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Alljährlich feiern die Hagener aus tiefer Verehrung für die Vielfalt der sie umgebenden Vogelwelt ein Festival.  

Anthropologie

„Kein Hagener macht sich die Erde untertan“

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Es ist schwer, nicht überall das zu sehen, was man schon kennt. Ein Interview mit der britischen Anthropologin Marilyn Strathern.

Was bedeutet Ihr Name, Frau Strathern?
Es ist ein schottischer Name. Er bedeutet „Tal des Earn-Flusses“, also Strath Earn. Die Stratherns gehörten wohl zum Clan der MacDonalds, einem der größten schottischen Clans. Diese großen Clans bildeten oft Ableger, die Orts- oder Flurnamen annahmen.

Gibt es Ähnliches in Papua-Neuguinea?
Was soll ähnlich sein?

Die Clanstruktur. Die Ethnologen sprechen von Clans, die Mafia-Experten sprechen von Clans. Jetzt sprechen Sie von schottischen Clans. Clans scheint es überall zu geben.

Es waren wohl britische Ethnologen, die den Begriff Clan aus Schottland in die weite Welt exportierten. Was haben Sie studiert?

Vor fünfzig Jahren studierte ich Philosophie. Aber hochverehrte Frau Strathern, wir haben keine Zeit für einen Rollentausch. Ich bin der Journalist. Ich stelle die Fragen.
Nur zu!

Wir waren schon mitten in einem Ihrer Hauptthemen. Nennen wir es Projektion. Der Ethnologe betrachtet die anderen. Sein Blick aber ist voreingenommen, ist geprägt.
Das stimmt. Wir kommen aber nicht hinaus aus unserer Haut. Wir können uns nur immer wieder vor Augen halten, dass, was immer wir sagen, wir es mit unseren Begriffen tun.

Welche Sprache sprechen die Hagen-People?
Sagen Sie nicht Heigen. Sie heißen Hagen. Nach dem Berg. Der wurde, als die Deutschen die Gegend zu einer ihrer Kolonien machten, Hagen genannt. Nach dem Landeshauptmann der deutschen Kolonie, Curt von Hagen.

Wie ist es mit der Sprache?
In Neuguinea werden, wenn wir von Sprachen sprechen, die so weit auseinander liegen wie zum Beispiel Deutsch und Französisch, etwa 800 Sprachen gesprochen. Dort, wo ich in den 60er Jahren hinkam, wird Medipa oder Melpa gesprochen. Damals wohl von etwa 60.000 Menschen. Heute sind es, zählt man eng verwandte Dialekte hinzu, an die 130.000.

Sie unterhielten sich in dieser Sprache?
Nicht sehr gut. Ich arbeitete mit Dolmetschern.

Woran merkten Sie, dass die Hagener die Welt anders wahrnehmen?
Wenn Sie ein dreijähriges Kind mit einem Messer spielen sehen, werden Sie versuchen, es dem Kind wegzunehmen. Die Hagener machen das nicht. Sie fürchten den Ärger des Kindes. Wenn das anfängt, Krach zu schlagen, wachen die Ahnengeister auf und werfen den Eltern vor, das Kind verärgert zu haben.

Wenn mein Sohn mit mir haderte, wandte er sich an meinen Vater.
Perfekt.

Ist es nur das oder fühlten die Hagener sich auch eingebettet in eine umfassendere Welt?
Damals waren die Ahnengeister sehr präsent. Sie waren sehr wichtig. Sie prägten die Gefühle der Menschen. Wer zum Beispiel wütend war, der sollte sich ein Tuch um den Kopf binden. Die Höflichkeit gebot, dass man ihn darauf ansprach. So konnte er erklären, dass und warum er wütend war.

Das half?
Manchmal ja, manchmal nicht. Wenn der Wütende auf Rache aus war und gewalttätig wurde, dann schickten ihm die Ahnengeister Kopfschmerzen. Es gab zwei Arten von Kopfschmerzen. Die einen motivierten den Wütenden, sich noch einmal zu erklären. Die anderen wurden ihm als Strafe gesandt.

In der europäischen Tradition gibt es die Auffassung, Krankheit sei eine von Gott gesandte Strafe. Ist das vergleichbar?
Es ist sehr ähnlich. Wirklich sehr ähnlich.

So fern sind uns die Hagener dann doch nicht?
Ihnen fehlt die Vorstellung von Sünde, die doch bei uns die Ursache für die Strafe Gottes ist. Es geht mir aber nicht darum festzustellen, ob dieses oder jenes ähnlich oder unähnlich ist. Es geht darum, überhaupt den Schritt zum Vergleich zu machen, darum also, die eigene Situation nicht als die ‚natürliche‘ zu sehen. Die andere Sicht auf die Welt hilft uns, unsere in Frage zu stellen und dadurch genauer zu sehen.

Was werden Sie mit dem Preisgeld machen?
Ich werde zusammen mit Forschern aus Neuguinea Vorstellungen über Zeit, über Krise, über Kontinuität und Bruch untersuchen. Die Hagener stellen den Zusammenhang von Krise und Kontinuität zum Beispiel dar mittels einer Pflanze, die sie durch Ableger vermehren. Sie verwunden die Pflanze, um eine neue zu gewinnen. Darin sehen sie ein Sinnbild des Lebens. Abschneiden und sich trennen gehören dazu.

Man muss erst sterben, um leben zu können?
Das lässt sich sehr gut beobachten an der Reaktion der Hagener auf den Kolonialismus. Sie haben diesen verheerenden Einschnitt in ihre Kultur zum Beispiel in Cargo-Kulten verarbeitet, in denen sie das Neue, die von den Europäern mitgebrachte „Fracht“ (Cargo) wie zum Beispiel Elemente des Christentums zusammenbringen mit den traditionellen Vorstellungen.

Wenn sie solche Krisen überlebt haben, sind sie womöglich besser auf die kommenden vorbereitet als wir.
Denken Sie an Amerika: 95 Prozent der präkolumbianischen Bevölkerung verschwand. Ich weiß nicht, ob die Überlebenden und deren Nachfolger nicht eher traumatisiert als lebenstüchtiger sind. Ganz sicher aber hat unsere junge Generation heute dank der Krise, die sie – wie schwach auch immer – erlebt, einen besseren Zugang zu der krisengeschüttelten Welt von Papua-Neuguinea, als wir ihn in den 60er Jahren hatten, als ich dort zu forschen begann.

Sie beschäftigen sich auch mit den unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern. Sie kritisierten die streng binäre Struktur unseres Denkens.
Das Denken der Hagen-Leute ist nicht weniger binär als unseres. Nehmen Sie nur den Gegensatz von Männern und Frauen. Jungen zum Beispiel werden noch viel dezidierter als bei uns zu Männern gemacht. Aber darum geht es auch hier nicht. Der Vergleich ist wichtig, um relativieren zu können, nicht um nach Besserem oder Schlechterem zu suchen.

Wie werden Männer gemacht?
Das Kind wird genährt von der Mutterbrust. Zum Manne gemacht wird der Junge vom Penis eines Mannes. Der befruchtet ihn gewissermaßen, macht ihn fortpflanzungsfähig. Mit Homosexualität hat das erst einmal nichts zu tun. Er soll ja durch diese Aktion in einen Mann verwandelt werden, der Kinder zeugen kann.

Der Mann muss hergestellt werden. Die Natur ist eine kulturelle Leistung?
Wir im Westen haben uns seit der Aufklärung angewöhnt, Natur und Gesellschaft stark voneinander zu trennen. Das machen die Hagener nicht. So wie auch wir es lange nicht taten.

Wie kam es dazu?
Das hängt wohl mit unserer Wirtschaftsweise zusammen. Auf dem Markt sollen die Subjekte sich möglichst frei begegnen. Die Individuen sollen sich nicht als Produkte ihrer Geschichte verstehen. Sie sollen sich möglichst als nichts als Marktteilnehmer betrachten.

Nieder mit der Aufklärung?
Um Himmels willen nein. Ich will auf keinen Fall auf sie verzichten. Aber sie erschwert uns zu begreifen, wie andere Völker die Welt sehen. Nehmen Sie die Wälder. Für uns waren sie allenfalls ein Holzvorrat, vor allem aber ein Hindernis für die Agrarwirtschaft, für den Fortschritt also. In Neuguinea sind sie das auch. Aber sie sind auch ein Ort, in dem Ahnen- und Waldgeister leben. Man darf Bäume fällen und Wälder roden, aber man muss den Geistern etwas bieten dafür. Man muss Rücksicht auf sie nehmen. Der Mensch ist hier eingebettet in eine Welt, die aus Natur und – wir würden sagen – „Übernatürlichem“ besteht. Dass der Mensch in der Lage sei, sich die Erde untertan zu machen, kommt den Hagenern sehr weltfremd vor. Dass er gar den Auftrag dazu habe, ist eine sehr seltsame Fracht (Cargo), die ihnen geliefert wurde. Kein Hagener macht sich die Erde untertan.

Interview: Arno Widmann

Zur Person

Marilyn Strathern, 1941 geboren, ist eine britische Anthropologin. Sie hat viele Jahre mit und über das Hagen-Volk am Mount Hagen in Papua Neu Guinea gearbeitet. Seit langem beschäftigt sie sich auch mit Reproduktionstechnologien. Von 1985 bis 1993 lehrte sie Anthropologie an der University of Manchester, von 1993 bis 2008 Sozialanthropologie an der University of Cambridge. Sie wurde vielfach geehrt. 2008 wurde sie zur Präsidentin der „Association of Social Anthropologists of the UK and Commonwealth“ ernannt.

Den Balzan-Preis erhielt sie im vergangenen Jahr, er ist mit 750 000 Schweizer Franken dotiert. Als sie die Auszeichnung in Rom entgegennahm, war Gelegenheit für das hier abgedruckte Gespräch.  

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