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Männerrücken mit blutigroten Blockbuchstaben zu bemalen, ist etwas vordergründig, aber Bibiana Beglau hat es zupackend erledigt. Foto: Matthias Horn
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Männerrücken mit blutigroten Blockbuchstaben zu bemalen, ist etwas vordergründig, aber Bibiana Beglau hat es zupackend erledigt.

Salzburger Festspiele

„Maria Stuart“ in Salzburg: Unter Männern

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Die Gefangenen und die Nackten: Martin Kušej setzt „Maria Stuart“ bei den Salzburger Festspielen mit Birgit Minichmayr und Bibiana Beglau in Szene.

In „Maria Stuart“ gelingt es Friedrich Schiller – und es gelingt ihm, als wäre es nichts weiter, und er habe es bloß rasch niederschreiben müssen –, eine hochpolitische Stresssituation zu verbinden mit einer fabelhaften Übersicht darüber, wie Menschen sich en detail verhalten. Menschen verhalten sich en detail nicht anständig. Viele mittelmäßige – mittelmäßig gemein, mittelmäßig grob, mittelmäßig feig und mittelmäßig verliebt – und wenige honorige Männer umgeben die beiden Frauen, um die es hier geht. Die Männer werden von Angst, Ehrgeiz, Träumereien und ihrer Interpretation von Staatsräson getrieben. Die Frauen sind komplexer. Auch wenn sie nicht frei davon sein können, wie Schiller sich ihresgleichen vorstellte – eine nicht gerade exklusive Vorstellung, in der Frauen kurzum in der Sphäre der Politik nichts verloren hatten –, beleben sie das Geschehen über die Maßen und bieten dem Theater das höchste Schauspielerinnengipfeltreffen. Diesmal mit Birgit Minichmayr und Bibiana Beglau, aber schauen wir erst, wo sie sich befinden.

Denn Burgtheater-Direktor Martin Kušej setzt bei seiner Inszenierung für die Salzburger Festspiele auf der Perner-Insel auf eine ungewöhnliche Umgebung, eine Art Kunstinstallation aus bis zu 30 nackten Männern. Annette Murschetz entwarf einen angesichts dieser Personenzahl eng wirkenden Kasten – Unbehagen ist das Losungswort –, der eine prosaisch helle und eine finster spiegelnde Wand zur Verfügung hat. Beim Drehen der Wandteile haben die Figuren Gelegenheit hinein- oder hinauszuschlüpfen. Das geschieht aber in den häufigen totalen Dunkelheiten, die die Handlung schroff in Szenen teilen. Wird es wieder hell, sind die Figuren im Kasten und die Menschen auf der Tribüne in die nächste Situation, Konstellation geworfen. Alles vertraute, aber schwungvoll eingesetzte Theatermethoden.

Die 30 nackten Männer, die manchmal auch lange weite Mäntel tragen, stehen stramm, meist in sechs Fünferreihen, meistens mit dem Rücken zum Publikum. Oft füllen sie den Raum – das Ensemble bewegt sich dann zwischen ihnen, als wäre da nichts weiter, jedenfalls nicht 30 nackte Männer. Gelegentlich konzentrieren sie ihre Formation rasch auf einen Winkel der Bühne, in dem sie zum Beispiel Maria praktisch verschlucken. Dass sie selbst die Kulisse sind, wird in solchen Momenten am eindrucksvollsten. Nachher, als die Nervosität steigt und das Volk um seine Königin fürchtet, werden sie auch zu herkömmlichen Statisten, im Kreis rennend, rufend, schreiend, niederstürzend.

Ihr, Elisabeth, dienen sie außerdem als Papier für die Unterschrift der Unterschriften, unter das Todesurteil gegen Maria. Männerrücken mit blutigroten Blockbuchstaben zu bemalen, ist etwas vordergründig, aber das scheut Kušej überhaupt nicht. Bibiana Beglau erledigt es zupackend.

Die Schlussbilder drehen schwer auf, Maria verabschiedet sich in Engelsweiß, Elisabeth hadert in Knallrot, zwei Diven der Weltgeschichte, die sich für die Zukunft und ihr Publikum in Szene setzen. Dazu die vom Knuspern ins Dräuen übergehende Musik von Bert Wrede, Nebelmaschine, Schwerter und – wie gesagt – nackte Männer.

Zwischen den Nackten, aus ihren Reihen heraus lösen sich die Männer, die die Textstreichungen überlebt haben. Heide Kastler hat gedeckte, dezent anhistorisierte Kleidung für sie, und so verhalten sie sich auch. Kušej hat als Devise herausgegeben, man werde in ungewohnter Umgebung „Schiller auf Teufel komm raus“ spielen. „Schiller auf Teufel komm raus“ bedeutet hier: solides Stadttheater, vertreten durch Oliver Nägele als integrem Shrewsbury, die sympathischste Figur in der sympathischsten Rollenauffassung: ein Mensch, der an das Menschliche appelliert; dazu Norman Hacker als realpolitischer Burleigh, Rainer Galke als grobschlächtiger Paulet, Franz Pätzold als Träumerle Mortimer.

Tim Werths ist der unglückliche, von Kastler mit Brille als Büroangestellter ausstaffierter Davison, der mit dem Todesurteil das „Richtige“ anfangen soll. Sein Gespräch mit Elisabeth sorgt im Publikum für überraschtes Auflachen, als gäbe es noch Menschen, die „Maria Stuart“ zum ersten Mal sehen. Das wäre ja irgendwie – großartig. Itay Tiran als blass gezeichneter Leicester weiß gegen seine Gewohnheit wenig mit sich und der Rolle anzufangen. Vielleicht eine Raffinesse, die nach hinten losgeht.

Aber spielen auch die Frauen „Schiller auf Teufel komm raus“? Die Frauen spielen vorerst nicht. Am Ende werfen sie sich für die Nachwelt in Schale, vorher sind sie da, setzen ihren Text in Ton und Bild um, aber so, als wären sie – zwei Gefangene, fraglos – in der Gestaltung doch ganz frei. Es ist für die, die „Maria Stuart“ nicht zum ersten Mal sehen, eine dauerhafte Irritation, dass die rotblonde Minichmayr, die mit dem idealen, hier noch dazu langen Elisabeth-Haar, Maria ist, die brünette Beglau Elisabeth. Nicht nur will sich Kušej für solche (üblicherweise Frauen betreffende) Äußerlichkeiten offensichtlich nicht interessieren, anzunehmen ist vielmehr sogar, dass er die Verwechslungsgefahr gerne eingeplant hat. Maria und Elisabeth auf der Perner-Insel: Sie sind, indem sie beide nicht wegkönnen, nicht (selten) aus dem Kasten, niemals aus ihrer Lebenssituation, gar nicht weit voneinander entfernt. Ruhig und neugierig beobachten sie sich bei ihrem einzigen Treffen in dem für diesen Moment einmal ansonsten menschenleeren Kasten im Lichte einer Glühbirne. Dann müssen sie wieder sprechen, weitersprechen, weiterleben.

Minichmayrs Gefangenschaft ist die weithin sichtbare, mit einem roten Seil sind ihr die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, das Haar in Strähnen. In ihren Anfangstext legt sie neben Noblesse und Megärenhaftigkeit auch eine wunderbare Minichmayr’sche Empörung, aus dem gesunden Menschenverstand geboren. Ihre Jogginghose mit dem bauchfreien Hemd spiegelt sich dann schon in Elisabeths Anzug, unter dem sich bald durchtrainierte Arme zeigen: Zwei Kämpferinnen in ziviler, aber zum Kampf geeigneter Montur.

Beglau ist noch mehr unter Druck als Minichmayr, die bereits verloren ist – Marias Kopf pendelt vor dem ersten Wort und nach einem scharfen Messerzischen schon einmal über den nackten Männern. Von der Macht der Königin lässt auch Beglau wenig sehen, sie ist nicht ängstlich oder gar feige, aber eingeklemmt und wütend und gegen Gummiwände kämpfend. Dass sie am Ende allein dahockt in ihrem roten Kleid, jetzt wie ein Kind, das (ein paar hundert Jahre zu früh) „God Save the Queen“ singt, scheint doch auch bloß ein Teil ihrer Inszenierung zu sein. Vorher kommt man ihr mit der Einsamkeit einer Monarchin nicht bei. Überhaupt kommt man mit Psychologie hier nicht weit, der sich beide Frauen – diese Macht haben sie allemal – gleichermaßen entziehen. Gutwillig kann man sagen: Kušej lässt ihnen ihre Geheimnisse.

Starker, sehr zuneigungsvoller, durchaus endender Beifall. Die Aufführung dauert gut zweieinhalb Stunden und hat keine Pause, mit FFP2-Maske und 30 Grad ist das eine Zumutung, die sich ein Theater noch zweimal überlegen und dann eine Pause einbauen sollte.

Salzburger Festspiele auf der Perner-Insel, Hallein: 16., 18., 20., 22., 23., 25., 26. August. Premiere in Wien am 5. September. www.salzburger-festspiele.at

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