Marco Goecke: „Ich hoffe, dass wir diese Energie im Oktober zurückkriegen“.
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Marco Goecke: „Ich hoffe, dass wir diese Energie im Oktober zurückkriegen“.

Tanz

„Wir brauchen den Moment, live, sonst lebt der Tanz nicht“

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Der Choreograf Marco Goecke über seine Kunst in Zeiten von Corona und das Besondere leibhaftiger Aufführungen.

Herr Goecke, der Tanz musste schon immer am Förderungs-Katzentisch sitzen – außer vielleicht in Stuttgart –, jetzt ist es durch die Corona-Krise sicher noch schlimmer geworden. Ist der Tanz zu leise, zu still?

Das ist er ja meistens. Ich habe das immer gemerkt, wenn ich das Kulturmagazin „Aspekte“ geguckt habe, da finden wir gar nicht statt. Nie. Es findet dort immer nur das statt, worüber man ein Buch kaufen kann, wo man eine CD kaufen kann, es geht nur um verkäufliche Dinge. Es gab mal einen Bericht über Carlos Acosta (kubanischer Startänzer, d. Red.), weil dessen Leben verfilmt wurde, und da kamen dann so dumme Witze, dass ja Männer nicht auf Spitze stehen. Ja, wir sind immer schon, außer vielleicht in den satten 80er, 90er Jahren, am unteren Ende der Aufmerksamkeit gewesen. Es gab eine Zeit, in der der Tanz hierzulande geboomt hat, dann der israelische Tanz, aber seitdem war’s das. Und in den nächsten zwei Jahren wird zu sehen sein, wo gespart werden wird, da wird der Tanz als Erstes leiden.

Was könnte der Tanz tun, muss er sich stärker organisieren?

Ich denke, wir brauchen viele Talente, die guten Tanz machen.

Also: überzeugen durch Qualität.

Immer durch Qualität. So setzt sich etwas durch, auch langfristig. Aber was ist mit dem stummen Tanz? Manchmal denke ich, der lebt in einer Kapsel. In einer Kommunikationskapsel für die, die ihn wollen, die ihn lieben, die Zugang dazu haben. Aber er bleibt auch sehr für sich. Die Errungenschaft der Sprache, wie bei Pina Bausch, das war ein wichtiger Bestandteil, um aus diesem Stummen herauszukommen. Und wenn in einem Tanzstück gesprochen wird, ist das sicherlich auch besser fürs Publikum, weil es irgendeinen Anhaltspunkt hat, etwas, woran es sich halten kann. Pina Bauschs Stücke hatten ja manchmal so einen Zirkuscharakter, in den alles reinfloss. Wenn ich meine eigene Arbeit betrachte, denke ich: Die dreht sich in Stille um sich selber, wen interessiert das?

Aber gerade die Sprachlosigkeit des Tanzes, heißt es immer, soll ihm international zu größerer Verbreitung verhelfen.

Das stimmt natürlich. Aber im Moment plätschert der Tanz sehr lieblich dahin. Ich glaube, wir sind aus der Zeit heraus, in der man sich das getraut hat, was man sich trauen musste. Weil Geld da war und Intendanten da waren, die gesagt haben: Lasst mal die Sau raus. Ich bin gerade bei jungen Choreographen oft überrascht, wie geschliffen und belanglos das ist. Wo ich kein Anzeichen sehe, dass der Tanz benutzt wird für gewisse Nöte, einen gewissen Schmerz, den man empfindet. Das ist gar nicht abgekupfert, aber manchmal so geschliffen, dass ich denke: Ach, so denken diese jungen Choreographen, muss ein perfektes Stück sein. Oder dies oder das muss bedient werden. Ich bin mit meiner Arbeit immer kritisch, sehr sogar, aber wenn ich zurückblicke, meine allerersten Stücke waren schon ganz schön verrückt, da habe ich mich was getraut. Natürlich schlage ich heute manchmal die Hände überm Kopf zusammen und lache, aber ich denke auch, ich habe doch wenigstens was versucht. Eben versucht, ein bisschen Dampf zu machen, ein bisschen aufzurütteln. Das vermisse ich bei jungen Tanzschaffenden, das ist so geleckt. Ich hatte und habe immer noch das Gefühl, wenn ich – eigentlich ein doofes Wort – etwas Verrücktes, etwas Eigenes mache mit dem Tanz, dann muss ich mich dafür entschuldigen. Dass es eine schöne Welt ist, eine Ballettidylle, in der man nichts machen darf, was schräg ist. Die freie Szene lass ich jetzt mal beiseite, aber da sehe ich auch nicht viel außer Rumgerolle auf dem Boden. Ohne Kultur im Hintergrund kann man das nicht machen, ohne das, was wir schon gesehen, was wir gelebt, erfahren, getanzt haben. Aber als Wuppertaler hatte ich immer einen anderen Hintergrund, ein anderes Vorbild. Bei Pina wurde massiv gestört. Und das hat mir als junger Choreograph vielleicht auch den Mut gegeben zu stören. Wenn ich mit dem Ballett in Stuttgart aufgewachsen wäre, hätte ich vielleicht noch mehr Skrupel gehabt, mich unbeliebt zu machen.

Ist das noch nötig?

Ich finde, man muss den Tanz immer noch stören, da ist noch viel an Bewegung auszuloten – für mich und für viele andere auch. Er muss lebendig bleiben, und Leute müssen da sein, die sich was trauen, ohne publikumswirksam sein zu wollen. Junge Choreographen sind bei Letzterem ganz schlau, aber ich frage: Was habt ihr zu erzählen?

Muss der Tanz erzählen? Kann und sollte er sogar politisch sein?

Ich finde, der Tanz muss immer was erzählen. Ich sage das auch oft als Korrektur für mich selber. Was erzählt wird, ist nicht immer erforschbar. Politisch? Ich finde Johann Kresniks politische Sachen ganz richtig und wichtig, auch bei Pina war das so, das Politische kann ja auch zart sein. Der Tanz kann die Zeit kommentieren, aber er kann natürlich keine Rede zur Lage der Nation sein. Der Tanz lebt allerdings nur und hat seine Berechtigung, weil er live passiert. Wenn wir zusammen in einen Raum gehen, sind wir anders sensibilisiert.

Die Energie ist anders?

Ja, und sie ist das Zünglein an der Waage an unserer emotionalen Einstellung. Da kommen wir hoffentlich ins Schwanken oder sind schneller geschockt. Eine nackte Person auf einer Zeitungsseite wirkt nicht, wenn man aber jemanden nackt auf die Bühne stellt, ist das immer noch ein Skandal. Ist doch witzig. In einer Welt, in der wir so bombardiert sind mit Bildern, auch Bildern des Schreckens, wirkt eine Kapsel Theaterblut, das aus dem Mund läuft, immer noch. Dieser Moment – und das ist die Chance des Theaters – sensibilisiert uns noch mal für alles. Auch vielleicht für nachher, draußen. Solches Theater entsteht aus guter Absicht. Und es ist etwas Friedliches.

Aber es ist auch anstrengend?

Sehr, woher wissen Sie das? ( Lacht .) Ich bin immer noch am Gucken und frage mich, warum meine Stücke so hektisch sind, aber ich finde, sie sind schon versöhnlicher geworden. Ich bin auch ein MTV-Kind.

Macht das Ihre Stücke so schnell?

Ich glaube schon. Ich weiß, ich war kein Kind mehr, als MTV rauskam, ich war so 16, 15, und diese Bilder, diese Clips waren faszinierend. Meine Mutter hat mir erzählt, sie war damals mit meinem Vater in Wuppertal-Ronsdorf in „Vom Winde verweht“. Und der Film geht ja vier Stunden. Ich sagte: Wie hast du denn das ausgehalten? „Nö, wieso?“ Damals hat man anders geguckt, die Schnelligkeit war nicht da. Das sehe ich auch in alten Tanzstücken, dass man nicht so schnell gelebt hat und vielleicht auch eine größere Geduld hatte zuzuschauen. Und auch mehr Hunger, weil außenrum nicht noch mehr war an Bildern und Infos, weil man sich mehr konzentrierte als heute. Ich habe noch nicht angefangen, mein Werk anzuschauen. Ich habe mal mit Jiri Kylián darüber gesprochen, der auch mit seiner Arbeit immer hadert, und er sagte: Das braucht Zeit, bis du wieder anfängst, das zu mögen, was du früher gemacht hast. Wenn er sich nun in hohem Alter die ganz alten Sachen angucke, sei er viel barmherziger mit sich.

Kurz vor dem Lockdown hatte ich eine Krise, ich habe mir die Frage gestellt, ob ich überhaupt existiere, wenn ich nicht arbeite. Habe mich gefragt, wer bin ich, wenn ich nicht arbeite? Mein ganzes Leben drehte sich nur darum, was alles zu machen ist. Dann kam die Corona-Krise, und zuerst dachte ich: Gott sei Dank, da kann ich mal zu Hause bleiben. Das hat aber nicht lange gedauert, dann habe ich mich doch um mich selber gedreht. Und als Eric (Gauthier, d. Red.) angefragt hat, war ich erleichtert. Ich dachte, egal, was daraus wird, Hauptsache, es bewegt sich was, wir können uns wieder treffen. Ich war sehr motiviert. Das war nicht lange nach der letzten Premiere in Hannover, aber ich dachte plötzlich, so geht es nicht weiter. Ich durfte dann hier nur mit Dreiergruppen arbeiten, die sich nicht begegnen durften. So. Dann habe ich gedacht: Okay, du bist eh ein Choreograph, der viel mit Einsamkeit zu tun hat, viel Solos macht, das könnte klappen. Während es zum Beispiel bei Crystal Pite (eine kanadische Choreographin, d. Red.), die mit Gruppenstrukturen arbeitet, einfach nicht möglich wäre. Ich finde das nicht schlecht, was nun unter den Bedingungen entstanden ist, es gibt mir auch Hoffnung, dass, wenn die Zeiten so weitergehen, ich so arbeiten könnte. In Hannover haben wir für die nächste Saison geplant, aber wenn es so weitergeht, werden Dinge wegfallen müssen. Wenn ich an Kyliáns „Gods and Dogs“ denke, das hat viel mit Partnern zu tun, wir wollen es machen, wir haben es bezahlt, aber im Zweifelsfall könnte ich nach dieser Erfahrung in Stuttgart auch einspringen. Oder zumindest Stücke von mir so ändern, dass sich Leute nicht begegnen. Das traue ich mir zu.

Und die Finanzen?

Ansonsten sind wir in Deutschland noch ziemlich verwöhnt, es ist noch etwas Geld da. Ich kenne Menschen auf der ganzen Welt, die mit Tanz zu tun haben, und es sieht in anderen Ländern ganz schön dramatisch aus. Die haben nichts zu essen.

Mit Einzelpersonen arbeiten zu müssen, hat das in Ihrer Arbeit etwas Neues ausgelöst?

Ich habe da eh ein Faible für, das musste jetzt noch deutlicher werden. Und es gibt immer ein Korsett an Umständen, in denen man ein Stück macht. Ich habe das hier jedenfalls ganz doll genossen. Mein Beleuchtungsmeister vermisst die Gruppenszenen, ja, das ist unschlagbar, das hat einen Effekt wie die Girlsreihe im Friedrichstadtpalast. Mir fehlt das jetzt aber nicht. Allerdings fehlt das Gegenüber. Es gibt Stücke, da denke ich bei der Generalprobe: Was ist denn das? Aber dann fügt sich das durch die Energien des Publikums, so dass ich selber staune. Viele haben jetzt gepostet und gefilmt und gestreamt, aber ehrlich gesagt, mir bedeutet das nichts. Das hat mit dieser Kunst nichts zu tun. Drei meiner Stücke von insgesamt knapp 80 wurden professionell gefilmt, meisterhaft. Das kann man sich angucken. Aber so ein Stream, in dem einer durch den Ballettsaal huppelt, das interessiert mich überhaupt nicht. Wir brauchen den Moment, live, sonst lebt der Tanz nicht. Ich hoffe, dass wir diese Energie im Oktober zurückkriegen.

Ein dreidimensionaler Körper wird besonders vermisst, das denke ich auch.

Wenn Sie eine CD von Jessye Norman kaufen, Sie würden zu Hause etwas empfinden. Es funktioniert aber nicht mit einer DVD mit meinen Stücken. Der Ton, die Stimme, ist eine andere Ebene der Vorstellungskraft als das Sehen. Musik zu transportieren und konservieren, das funktioniert. Pinas Stücke kommen jetzt alle auf DVD – ich weiß nicht.

Man kann sich erinnern, wenn man es schon live gesehen hat.

Aber man erinnert sich vielleicht auch nur an das, was man gefühlt hat. Da sind wir Tanzschaffende jedenfalls im Nachteil, wir können jetzt nicht alles auf DVD hauen und damit aus dem Schneider sein und Geld verdienen. Die Chance haben wir nicht. Vielleicht dann, wenn die Welt wirklich mal untergeht und es keine Live-Möglichkeiten mehr gibt. Die Tänzer und ich, wir warten auf ein Publikum, unsere Arbeit ist für niemanden sonst gemacht.

Wie trainieren Sie die Tänzerinnen und Tänzer Ihres Ensembles in Hannover derzeit?

Ich habe kürzlich mit Tamas Detrich telefoniert (Intendant des Stuttgarter Staatsballetts, d. Red.), die hatten sechs oder sieben Trainings am Tag, von morgens um neun bis abends um acht. So viele Tänzer habe ich natürlich nicht, aber wir machen auch zwei oder drei Trainings. Parallel habe ich aber Dinge beobachtet, die mit unseren strengen Auflagen überhaupt nichts zu tun haben. Wir hatten zum Beispiel eine Anweisung, dass wir nicht in Socken trainieren dürfen, dass es Ballettschuhe sein müssen. Durch Socken hindurch würde der Schweiß schneller den Boden erreichen. Am selben Tag haben sich im Stuttgarter Schlossgarten Tausende von Leuten gegen Rassismus versammelt, teils ohne Masken. Und da ist dann so ein Schreibtischtäter, der sagt, das Ballett darf aber nicht … Man muss aufpassen, dass in so einer Krise sich nicht Leute an Schreibtischen auch noch verwirklichen. Zum Beispiel dürfen ja seit 1. Juli in Baden-Württemberg auch wieder Mannschaftssportarten gemacht werden, auch Judo, aber uns haben sie vergessen! Und Tamas hat sich mit Ministerpräsident Kretschmann darüber auseinandersetzen müssen, dass wir zwar Künstler sind, aber auch einen sportlichen Aspekt haben, quasi ein Mannschaftssport sind. Da denkt keiner dran. Ich gebe zu, ich habe anfangs, als der Deutsche Bühnenverein schrieb: „Wir können nicht spielen, die Welt geht unter!“, da habe ich gedacht, okay, jetzt können wir mal ein paar Wochen ruhig sein. Die Klappe halten. Lasst uns einfach mal einen Monat ruhig bleiben, das kann doch nicht zu viel verlangt sein. Aber jetzt habe ich gedacht, ein Stück wird die Welt zwar nicht verändern, aber es gehört doch zu unserem Leben. Es ist richtig zu choreographieren.

Wird der Tanz auf lange Zeit unter der Corona-Krise leiden?

Also, was hier in Stuttgart an Geld und auch an Interesse da ist, da dürfte der Tanz nicht leiden. Aber ich habe schon eine DIN-A4-Seite an Projekten, die abgesagt sind. Ich will nicht jammern, mir bleibt genug übrig. Aber ich denke, wenn irgendwo gekürzt wird, dann natürlich am Tanz zuerst. Pina war noch nicht ganz beerdigt, da war in Wuppertal schon das Schauspielhaus geschlossen. So ein historischer Ort!

Barbara Melo Freire tanzt „Lieben Sie Gershwin?“

Und in Frankfurt hat man das Ballett von Bill Forsythe abgeschafft, obwohl es weltberühmt war.

Ich habe letztens gesagt: Um in diesem Land etwas zu sein, muss man Fußballer sein. Das sind die Helden unserer Zeit. Wer kräht denn in Frankfurt noch nach Forsythe? Ich bin niemand, der das museal gehuldigt haben möchte, aber es gibt doch eine Kraft an solchen Orten, diese Kraft sollte weiter unterstützt werden. Trotzdem bin ich froh in dieser Welt, ich treffe so viele Menschen, junge Tänzer, junge Choreographen, die meine Arbeit beeinflussen, berühren. Das macht mich glücklich. Und sich hier wieder zu begegnen und Schritte zu finden, das war einfach herrlich.

Ich bin froh, dass Sie anscheinend bisher keine Nachahmer haben, anders als Forsythe, den so viele nachgeahmt haben.

Es gab schon mal eine Nachahmerphase. Aber wenn ich meinen Stil nicht selbst choreographiere, dann sieht es noch bescheuerter aus als bei mir schon. ( Lacht. ) Meine Arbeit ist virtuos, das kann man nicht leicht kopieren. Ich habe Tänzer mal aus Spaß gebeten, in meinem Stil zu improvisieren. Das sah fürchterlich aus.

Marco Goecke , geboren 1972 in Wuppertal, wurde an der Heinz-Bosl-Stiftung in München und am Könglichen Konservatorium Den Haag ausgebildet. In der Spielzeit 2005/06 wurde er Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts, später hat er auch Stücke für die am Theaterhaus beheimatete Company von Eric Gauthier geschaffen. Seit Herbst 2019 ist Goecke Ballettchef der Staatsoper Hannover. „Lieben Sie Gershwin?“: Für Gauthier Dance hat Marco Goecke unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie in den vergangenen Wochen eine Choreografie zu Musik von George Gershwin erarbeitet. Das gut einstündige Stück soll im Oktober im Stuttgarter Theaterhaus Premiere haben.

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