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Ein Tanz der kleinen, gierigen Berührungen: Sandra Bourdais, Maurus Gauthier.
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Ein Tanz der kleinen, gierigen Berührungen: Sandra Bourdais, Maurus Gauthier.

Staatstheater Hannover

Vögel, die nicht aufgeben

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Marco Goecke wagt ein Tanzstück mit Berührung, aber vorerst muss man es als Stream gucken: „Der Liebhaber“ nach Marguerite Duras.

Im ersten Lockdown hat Marco Goecke für Gauthier Dance, beheimatet am Stuttgarter Theaterhaus, das Abstands-Stück „Lieben Sie Gershwin?“ geschaffen, das in der Vereinzelung der Tänzerinnen und Tänzer sehr nach Goecke und kaum nach der Bemühung um Regelkonformität aussah. In Hannover, wo er gerade erst als Ballettchef gestartet war, als aus China Meldungen über einen neuen Virus kamen, hatte er inzwischen die Möglichkeit, alle Mitwirkenden testen, testen und testen zu lassen. So dass „Der Liebhaber“ entstehen konnte, ein Werk nach der Erzählung von Marguerite Duras, einem Stoff, den er schon lange im Herzen bewegt hat. Am Samstagabend wurde die Uraufführung vom Staatstheater Hannover live übertragen, gegen Ende holperte und ruckelte es ziemlich – aber wenig später konnte man sich alles nochmal störungsfrei ansehen, wenn man wollte. Und kann dies weiterhin, kostenlos (oder gegen eine Spende), sich ein veritables Programmheft runterladen. Luxus in Zeiten der Pandemie.

„Der Liebhaber“ ist die stark autobiografisch gefärbte, späte Erinnerung einer Frau an ihr Aufwachsen in Indochina, heute Vietnam, Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre. Sie ist 15, als sie auf einer Fähre einen fast doppelt so alten Mann, einen chinesischen Millionärssohn, kennenlernt. Die sexuelle Beziehung wird von der Mutter geduldet, das Geld des „Liebhabers“ auch von den Brüdern gern genommen, während ihre Schwester als Hure verschrien ist. Die Beziehung dauert etwa anderthalb Jahre; 1931, nach Marguerites Abitur, ging die Familie zurück nach Paris. Vor einem rostigen Schiffscontainer (Bühne, Kostüme: Michaela Springer, Marvin Ott) weint bei Goecke die großartige Sandra Bourdais beim Abschied bitterlich.

Inspiration ist Duras‘ „Der Liebhaber“

Gestritten wird immer noch darüber, ob das Buch überhaupt eine Liebesgeschichte ist – oder es nicht darin eher um die Mutter-Tochter-Beziehung geht (der Vater ist früh gestorben). Oder überhaupt um eine dysfunktionale Familie: die Mutter ist manisch-depressiv, der ältere Sohn gewalttätig, aber von ihr vergöttert, der jüngere, wie das Mädchen ungeliebt, stirbt ebenfalls früh.

Marguerite Duras war nicht froh über die Verfilmung Jean-Jacques Annauds, dem es nur um die Amour fou ging. Mit Goeckes Choreografie könnte sie zufrieden sein, gibt er doch in 70 Minuten vielen Figuren Raum, Mutter und Brüdern fast gleichberechtigt zum leidenschaftlichen Paar.

Marco Goeckes nervöser, hektischer, flatterhafter Stil, der so charakteristisch für ihn ist (und glücklicherweise schwer nachzuahmen), passt mit seiner fiebrigen Intensität zu diesem Stoff. Einmal geblinzelt in einem seiner Stücke – und man hat nicht eine, man hat zwei oder drei Mikro-Bewegungen verpasst. So ist dies auch eine Bewegungssprache für ein Publikum, das schon aufgewachsen ist mit schnellen Videoschnitten. Doch während es in zappeligen Filmen auch oft mächtig bunt zugeht, ist Goecke in anderer Hinsicht formstreng, minimalistisch, hochpräzise.

Womöglich gab es für die Aufzeichnung kleine Licht-Zugeständnisse, weil ja auch am Bildschirm noch etwas zu erkennen sein soll, aber der Choreograf hat es gern dämmerig. Und Goeckes Vorliebe für Dunkelheiten und für Schwarz-Weiß setzte sich auch diesmal durch. Das Ensemble trägt schwarze Hosen, dazu nackten Oberkörper oder schwarze Westen, die Hauptfiguren helle Blusen, helle Hemden, kleine symbolische Fingerzeige an den Hosenaufschlägen: Die Hosen der Mutter sehen untenrum aus wie lehmbeschmiert, die Tochter trägt dort kleine schwarze Strasssteine, die diskret funkeln, und ein immerhin zartgelbes Hängerchen.

Typisch für Goecke: nackte Oberkörper

Die nackten Oberkörper sind goecke-typisch, denn Geschwindigkeit verbindet der Choreograf mit einer stets klaren Bewegungs-Kante, die sich fortsetzt bis ins Relief der Muskulatur, bis in den knochigen Umriss der Schulterblätter. Einen roten Faden bildet im „Liebhaber“ die starr und plan, die Finger eng aneinander gehaltene Hand. Die Liebenden vermessen damit den anderen Körper, einerseits gierig, andererseits gehemmt. Und ab und zu landet die Hand auf einer Pobacke, packt für einen Moment zu.

Sie wirkt trotzdem nicht natürlich, die Hand auf der Pobacke. Denn die Menschen des Marco Goecke sind in unzähligen Variationen und mit vielen Details, dabei jedoch immer auch symbolisch bewegt. Sie haben etwas von Vögeln, deren Flügel beschnitten sind, die aber die Hoffnung nicht aufgeben und permanent flattern. Trippeln und flattern. Selten sind sie dabei raumgreifend, die einzelnen Buchstaben dieser Bewegungssprache sind sehr dicht gesetzt, so dass der von Körpern formulierte Text auch mal zu flimmern und flirren scheint.

Das tut auch das Wasser, das zunächst den optischen Hinter- und Untergrund bildet. Nach vietnamesischer Musik („Nostalgique Vietnam“) beherrscht Debussys „La Mer“ den Mittelteil der Choreografie, live gespielt vom sicher ebenfalls getesteten Niedersächsischen Staatsorchester Hannover unter der Leitung Valtteri Rauhalammis. Ravel folgt, dann Lili Boulangers düster-trauriges „D’un soir triste“. Bis die junge und die alte Marguerite sich bei Chopins Walzer in B-Moll umarmen und langsam drehen, denn die Erinnerung wird angestoßen durch den Anruf des Liebhabers, der der alten Dame seine immer noch dauernde Liebe gesteht.

Der bis in jede Geste und jeden Schritt sorgfältige Abend ist ein Zeichen, dass es bei Öffnung der Theater gleich prächtig wird weitergehen können. Und trotz eines professionellen Videos auch noch wirkmächtiger, denn der Körper leibhaftig, dreidimensional ist nicht zu schlagen.

Staatstheater Hannover: Stream „Der Liebhaber“ noch bis Ende März.

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