Matthias Lilienthal im Olympiastadion.
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Matthias Lilienthal im Olympiastadion.

Kammerspiele München

Matthias Lilienthal, Intendant: „In München musste ich nur so sein, wie ich bin – und schon war ich politisch“

  • vonMichael Schleicher
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Die Geschichte einer Verführung: Matthias Lilienthal über die frühen Tiefen und späten Höhen seiner kurzen, aber durchschlagenden Zeit als Intendant der Kammerspiele.

Matthias Lilienthal, 1959 in Berlin geboren, war in den Neunzigern Chefdramaturg an der Volksbühne Berlin und wurde 2003 künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des HAU. 2015 wurde er Intendant der Münchner Kammerspiele. Zweimal leitete er das Festival „Theater der Welt“, das 2023 nach Frankfurt und Offenbach kommt: 2002 im Rheinland und 2014 in Mannheim. 

Herr Lilienthal, wie groß ist Ihre Wut auf Corona, weil das Virus das Finale Ihrer Intendanz verhagelt?

Das ist mir wurscht. Corona ist eine viel zu gefährliche Krankheit, als dass ich in diesem Zusammenhang über unser Finale an den Kammerspielen nachdenke. Unser Ziel ist, dass alle Leute unbeschadet durch die Krise kommen. Und ich mache drei Kreuze, wenn im Sommer nächsten Jahres weiterhin niemand von den Kammerspielen infiziert war und kein Mensch zu Tode gekommen ist. Dann bin ich glücklich, und dann tut es mir null leid um ein verpasstes Finale. Es ist die zweite Pandemie meines Lebens – bei der ersten sind deutlich mehr Menschen in meinem Umfeld gestorben.

Was war die erste?

Aids. Ich habe damals in der Schweiz gearbeitet, wo es schlimmer war als in Deutschland. Dort sind enge Freunde von mir gestorben – vor der Wiederholung dessen habe ich jetzt Schiss. Mein Abschied aus München ist dagegen egal. Die Intendanz ist sowieso legendär …

Inwiefern?

Sie war anders als jede andere in den vergangenen 50 Jahren. Und daran kann Corona nichts ändern.

Sind Sie so kurz vor dem Abschied in München angekommen?

Es gibt jetzt die hemmungslose, bedingungslose Liebe zwischen dem Publikum und den Kammerspielen. Ich finde diese Entwicklung eine Sensation: Ein inhaltlich, ästhetisch sehr forderndes Programm trifft auf 85 Prozent Platzauslastung – uns ist es gelungen, die Stadt zu verführen!

Sie haben keine Verlängerung Ihres Vertrags angestrebt. Bereuen Sie das mit Blick auf die letzten beiden Spielzeiten, die gut gelaufen sind?

Bevor ich nach München gekommen bin, hatte ich nur Dreijahresverträge – mir waren fünf Jahre eigentlich zu lang. Ich bin immer davon ausgegangen, wenn man sich heiß und innig liebt, wird man verlängern. Und wenn die Liebe flöten gegangen ist, sind drei Jahre eine Zeit, die lange genug ist. Die fünf Jahre hatten alle Höhen und Tiefen.

Gar keine Wehmut?

Klar hätte ich Lust, mit dem Ensemble den Lauf fortzusetzen, den wir in der vierten und fünften Spielzeit hatten. Aber man soll eben bestimmte Dinge beenden, wenn sie am schönsten sind.

Was hat sich in den fünf Jahren mehr verändert? Die Kammerspiele oder ihr Publikum?

( Lilienthal denkt nach): Das müssen Außenstehende beurteilen. Das Theater und das Publikum sind zusammen einen Weg gegangen.

War einer der Wendepunkte in der Beziehung des Publikums zum Haus die Premiere des zehn Stunden langen Antikenspektakels „Dionysos Stadt“ im Oktober 2018?

Ganz sicher. Ich bin vor allem auf die Regie, das Ensemble und die Produzentenleistung bei „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping sehr stolz. Denn Ende der dritten Spielzeit war das Theater schlecht besucht, die Akzeptanz in der öffentlichen Meinung war kompliziert. Es ist mutig, in dieser Lage zu sagen: Wir machen zehn Stunden Theater, für die 120 Leute hinter der Bühne arbeiten müssen. Hätten dann nur 60 Menschen im Zuschauerraum gesessen, wäre es ganz bitter geworden. Ich glaube, die Einstellung, dass wir einfach machen, worauf wir Lust haben, in der Hoffnung, das Publikum mitzuziehen, hat die Wende gebracht. Es ist dabei die Inszenierung des Jahrzehnts entstanden.

Was haben Sie in Ihrer Münchner Zeit erreicht?

Was wir erreicht haben, ist eine totale Verjüngung des Publikums. Was wir erreicht haben, ist eine Akzeptanz von völlig anderen Spielstilen. Was wir erreicht haben, ist eine Hybridisierung des Theaters, bei dem internationale Theatermacher, freie Gruppen und Stadttheater ein Gemisch ergeben, das nicht mehr auseinanderzuhalten ist. Und was wir erreicht haben, ist, die Kammerspiele als ein politisches Theater neu auf die Tagesordnung zu setzen.

Matthias Lilienthal


An den Kammerspielen sorgte Lilienthal in der Münchner Politik und Stadtgesellschaft mit seinem Konzept zunächst für helle Aufregung. In den vergangenen zwei Spielzeiten änderte sich das deutlich. 2018 gab er bekannt, keine Verlängerung seines Vertrags anzustreben. Seine Nachfolgerin von der nächsten Spielzeit an wird Barbara Mundel sein. Zuvor feiert Lilienthal Abschied, soweit die Corona-Situation es ermöglicht: mit Theater, aber seit diesem Wochenende auch mit einem Plakatkunstprojekt in der Stadt – Künstlerinnen und Künstler befassten sich dafür mit dem Thema „Welt ohne Kunst“. Für den 17. Juli ist eine Abschluss-veranstaltung mit Ensemble und Team im Olympiastadion angekündigt. www.muenchner-kammerspiele.de

Sie haben sich stets sehr deutlich positioniert.

Das habe ich immer in meinem Leben getan. An Castorfs Volksbühne war es die Auseinandersetzung um die Wiedervereinigung; am Berliner HAU war es die Auseinandersetzung um Migration, und hier in München musste ich einfach nur so sein, wie ich bin – und schon war ich politisch.

Ging es am Anfang zu sehr um Ihren Stil, um Ihre Klamotten und das, was Sie wann wie gesagt haben, als um das, was auf der Bühne geschah?

( Lilienthal denkt nach) In allen Interviews habe ich immer unglaublich freundlich, zugewandt und werbend gesprochen. Ich habe eigentlich überhaupt nicht polarisiert. Bei den Klamotten kann man mir natürlich vorwerfen, dass ich den Ärger nicht an der Hacke gehabt hätte, wenn ich die Etikette bedient hätte. Kann sein. Aber ich bin eben so, wie ich bin.

Was kommt jetzt? Das Festival in Beirut, das Sie machen wollten, ist abgesagt.

Ja. Aber wir arbeiten mit dem Künstlerhaus Mousonturm an einem Antrag für ein libanesisches Kulturfestival in Frankfurt. Die Situation im Libanon ist so katastrophal, dass ich einen großen Ansporn habe, etwas auf die Beine zu stellen.

Sie verabschieden sich im Münchner Olympiastadion, wo im Sommer zum Beispiel Guns N’Roses hätten spielen sollen. Sind Sie der letzte Rock’n’Roller unter den Intendanten?

Ich finde den Gedanken interessant, dass alle Produktionshäuser und Bühnen in Deutschland geschlossen sind – und die Theater deshalb überall die Sportstätten und Arenen beziehen, um unter freiem Himmel doch noch spielen zu können.

Warum fiel die Wahl aufs Olympiastadion?

Das wäre einer der Orte für die Inszenierung von „Olympia 2666“ nach Roberto Bolaños Roman gewesen ( geplant für Mai und wegen Corona abgesagt, d. Red.). Da gibt es eine fertige Arbeit von Toshiki Okada für die VIP-Lounge. Die hat mich so bestochen, dass wir in Kooperation mit Toshiki unbedingt im Münchner Olympiastadion die Olympischen Spiele von Tokio eröffnen möchten.

Was war Ihre Lieblingsinszenierung in den vergangenen fünf Jahren?

Das war neben „Dionysos Stadt“ eine, die zuschauertechnisch gar nicht gut gelaufen ist: Philippe Quesnes „Farm Fatale“. Da geht es um fünf Vogelscheuchen, die ihre Arbeit verloren haben, weil es keine Vögel mehr gibt. Für mich ist das die Produktion zum Klimawandel.

Was wünschen Sie den Kammerspielen?

Das Allerbeste. Barbara Mundel ist eine wunderbare Theatermacherin und wird das ganz, ganz anders machen als wir.

Was wünschen Sie sich selbst für die Zukunft?

Eine große Halle, zehn Millionen Euro im Jahr und eine Stadt, die sagt: Du kannst machen, was du möchtest. Ich will mich gar nicht mehr entscheiden müssen, ob das bildende Kunst, Film oder Theater ist, was wir zeigen.

Wenn Sie heute nochmals als Intendant in München anfangen würden – was würden Sie anders machen?

Ich mache nie etwas anders im Leben.

Interview: Michael Schleicher

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