Manon als It-Girl.

Staatstheater Mainz

„Manon Lescaut“: Zug der Leidenden

  • schließen

„Manon Lescaut“ am Staatstheater Mainz mit feinen Stimmen und einer etwas überfüllten Wüste.

Es ist immer die typische Puccini-Verwandlung: wie aus einem gefallenen Engel eine zumindest in Größe Leidende, sich Opfernde, eine Bekennende wird. So auch in „Manon Lescaut“, dem lyrischen Drama in vier Akten aus dem Jahr 1893. Die dritte Vertonung eines Stoffs von Abbé Prévost – nach den Opern von Daniel-François-Esprit Auber und Jules Massenet gleichen Titels. Bei Puccini fast holzschnittartig und auf den Kern reduziert.

Innerhalb von wenigen Spielzügen ist ein „homo sacer“ skizziert – die Ausgestoßene und gefehlt Habende als Erhabene, deren Stigma die Oper in Musik und Gesang zum Charisma der Untergehenden formuliert. Manon Lescaut: designierte Novizin, die, von der echten Liebe zum Studenten des Grieux gestreift, bei der unechten im Hause Geronte di Ravoirs mit Perlen und Diamanten landet, um sich dann doch ihrer ursprünglichen Regung hinzugeben. Gemeinsam mit des Grieux geht sie in die Verbannung nach Amerika, wo Manon dann auf der Flucht wegen eines Mordes, den ihr Geliebter begangen hat, in der Wüste verdurstet. Stoff für viel Luxus und Elend also und die schmerzvoll-schöne Finalität eines langen arios-rezitativischen Sterbens.

Die reiche Opernnahrung wird jetzt im Staatstheater Mainz nur sparsam verteilt. Von Gerard Jones, der 2018 zusammen mit Cécile Trémolières den Europäischen Opern-Regiepreis gewann. Das beginnt mit dem durchgängig gleichen Bühnenbild, das aus einem breiten Holzrahmen besteht, in den eine etwas nach hinten versetzte Guckkastenfront mit einem leuchtend blauen Vorhang eingepasst ist. Dazwischen ein Laufband, mit dem geschmeidig Handlungsgruppen und Ausstattungsgegenstände auf die Szene transportiert werden. Zuletzt wird die verstorbene Manon fließbandmäßig von der Bühne verschwinden.

Sparsamkeit herrscht auch bei den Kostümen und dem zeithistorischen Kolorit, das die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts zitiert. Die Otto-Normalverbraucher-Gesellschaft, deren Kopf gewissermaßen der Manon-Liebhaber und Möchtegern-Entführer Geronte di Ravoir ist. Im Original ein Mitglied gehobener bourgeoiser, auf Repräsentation achtender Kreise. Hier ein Spießer vor dem Herrn: mit Sardellenscheitel, schrecklicher Brille, geschmackloser Krawatte, ein idiotischer Monsieur Hulot und Tölpel. Ihm kann man nichts von dem Manon anziehenden Luxus sowie den sie langweilenden gesellschaftlichen Gepflogenheiten mit Madrigalgesängen, Tanzmeister, Musikanten und lyrischen Ergüssen abnehmen. Die hat Puccini musikalisch sorgfältig, und im Klangverlauf viel Zeit beanspruchend, im Duktus des Ancien Régime nachgestellt; was hier völlig in der Luft hängen bleibt. Wenn bei eher rotlichtiger Konsumation die Herrschaften demonstrativ sich dem Nikotin hingeben, schnappt über der Regie selber die Spießer-Falle zu: solche Menschen rauchen.

Ansonsten sind im ersten Teil der Inszenierung schöne Freiräume gegeben, wo sich der Zuschauer selber ein Bild von der Interaktion zwischen den Beteiligten machen kann. Fast ein wenig in den Bereich des verpönten Rampentheaters gehen hier viele der Freistellungen, die von der kargen Bühne ermöglicht werden.

Leisten kann man sich in Mainz solche Positionierung der Sänger, weil stimmliches Kapital vorhanden ist. Die beiden Hauptfiguren vor allem bringen es mit und bestehen die Exponierung bestens. Souverän und unangestrengt sowie nicht zu eng ist die Stimme von Eric Laporte als des Grieux, der sich im Vergleich zu seiner Partnerin weniger in seinem Habitus exponieren muss. Nadja Stefanoff ist eine blendende Erscheinung, die in ihrer dreifachen Mimese als Novizin, It-Girl und in der Wüste Verdurstende fesselte. Ein unbefangener Gestus, der von operntypischen Haltungen nicht tangiert ist, passt wunderbar und wäre einem gerade im letzten Akt höchst willkommen gewesen. Aber nach einer Demonstration von Sittenwächtern, die den Zug der Verbannten im auf Bühnen heimisch gewordenen Overall-Orange à la Abu Ghraib begleiten; und nach einer durch die Luft schwebenden Flugzeugattrappe (in Mainz wird nach Neufrankreich ausgeflogen), ist es mit der Sparsamkeit vorbei.

Im letzten Akt bevölkert sich unverhofft die Wüste mit auf dem Laufband vorbeiziehenden Verendenden. Hier hat man nach dem kostüm- und maskenbildnerischen Geronte-Flop ganze Arbeit geleistet und beeindruckende Elends-Ästhetik kreiert. Der Versuch, Puccinis Opferstilisierung zum allgemeinen Schicksal zu erweitern, führt aber zu dessen Verflachung und nimmt dem Ausdruck des Besonderen stellvertretend für ein Allgemeines angesichts des Schauer-Blickfangs alle Kraft. Der letzte im Zug der Hungernden und Leidenden ist Geronte, der ein Hühnerbein verzehrt: so viel Klischee muss sein.

Stimmlich ist dieser Mainzer Puccini eine rundum erfreuliche Angelegenheit. Auch der in seiner Bühnenerscheinung gebeutelte Stephan Bootz und der Bruder Manons, Michael Dahmen, warten mit stimmlicher Qualität auf. Hervorragend ist das Dirigat von Daniel Montané, der alle Facetten des reichhaltigen Puccinischen Gestaltungsarsenals mit dem blendend disponierten und geschmeidig spielenden Philharmonischen Staatsorchester in herrlichen Bögen und bestens auf die Sänger bezogenen Aufschwüngen realisiert. Dabei nicht schwammig oder schmetternd. Ziemlich deftig, aber präzise Chor und Extrachor.

Staatstheater Mainz:31. Januar, 6. Februar, 10., 28., März. www.staatstheater-mainz.com

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion