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Possierliches Universum. Foto: Birgit Hupfeld
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Possierliches Universum.

Schauspiel Frankfurt

Mateja Koleznik inszeniert „Yvonne, die Burgunderprinzessin“: Wir mörderischen Angsthasen

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Der Schlechtigkeit der Menschen kann man in dieser Inszenierung ins Gesicht schauen. Von Judith von Sternburg

Mit gut zweijähriger Verspätung – erst wurde die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik krank, dann begann die Corona-Zeit – ist die für die Saisoneröffnung 2019 geplante Inszenierung von Witold Gombrowiczs „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ am Schauspiel Frankfurt zu sehen. Die Konzeption konnte darüber nicht altern, ihre Aktualität schöpft sie aus ihrer schwebenden Unverbindlichkeit, einem Stück gemäß, das seit 1935 seinerseits immer wieder das Angebot macht, die Abgründe unter der Oberfläche zu entdecken. Nach einer Überrepräsentanz in den achtziger Jahren ist es stiller um das Werk geworden, markant zuletzt (2015) Barbara Freys Inszenierung am Schauspielhaus Zürich mit einer reinen Männerbesetzung.

Die Gewalt, die hier beiläufig und ungestraft einer Fremden und Frau angetan wird, speist sich aus Unbehagen und aus der Erkenntnis, dass man das folgenlos tun kann. Dazu kommen Spuren von schlechtem Gewissen, was schurkisches Verhalten häufig beflügelt.

Ein in Selbstzufriedenheit und mildem Ennui erstarrter Märchen-Hofstaat stürzt sich auf eine angeschwemmte Fremde, deren Anderssein die Gesellschaft abstößt und anzieht. Das weitgehende Schweigen der Frau macht sie zum perfekten Opfer – der wehrlose Mensch, mit dem man alles unternehmen kann, wie das gelangweilte, aber auch traurige Prinzlein als erster klar erkennt. Wer gerade Antje Rávik Strubels mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Blaue Frau“ gelesen hat, dem erschließt sich die sich ohnehin leicht erschließende brennende Gegenwärtigkeit noch leichter (auch in Norbert Gstreins ebenfalls Buchpreis-nominiertem Roman „Der zweite Jakob“ ist das übrigens ganz ausdrücklich ein Thema).

Umgekehrt bringt eben dieses Schweigen den Hof völlig aus dem Gleichgewicht, ein bloßes Nichtmitmachen als größtmögliche Provokation. Aus dem Gleichgewicht zu geraten, ist individuell eine Tragödie (Yvonnes Tragödie), kollektiv ist es der Weg zu Irritation, Hass und Mord. So kommt es dann auch. Praktisch jede Figur denkt drüber nach, wie Yvonne aus der Welt zu schaffen wäre.

Was sich durchsetzt, ist der Plan, der Koleznik im Programmheft an Stalin erinnert: der geplante Zufall. Grätenreiche Karausche wird serviert. In Frankfurt ist es ein Fisch wie auf dem Ständer in der Museumsvitrine, Manja Kuhl bricht sich schließlich nicht begeistert, aber beherzt das Schwanzstück ab, in dem die dolchartige Gräte auch aus weiter Entfernung gut zu sehen ist. So mag Sokrates den Schirlingsbecher gegriffen haben.

Da sich das meiste von selbst versteht, ist Kolezniks Hofstaat klugerweise ein anspielungsloser Mikrokosmos für sich. Raimund Orfeo Voigt nimmt das wörtlich. Im Schauspielhaus wurde die Drehbühne freigestellt und bewegt sich im finsteren Nichts und auch in sich selbst, darüber eine bewegliche Haube, ein Riesenhimmelslicht. Kreismitte und Außenring sind in Bewegung, Figuren können hier flanieren und ins Rutschen kommen, können hervorschlupfen und verschwinden, lauschen und sich verkrümeln.

Possierlichkeit ist die Devise auch der fabelhaften Kostüme von Matija Ferlin, die diese in Verein mit ihrer Choreografie entwickelt hat: In knallbunten Tüllröcken bis zur schwarzen Halskrause, darunter in schwarzen Rüschen, Trikots, Schühchen, Handschühchen kommen die Figuren als niedliche geschlechtslose Strichmännlein daher. Wer den Kopf einziehen muss, und das kommt häufiger vor, verschwindet damit in der Halskrause, dann ragt nur noch der Haarturmkegel heraus, manchmal auch die Äugelchen im bleichen Gesicht.

Insgesamt ist das ein Personal, wie es der Besatzung des Raumschiffs Enterprise zuweilen begegnete. So ergeht es auch Manja Kuhl, dem einzigen Menschen unter diesen außerirdischen Puppen, die dauertänzelnd und -tippelnd in Bewegung sind. Auf Zehenspitzen durch die Gefahren des Lebens, die Alternative ist dann immer gleich die Schreckstarre, wobei die Schreckhaftigkeit der Höflinge eher aus ihnen selbst herauskommt. So schlimm ist es hier gar nicht. Manja Kuhl hingegen sieht nicht ängstlich aus, nicht nett, nicht klug, nicht dumm. Sie sieht gar nicht aus, steht da in Sandfarben, die in diesem Kosmos nicht existieren, Sandalen, Strumpfhose, zu dünnes Kleid, zu dicke Anorakjacke. Zuerst sieht man, wie sie die Scheibe herunterrutscht, eine starke, vage Szene. Sie ist ein Gulliver in Liliput, aber auch in Frankfurt macht das Possierliche die Dinge nicht harmloser.

Triftiger jedoch auch nicht. Eine andere Frage ist nämlich, ob die kleinen Derwische noch die Individualität haben, die sie haben können und den Schurken erst die ganze Schärfe gibt. Überhaupt ist es ja angenehm, sich in den Schurken nicht direkt wiederzuerkennen. Schurken treten einerseits oft in der Menge auf, andererseits hat Gombrowicz kleine Verlegen- und Besonderheiten eingebaut. Man kann über sie hinweglachen. Dann wieder sind Peter Schröder und Katharina Linder als König Ignaz und Königin Margarethe doch ein interessantes Ehepaar, die Vertraulichkeit, der Ekel, die Geheimnisse. Torsten Flassig ist der unausgeglichene Sohn Philipp, dekadent, keine Karikatur. Ein einheitlicheres Späßchen bilden die Höflinge, Christoph Pütthoff, Sarah Grunert, Stefan Graf, Max Böttcher als leichtfüßige Combo zu Malte Preuss’ Musik: rhythmisches Dauertacken und Pulsieren, während Yvonnes Auftritte einen angerauten Klangteppich bekommen.

Wer schöne Bilder und neckische Leutchen sehen und zugleich Platz zum Denken haben will, wer außerdem bereit ist, der Schlechtigkeit der Menschen – denn natürlich erkennen wir uns in den Püppchen doch wieder, und im Menschen Yvonne erkennen wir die, um die wir uns nicht scheren –, ins hübsche blasse Gesicht zu schauen, wird einen lohnenden Hundert-Minuten-Abend verbringen.

Schauspiel Frankfurt: 30. Oktober, 6., 15., 26. November. www.schauspielfrankfurt.de

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