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Paulina Alpen von erhöhter Felsenwarte mit Chris aus dem Rekorder.

Staatstheater Mainz

Das magische Wort „Brite“

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"Status", ein Theatersolo von Chris Thorpe über Nationalitäten in Mainz.

Es geht um Europa, oder?“, wendet sich eine Zuschauerin an ihre Nachbarin, da hat die Aufführung noch nicht begonnen. Aber Paulina Alpen sitzt da bereits oben auf einem Felsen, so dass man an Loreley denken könnte und damit an Gefahren des Unterwegsseins, oder auch, den vergangenen Tagen geschuldet, an Gibraltar und also europäische Streitigkeiten. Doch in dem Text „Status“, der jetzt im U17, im unterirdischen Spielort des Mainzer Staatstheaters, Deutsche Erstaufführung hatte, berichtet sein Autor Chris Thorpe von einer Reise (Serbien, Singapur, Freistaat Navajo, Frankfurt Flughafen), die ihn zum Nachdenken über den Begriff der Nation und seine Privilegien als Brite brachte.

Aber was heißt „berichtet“: Thorpe spitzt zu, meißelt heraus, karikiert und fantasiert. Unterhält sich mit einer Kojotin. Plaudert auf dem (Frankfurter?) Flughafen mit einer Pappfigur, die eigentlich ein Geist ist. Balanciert auf einem Hochhaus-Geländer in Singapur und stürzt nicht ab.

Das Mainzer Staatstheater gehört zu den Koproduzenten von „Status“; in Edinburgh hat der Autor und Performer Chris Thorpe im Sommer für sein Ein-Mann-Stück einen Fringe First Award erhalten. Hier ist es nun, übersetzt von Katharina Schmitt und inszeniert von Jana Vetten, zum Ein-Frau-Stück mit einer fabelhaft souveränen, auch singenden, auch Gitarre spielenden Paulina Alpen geworden. Original Thorpe hört man einige Male vom – knisternden, rauschenden – Band.

Etwa zu Beginn, bei der Geschichte von den zwei serbischen Polizisten, die in eine Bar kommen und unvermittelt anfangen, einen Mann zusammenzuschlagen. „Was glaubt ihr, was ihr da tut?“, sagt Thorpe und hat sofort den Lauf einer MP am Hals. Woraufhin sei einheimischer Begleiter das Wort „Brite“ fallen lässt – und Thorpe erlebt: „I’m fucking magic.“ Oder vielmehr ist seine Nationalität ein magischer Schutz vor serbischer Polizeiwillkür, obwohl (oder weil?) es noch gar nicht so lange her ist, dass britische Flugzeuge dort Bomben abgeworfen haben.

Was also hat es mit Nationalität(en) auf sich? Ist es ein Leichtes, irgendwohin zu gehen, wo es „wohlwollende, vernünftige Menschen wie Chris“ gibt, wenn das eigene Land einen ärgert (Brexit!)? Kann man staatenlos sein, seine Zugehörigkeit ausziehen „wie einen Anzug“, ist es nur eine Frage der Wahrnehmung und des Willens? Kann man sich einfach weigern, mitzuspielen beim großen Spiel der Nationen und Grenzen? In den USA begegnet Chris wütender Verwirrung, als er sich als Engländer, aber auch Brite bezeichnet. Wie könne das denn sein! In Singapur trifft er einen staatenlosen Amerikaner. Oder jedenfalls hat dieser sich für staatenlos erklärt. Im Freistaat Navajo möchte der einheimische Fahrer/Führer wissen, warum „weiße Leute“ andauernd Steine sammeln und auftürmen. Und dort wäscht ihm die sprechende Kojotin den grübelnden Kopf.

Er kehrt zurück. Er stellt fest, dass er die Namen britischer Landschaften, aller Gegenden bis in den hohen schottischen Norden mühelos aufrufen kann. Und so ist Chris Thorpe zuletzt bei der Frage angekommen, was Heimat ausmacht.

Staatstheater Mainz, U17: 5., 30. Dezember, 4., 26. Januar. www.staatstheater-mainz.com

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