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Orchestertag in der Oper, hier im Wolkenfoyer.

Frankfurter Theaterdebatte

„Man sollte dieses Gebäude mehr würdigen“

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Architekt Jürgen Engel plädiert für einen Erhalt der Frankfurter Theaterdoppelanlage, wünscht sich eine öffentliche Nutzung des Foyers tagsüber und stellt sich ein beherrschbares Interim vor.

Jürgen Engel ist geschäftsführender Gesellschafter des Büros KSP, Jürgen Engel Architekten in Frankfurt, das zu den größten Architekturbüros in Deutschland zählt.

Herr Engel, Sie haben sich dem öffentlichen Aufruf zahlreicher Architekten, Kulturhistoriker, Soziologen und anderer angeschlossen, das historische Gebäude der Städtischen Bühnen hier in Frankfurt im Wesentlichen zu erhalten. Was sind Ihre Beweggründe?

Ich habe mich zunächst zurückgehalten, weil ich die Planungsvorgaben der Stadt nicht kenne, die zu der Entscheidung für einen Neubau geführt haben. Diese Entscheidung sollte man noch einmal überdenken. Ich glaube, man kann das bestehende Gebäude erhalten und sanieren. Dazu muss man aber das geforderte Raumprogramm der Bühnen konsequent und deutlich reduzieren. Es muss abgespeckt werden.

Halten Sie die von den Städtischen Bühnen eingebrachten Anforderungen für überzogen?

Architekt Jürgen Engel.

Ich denke, die Stadt sollte den gesamten finanziellen Rahmen von bis zu 900 Millionen Euro überdenken. Die Intendanz und die Verwaltung sollten aus dem Haus heraus an einen anderen Ort verlegt werden. Auch die Werkstätten gehören dort nicht hin. Ich würde die Bühnentechnik mit den großen Bühnen von Oper und Schauspiel sanieren, aber nicht grundsätzlich in Frage stellen.

Zur Info

Frankfurts Theaterdoppelanlage soll nach einem Beschluss des Stadtparlaments abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Die Entscheidung wurde nach Beratungen, die bis in das Jahr 2017 zurückreichen, kurz vor dem Ausbruch der Corona-Krise getroffen.

Warum haben solche Überlegungen bisher keine Rolle gespielt, warum ist das Raumprogramm nicht kritisch hinterfragt worden?

Ich denke, die Verantwortlichen der Stadt haben sich für den Abriss entschieden, weil sie Angst vor den Risiken haben, die in dem Altbau stecken. Aber man muss einen Schritt zurückgehen und fragen: Ist das geforderte Raumprogramm tatsächlich notwendig? Auch, wenn die Intendanten das wollen.

Bedeutet das eine Forderung nach mehr Bescheidenheit?

Ich denke, man sollte das Gebäude der Theater-Doppelanlage mehr würdigen. Dieses Haus mit seinem wunderbaren Foyer ist insgesamt ein bescheidener Bau, der heute noch immer interessant ist und seinen Stellenwert besitzt. Ich würde mir wünschen, dass man das Foyer in Zukunft tagsüber mehr öffentlich nutzt als kulturellen Ort. Für die Frankfurter Innenstadt ist dieses Bauwerk ein absolutes Highlight. Wenn man es mehr nutzt, könnte das zu einer Aufwertung der Innenstadt führen. Auch im Erdgeschoss sollten öffentlich zugängliche Funktionen integriert werden.

Sie plädieren dafür, das Wolkenfoyer zu erhalten?

Ja. Ich rate zu einem zurückhaltenden Umbau, der sich vor allem auf die erforderliche neue Technik konzentriert. Ich würde die Bühnen und die Zuschauerräume von Oper und Schauspiel grundsätzlich erhalten. Es gibt keinen besseren Ort für die Bühnen als den Willy-Brandt-Platz im Zentrum der Stadt. Natürlich werden die Kosten für eine Interimslösung während des Umbaus hoch sein. Das Interim ist aber beherrschbar. Ich schlage vor, dass das Schauspiel ins Bockenheimer Depot ausweicht, das mit vergleichsweise geringen Kosten zeitweise erweitert werden kann. Die Oper müsste für die Zeit des Umbaus in das Schauspiel ausweichen.

Halten Sie das in der Praxis für machbar?

Aber ja. Ich habe mit meinem Büro Hochhäuser saniert, während die Mieter weiter im Haus gearbeitet haben. Dies ist eine Herausforderung, aber mit einem erfahrenen Architekturbüro durchaus ausführbar.

Die Corona-Krise wird zu einer Verzögerung des Projekts Städtische Bühnen führen. Sollte die Politik in Frankfurt diese Zeit als Bedenkzeit nutzen, um ihre Entscheidung für den Abriss noch einmal zu hinterfragen?

Die Stadt Frankfurt wird wie alle großen deutschen Städte durch die Corona-Krise grundsätzlich neue Überlegungen anstellen müssen. Auch für den Haushalt einer so reichen Stadt wie Frankfurt wird diese Herausforderung sehr groß sein in diesem und im nächsten Jahr. Es entsteht also jetzt tatsächlich eine Bedenkzeit. Übersetzt heißt das: Alle müssen jetzt Kompromisse machen. Und: Wir können an die heiligen Kühe herangehen.

Was sind heilige Kühe in Bezug auf die Städtischen Bühnen?

Grundsätzlich heißt es jetzt: Es ist nicht mehr Wünsch-Dir-Was angesagt. Noch einmal: Die Verwaltung und die Intendanz müssen nicht im Haus sein. Die könnten in ein Bürohaus in der Nähe umziehen. Auf das viel diskutierte Grundstück von Raab Karcher an der Mayfahrtstraße im Osthafen, das der Stadt gehört, könnten die Werkstätten ausgelagert werden.

Folgte man Ihren Vorschlägen, was würde das Ihrer Meinung nach insgesamt kosten?

Es wäre total falsch, jetzt eine Zahl zu nennen. Sie würde sofort zerredet werden.

Glauben Sie, dass die Politik in Frankfurt die Kraft hat, ihre Entscheidung für einen Neubau noch einmal zu korrigieren?

Ich bezweifle es. Aber als Bürger würde ich es mir natürlich wünschen. Ich hoffe auf eine Wende. Ich halte es grundsätzlich für falsch, die Städtischen Bühnen insgesamt an den Osthafen zu verlegen. Diesen Hafen muss man in Zukunft für etwas anderes nutzen, für den Bau von Wohnungen und für Dienstleistungs-Arbeitsplätze. Frankfurt wird sich nach Osten hin entwickeln, das ist klar. Die nächste wesentliche Entwicklungsachse der Stadt führt nach Osten.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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