+
Biegsame Wesen aus dem Meer in „Gaia“.

Nationaltheater Mannheim

Was tanzend aus dem Meer gekrabbelt kam

  • schließen

Ein feiner Mannheimer Tanzabend mit „Gaia“ von Liliana Barros und „bellulus“ von Stephan Thoss.

Den Menschen als irgendwann im Verlauf seiner Evolution äußerst biegsames Wesen zeigt eine Choreografie der Portugiesin Liliana Barros, die sich nun am Nationaltheater Mannheim einen Abend teilt mit einem älteren Werk von Tanzchef Stephan Thoss. Als an einem felsigen, rauen Strand angeschwemmte Tierchen, feuchtglänzend in hauchdünnen, hautengen Bodies (Bühne und Kostüme: Barros) erscheinen neun Tänzerinnen und Tänzer in „Gaia“. Elektronische Musik von Martin Mitterstieler knurpselt und grummelt ominös.

Die Tierchen variieren ganz selbstverständlich die kuriosesten, artistischsten Bewegungen. Als wäre es eine Kleinigkeit, Fantasie-Figuren zu bilden mit dem Körper. Ohne die Hilfe der Hände gleitet man aus dem Spagat hoch. Oder legt die Fußsohle neckisch an den Kopf. Wellen laufen durch Oberkörper. Finger spreizen sich zu Tentakeln. Fröschlein federn auf langen Beinen. Rotumrandete Augen starren ins Publikum.

Mal Amöbe, mal Mensch im Nationaltheater Mannheim

„Gaia“ ist in der griechischen Mythologie eine Gottheit und die personifizierte Erde. Auf ihr sind die mal amöben-, mal menschenähnlichen Wesen Liliana Barros’ noch fremd – aber auch neugierig und unermüdlich in ihrem Bewegungsdrang. Da geht immer noch was an Extremverrenkung. Diese aparten, auch öfter im Duo ausgeführten Elastizitäten vor allem sind es, die den erheblichen Reiz der rund halbstündigen, in Mannheim uraufgeführten Choreografie ausmachen – die außerdem das Geheimnis bewahrt, zu was sich diese gelenkigen Gestalten entwickelt haben. Der heutzutage so starre Mensch kann es eigentlich nicht sein.

Der ist ja, wie nach der Pause Stephan Thoss’ ebenfalls etwa 35-minütige Choreografie „bellulus“ aufs Schönste illustriert, eher in Gewohnheiten verfangen. Das Stück entstand bereits 1999 während der Kieler Amtszeit des Tanzchefs – es hat sich vielleicht darum so gut gehalten, weil es ein praller Jux ist mit dem Best-of des Opernrepertoires, mit Verdi, Puccini, Bizet, „La Traviata“, „Madame Butterfly“, „Carmen“ natürlich. Der flinke Tänzer als selbstgewisser, um nicht zu sagen: eingebildeter Torero, das ist allemal ein Spaß.

Auf einem verstaubten Plüschsofa (Bühne: Arne Walther) dösen kleine Hampelmänner und -frauen, die alsbald zu quicklebendigem, komischem Leben erwachen. Sie plustern sich auf, sie schwanken und hopsen und gestikulieren ziemlich wild, eine Jägersfrau wedelt mit einem Schießgewehr, eine stolze Carmen landet auf dem Bauch, die ganze Truppe hechtet hinter die breite Sofalehne und verschwindet. Mannheims Tanzdirektor pflegt ja allgemein eine recht groteske Bewegungssprache; er ist mit ihren Mitteln von Fall zu Fall auch ein gewiefter Komödiant und Spötter. Sein feines Ensemble folgt ihm dabei bis ins Detail wie das Zucken der Mundwinkel.

Im Opernhaus lief bei der Vorstellung am Samstag gleichzeitig „Carmen“, das war eine zusätzliche Ironie. Der Tanz war ein wenig spärlich besucht, dafür der Applaus wirklich kräftig.

Termine und Infos

Nationaltheater Mannheim: 21. Juni, 2., 12., 25. Juli. www.nationaltheater-mannheim.de

Das könnte Sie auch interessieren:

Fritz Rémond Theater: Ein Offenbach-Abend mitten in Frankfurt.

Schauspiel Frankfurt:  David Grossmans Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ auf der Bühne.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion