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„Mal“ von Marlene Monteiro Freitas: Papierflieger und krasse Grimassen

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Von: Sylvia Staude

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Alles selbst gebastelt: Szene aus „Mal“.
Alles selbst gebastelt: Szene aus „Mal“. Foto: Peter Hönnemann © Peter Hönnemann

„Mal“, ein wuchtiges, verspieltes Stück von Marlene Monteiro Freitas.

Die Entfesselung und die Erschöpfung, der Drill und die Gelöstheit, der Aufbau (wenn auch papieren) und die Zerstörung: In „Mal – Embriaguez Divina“ der kapverdischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas prallen die Dinge mit Wucht und Witz aufeinander. Kafkas „Vor dem Gesetz“ wird (auf Englisch) aus dem Off eingespielt, aber das Stück, dessen Titel sich auf Georges Batailles Triebkraft der „göttlichen Trunkenheit“ bezieht, kommt ansonsten (fast) ohne Sprache aus: In Fantasiegeplapper ist höchstens das Wort „fuck“ auszumachen, anfangs auch „don’t you fucking look at me“.

Aber diese Menschen anschauen, das tut man zwei pausenlose Stunden lang fasziniert: Neun sich körperlich, vor allem mimisch virtuos entgrenzende Performer und Performerinnen. Leider kann man nicht alle gleichzeitig im Blick behalten, wie sie die absonderlichsten, krassesten Grimassen ziehen, die Augen rollen, züngeln, zucken, zappeln. „Mal“ entstand an den Münchner Kammerspielen und gastiert jetzt am Frankfurter Mousonturm.

Diese herrliche, auch böse Trunkenheit eines Stücks spielt vor allem mit Assoziationen, die sich weit und in viele Richtungen öffnen. Dunkelblauen Samt tragen die Akteurinnen und Akteure, vom Schnitt zwischen Kleid und Frack. Dazu weiße Strumpfhosen und weiße Handschuhe, unter denen später violette hervorkommen (Kostüme: Monteiro Freitas, Marisa Escaleira). Es wird zuerst Volleyball gespielt, dann marschiert und exerziert, zackig, in immer neuen Formationen. Eine weiße Fahne wird geschwenkt und weitergereicht. Auf einer kleinen Tribüne ordnen sich die Neun immer wieder ein, so dass man an die Sitzordnung in einem Parlament oder einem Gerichtssaal denkt – auch, weil Papier stapelweise genutzt wird. Manchmal wird mit großer rhetorischer Geste, nun ja, gebrabbelt.

Trommeln treiben die Körper voran, Schweiß läuft. Dann wieder sitzen die Performerinnen und Performer in den drei Tribünen-Reihen und basteln sich wie Kinder allerlei aus schlichtem weißem DIN A4-Papier. Von der Fliege (à la Lauterbach) bis zum Flieger, der in Richtung Publikum geschossen wird. Vom langen Schnabel bis zur Krawatte. Aber auch ganze Quartiere entstehen, mit unterschiedlichster Architektur. Und ein Papierpanzer.

Immer wieder kracht es wie von einem Kanonenschlag. Resolute Trommelmusik kommt zu Einsatz, wie oft bei Monteiro Freitas, bei der die Zuschauerin am liebsten so ekstatisch mithüpfen und -zucken würde wie die Neun auf der Bühne (darunter auch die Darstellerin mit Beinstümpfen). Aber der abrupte Wechsel hält in „Mal“ den Spannungsbogen straff, auch wenn sich einiges wiederholt. Und so begegnet man auch dem furiosen Ende von Tschaikowskis „Schwanensee“, mit Schmackes eingespielt: Dabei bewegen die Performerinnen und Performer nur ihre Arme und purpurn behandschuhten Hände, man kann das als besonders schnelles Klatschen sehen, aber auch als die flinke Fußarbeit der Primaballerina interpretieren.

„Mal“ ist ein zweistündiger Wumms von Stück, ungewöhnlich, rätselhaft, aber gleichzeitig für allerlei Gedanken zugänglich.

Mousonturm , Frankfurt: 10. September. www.mousonturm.de

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