt, auch wenn sie sich persönlich sehr für Pees freue.

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