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Das Ensemble in der Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“ im Deutschen Exilarchiv. Foto: Jessica Schäfer
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Das Ensemble in der Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“ im Deutschen Exilarchiv.

Junges Schauspiel Frankfurt

Martina Droste: „Man spürt die Überraschung, die Neugier: Die sind ja wie wir“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Martina Droste, Leiterin des Jungen Schauspiels in Frankfurt, über die Arbeit mit Jugendlichen, die Theaterensembles der Zukunft – und das Stück „Am Leben bleiben“, das eine großangelegte Projektreihe zu NS-Zeit und Erinnerungskultur eröffnet

Frau Droste, wie kommen Sie mit Ihrer jungen Truppe und Corona zurande?

Zunächst dadurch, dass wir von vornherein so wenig wie möglich darüber gesprochen haben. Wir halten uns an die Regeln und sind im Testen geschult worden, so dass wir hier selbst testen können.

Die meisten werden ungeimpft sein ….

Nein, tatsächlich sind schon viele geimpft. Das macht es leichter. Denn wir können uns nicht in eine Blase zurückziehen, brauchen also Abstände und Masken. Bei unseren intensiven Bewegungsforschungen zu Gefühlszuständen drängt sich dann ehrlich gesagt vor allem ein Gefühlszustand nach vorne: der der Atemnot. Aber abgesehen davon: Es gibt eine große Sehnsucht der Jugendlichen nach praktischer, kreativer Arbeit. Sie sind sehr froh, nicht vor dem Bildschirm hocken zu müssen.

Es herrscht keine Frustration?

Ganz wenig Frustration. Anstrengung würde ich es nennen. Die Schulen stellen zurzeit unglaublich hohe Anforderungen, weil sie versuchen, Lernstoff aufzuholen. Ich verstehe nicht, wie man elf Unterrichtsstunden bewältigt oder vier Arbeiten in der Woche schreiben lassen kann und dann noch glaubt, dass die Jugendlichen irgendetwas davon behalten würden. Die Lehrerinnen und Lehrer, zu denen ich Kontakt habe, sehen es übrigens genauso.

Und dann noch die Proben.

Genau, in diesem ganzen Stress sind die Jugendlichen jetzt sieben Wochen lang dreimal in der Woche abends für dreieinhalb Stunden gekommen, dazu ein Sonntag mit sechs Stunden, und das ausgesprochen gern, weil es so andere Arbeitsweisen sind. In dieser Zeit haben wir unsere Recherche im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 gemacht, in der Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“, und daraus das Stück „Am Leben bleiben“ entwickelt. Es geht um die sogenannten „Kindertransporte“, mit denen mehrheitlich jüdische Kinder aus Deutschland gerettet wurden, die meisten ins United Kingdom und andere Staaten – Belgien, Niederlande, Frankreich, Schweden und später die USA. Das ging nach den Novemberpogromen 1938 los, als klar wurde, dass die ganzen Familien es womöglich gar nicht mehr schaffen würden, Deutschland rechtzeitig zu verlassen.

Kennen die Jugendlichen diesen Teil der deutschen Geschichte? Ich habe erst als Erwachsene davon erfahren.

Nein, sie kannten es nicht. Die Gruppe ist zudem sehr heterogen, so dass wir zunächst selbst die Basics dieses Teils der deutschen Geschichte angegangen sind. Natürlich haben manche der Jugendlichen, zum Beispiel die, die selbst hierher geflüchtet sind, eine ganz andere Art von Zugang zu diesen Schicksalen als das Ensemble und ich.

Etwas Traumatischeres kann es für ein Kind kaum geben.

Und wir haben uns dem auch sehr emotional angenähert. In der Ausstellung werden sechs Biografien aus Frankfurt beschrieben, und die Jugendlichen haben sich sehr unmittelbar angesprochen gefühlt. Sie sind in diesem Alter vielleicht in Distanzierungsprozessen von Familie. Nun stellen sie sich vor, wie es wäre, sich gezwungenermaßen von den Eltern zu verabschieden.

Hat es eine irritierende Seite, von den Schicksalen aus der NS-Zeit sofort aufs Heute zu kommen? Lassen Sie das laufen?

Ich vermeide konsequent Gleichsetzungen, es geht nicht um Vergleiche. Dennoch schließt sich die Frage an: Was lernen wir daraus für eine Gegenwart, in der Rassismus und geschlossene Grenzen in Europa genau jene Wertvorstellungen über den Haufen kegeln, die explizit nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind? Die Jugendlichen beurteilen das sehr klar, sehr genau und sehr differenziert. Da geht mir das Herz auf.

Birgt das auch Konfliktpotenzial, in einer so unterschiedlich zusammengesetzten Gruppe?

Unbedingt. Wir lernen uns zu streiten. Zum Thema Rassismus haben am Anfang interessanterweise alle gesagt: Bei mir ist alles in Ordnung, mir geht’s gut. Erst nach und nach tauchten die Themen Alltagsrassismus und Anpassungsdruck auf, als es zum Beispiel um den massiven Druck ging, den die „Kindertransportkinder“ im fremden Land erlebten. Viele der sogenannten „Kinder“ haben erst mit der Zeit realisiert, dass sie ihre Eltern nicht wiedersehen würden. Mit Kriegsbeginn brach der Kontakt ab, die Kinder galten in England als Enemy Aliens, die älteren wurden vorübergehend interniert. Welche Rechte habe ich? Das hat die Jugendlichen sehr interessiert.

Das wird viele zutiefst betreffen.

Ebenso wie die Selektion, ein Wort, das wir bewusst benutzen. Scharfe Selektionskriterien für Menschen, die Schutz suchen, das war bitter, das ist auch heute bitter. Damals wollten die meisten die kleinen Mädchen aufnehmen, anpassungsfähig, pflegeleicht. Heute: Denken Sie an Moria, wenn man plant, ein paar Kinder wegzubringen. Wen lässt man zurück? Gerade als wir anfingen, verschärfte sich die Situation an der belarussisch-polnischen Grenze. Unglaublich, was dort geschieht, unfassbar, dass die EU, dass Deutschland das mitmacht.

Wer ist Täter, wer ist Opfer – spielt das eine Rolle und wie gehen Sie damit um?

Wir arbeiten sehr genau daran, wer welche Rolle inne hatte. Wichtig ist dabei auch, über Hilfeleistungen zu sprechen. Im November 1938 waren die Pogrome, im Dezember sind die ersten Transporte losgegangen. Eine enorme Leistung. Menschen haben geholfen und helfen immer noch. Aber in unserem Stück wird es auch die These geben: Nichts zu machen, ist genau so schlimm, wie schlecht zu handeln. die, die zuschauen, unterstützen die Täter und Täterinnen.

Kennt die Gruppe sich eigentlich von vorangegangenen Projekten?

Nach Möglichkeit stellen wir das Ensemble jedes Mal neu zusammen. Ich mache Ausnahmen bei Jugendlichen, die gerade erst in Deutschland angekommen sind, oder Jugendlichen, die eine Einschränkung haben. Man braucht Sprache und Mut, um sich aktiv und kreativ in einen performativen Forschungsprozess einschalten zu können. Diesmal ist es aber so, dass die Gruppe, die jetzt „Am Leben bleibt“, auch „See You.“ macht, das zweite Projekt der Reihe.

Ich dachte, es wären drei.

Es sind sogar vier.

Zur Person

Martina Droste, 1961 in Bochum geboren, Leiterin des Junge Schauspiels Frankfurt, ist seit 2010/11 Theaterpädagogin am Haus. Vorher war sie in gleicher Funktion am Theater Dortmund, hat von NRW aus den Bundesverband Theaterpädagogik sowie das Festival „Unruhr“ mitgegründet und in der Weiterbildung gearbeitet. Ihre Produktionen mit dem Jungen Schauspiel wurden vielfach zu Festivals eingeladen.

„Am Leben bleiben“ ist eine Performance des Jungen Schauspiels für alle ab 14 Jahren und hat heute, Freitag, um 19 Uhr Premiere im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, eine weitere Vorstellung gibt es am 17. Dezember, dann wieder am 24. Februar, 1. März, 28. April. Die Chancen auf Karten waren am Donnerstag denkbar überschaubar. www.schauspielfrankfurt.de

Das Deutsche Exilarchiv zeigt noch bis zum 22. Mai 2022 die Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“, die sogenannten Kindertransporte, mit denen jüdische Kinder und Jugendliche 1938/39 ins Ausland gerettet wurden. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist der Auftakt einer Projektreihe des Jungen Schauspiels zum Nationalsozialismus. www.dnb.de Foto: Birgit Hupfeld

Bringen Sie uns aufs Laufende.

Die Förderung durch die EVZ ...

... die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft ...

... ermöglicht uns, eine ganze Projektreihe zu machen, wobei das Projekt „See You.“ in den Kammerspielen von der Deutsche-Bank-Stiftung gefördert wird und das die Produktion begleitende Videoprojekt von der EVZ. Wir fangen im Exilarchiv mit „Am Leben bleiben“ an und gehen dann in die Kammerspiele, wo wir das Thema Kindertransporte weiter ausarbeiten, intensivieren, in die Gegenwart bringen. „See You.“ hat im Januar Premiere. Der Titel entstand aus dem Gedanken an die circa 10 000 Kinder, die von Großbritannien aufgenommen wurden und die hofften, in wenigen Monaten die Eltern wiederzusehen. Auf Wiedersehen. Punkt. Beide Prozesse werden begleitet von einem Videofilmteam, das Clips und kleine Dokumentationen für Schulen, Fortbildungen und fürs Internet baut. Die Bildungsstätte Anne Frank berät uns dabei. Im Februar, März geht es mit einer neuen Projektgruppe ins Historische Museum, wo das aktuelle Stadtlabor eine eigene Ausstellung zu diversen Erinnerungsmöglichkeiten an den Nationalsozialismus entwickelt hat. Volume 4 soll in die neue Gedenkstätte in den ehemaligen Adlerwerken führen und zur Frage der Zwangsarbeit.

Wo und wie finden Sie die Jugendlichen, die mitmachen?

Wir machen am Anfang jeder Saison „Starter-Workshops“. Alle Jugendlichen können sich anmelden und drei Stunden lang in Kleingruppen physisch und sinnlich erfahren, was die Arbeit im Jungen Schauspiel sein könnte. Das waren jetzt selbst unter Corona-Bedingungen circa 80 junge Leute.

Aber Sie brauchen theaterfernere Kontakte.

Und wir sind froh, dass wir sie inzwischen haben. Wer in einer Betreuungseinrichtung, in der Sozialarbeit oder an einer Schule tätig ist, hat auch ohne uns schon richtig gut zu tun. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung. Nach dem Start haben wir eine ganze Palette an Angeboten, offene Trainings gehören dazu, Tagesworkshops. Dazu immer mehrere Projekte hintereinander weg, so dass ich mehrere Ensemble bestücken kann.

Gleichwohl ...

Gleichwohl wählen wir aus. Müssen wir, sonst hätten wir zum Beispiel zu 80, 90 Prozent Mädchen. Ich möchte aber, dass die Ensembles gemischt sind. Und ich möchte, dass die Stadtgesellschaft sich abbildet. Und ich kann sagen: Das tut sie.

Begegnen Sie Menschen, bei denen Sie denken: Die machen das zu ihrem Beruf?

In jedem Projekt, und ich begleite sie auch anschließend. Man muss sich heute vorbereiten, wenn man das Rennen um einen Platz an einer Schauspielschule schaffen will, Begabung hin, Begabung her.

Ist auch ein herkömmliches Stadttheater-Ensemble ein Spiegel der Gesellschaft?

Meistens noch nicht. Das ist eine Frage der Bildung, der Perspektiven, der Sprache. Und wenn die Jugendlichen die Schauspielschule erreicht haben, müssen sie anschließend auch noch eingestellt werden.

Werden sie’s?

Sicher zu langsam. Oft noch als Alibi, ist mein Eindruck. Immer noch ist die Rollenbesetzung davon abhängig, wie eine Person kulturell gelesen wird. Die Schauspielschule hier in Frankfurt bemüht sich stark darum, sich zu öffnen, es gibt auch Theater, die sich bemühen, das Maxim Gorki in Berlin. Auch im Ruhrgebiet, wo ich herkomme, ist viel im Gange, das jetzt auch auf der Bühne sichtbar wird. Aber selbstverständlich ist das noch nicht. Einer meiner ehemaligen Spieler hat lange überlegt, wo er ein Erstengagement antreten soll. Er fragte sich bei Angeboten immer, ob man ihn als Schauspieler haben wollte oder nicht doch vor allem deshalb, weil sein türkischer Background lesbar ist.

Ist das nicht für jeden ein Problem? Ich werde genommen, weil ich besonders hässlich, schön, groß, dick, blond bin? Es gibt wirklich erstaunlich viele blonde Schauspieler.

Ganz klar, in diesem Beruf braucht es Durchsetzungsfähigkeit und ein dickes Fell. Trotzdem geht es hier auch um Strukturen, in denen es immer noch Rassismus und Sexismus gibt.

Was wächst denn für eine Theatergeneration heran? Und ist eine Ensemblestruktur, wie wir sie kennen, noch zukunftsfähig?

Wahrscheinlich nicht. Zum Theater gehört auch die Identifikation. Die ist natürlich leichter, wenn ich mich in den Menschen auf der Bühne wiedererkennen kann. Das erlebe ich in den Aufführungen: Wenn Schülergruppen ohne Theatererfahrung in die Kammerspiele kommen, ist es anfangs oft sehr unruhig. Aber wenn das Ensemble auftritt, wird es ganz still. Man spürt die Überraschung, die Neugier, das Interesse: Die sind ja wie wir hier im Zuschauerraum.

Und was für Stücke wollen sie sehen?

Die Verschmelzung von performativen Elementen mit dem klassischen Erzählen wird sicher immer raffinierter werden, auch die Vermischung der Medien. Aber: Die Präsenz von Menschen und den großen Fragen auf einer Bühne ist und bleibt ein Faszinosum. Darum bin ich davon überzeugt, dass das Theater wichtig bleibt.

Interview: Judith von Sternburg

Martina Droste.

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