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Sunnyi Melles als Leo X. in Lukas Bärfuss’ „Luther“ bei den Nibelungenfestspielen in Worms.
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Sunnyi Melles als Leo X. in Lukas Bärfuss’ „Luther“ bei den Nibelungenfestspielen in Worms.

Nibelungenfestspiele

„Luther“ in Worms: Der Elefant im Raum

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Die Nibelungenfestspiele in Worms bieten die Uraufführung von Lukas Bärfuss’ „Luther“, können ihm aber nicht viel abgewinnen.

Lukas Bärfuss’ neues Stück heißt „Luther“, aber Luther selbst ist nicht zu sehen (außer auf den Werbeprospekten im Kiosk, in dem Friedrich der Weise residiert). Stattdessen lässt der Schweizer Büchnerpreisträger ihn und seinen Auftritt beim Reichstag in Worms vor 500 Jahren von anderen Figuren der Zeit umkreisen. Es geht darum, wie die Mächtigen und die Ohnmächtigen, hier aber vor allem: die Mächtigen auf Luther reagieren, ihn entweder loswerden oder von ihm profitieren wollen (finanziell, machtpolitisch), vielleicht sogar ernsthaft beeindruckt sind von seiner Lehre. Aber Politik und Ernsthaftigkeit liegen auch um 1521 ein Stück weit auseinander wie auch Ereignis und Reaktion ein Stück weit auseinander liegen. Es ist wie so oft nicht wesentlich, was Luther will, wesentlich ist, was die Figuren denken, was Luther will. Das wiederum hängt davon ab, was sie selbst wollen. Wir biegen uns seit jeher unsere Welt zurecht.

Das „Luther“-Konzept ist dadurch plausibel, aber anspruchsvoll, denn neben klassischen Akteuren – hier der Erzschurke und -bischof Albrecht von Mainz, dort Friedrich III. von Sachsen – geht es beispielsweise um (Albrechts Bruder) Joachim I. von Brandenburg und seine Frau Elisabeth von Dänemark. Da muss man sich schon ein bisschen orientieren, wenn man mehr verstehen will als bloß das nackte Unglück einer katastrophal schlechten Ehe. Man muss sich orientieren und ist gerne bereit dazu und fragt sich trotzdem, ob das eine vielversprechende Theaterkonstellation ist. Ist es. Aber ist sie ideal ausgeführt? Ist sie nicht.

In der Mitte ein großes Loch

Zwei Tücken treffen zusammen, während Bärfuss’ „Luther“ am Ort des Geschehens vor dem Dom von Worms den Nibelungenfestspielen eine Abwechslung jenseits von Siegfried und Kriemhild beschert. Die erste Tücke besteht darin, dass die Konstruktion mit dem großen Loch in der Mitte (da wo Luther steht und sinngemäß nicht anders kann) dramaturgisch nicht raffiniert genug erscheint. Denn weder ist dadurch viel Neues, überhaupt etwas Neues über Luther zu erfahren – den Prediger der Gewissensfreiheit, den Populisten – noch über die Gesellschaft seiner Zeit. Oder die Gesellschaft unserer Zeit, die davon nicht so weit entfernt ist, wie sie es gerne wäre. Über weite Strecken befindet man sich in einem merkwürdig verrätselten Geschichtsbuch, aber gerade Rätsel müssen natürlich die Neugier herausfordern, indem sie Neues zum Nachdenken bieten.

Die zweite Tücke ist der Versuch von Regisseurin Ildikó Gáspár, das zu beleben, das Groteske daran herauszulocken, nein, herauszuzwingen. „Luther“ wird dadurch zu einem munteren Kaleidoskop, revuehaft manchmal die Szenenabfolge, aber dem Text bekommt das schlechter als erwartet. Das Verrätselte wird nicht spannender, sondern gleichgültiger, das Grelle lenkt vom Wort hin zur Action. Einer Action, der Drama und Zusammenhang teils weitgehend, teils vollständig abhanden gekommen ist.

Der Papst und Hanno

Wo alles zusammenfindet, das Wort, die Action, das Drama, der Zusammenhang, funktioniert es sofort. Die Szenen mit Papst Leo X. sind solche Momente, das macht das großartige Spiel von Sunnyi Melles, die sehr sanft und wie nicht von dieser Welt einen (gefährlichen) Verrückten skizziert, das liegt aber auch an der Bärfuss-Dialogstärke, die sich hier voll entfaltet. Der Papst ist inniglich mit seinem Elefanten Hanno befasst – Gáspár und Ausstatterin Lili Izsák haben sich fantasievolle Wege ausgedacht, ihn sichtbar zu machen, obwohl kein Tier in der Nähe ist –, während er die Reformationsbewegung und ihre Bedeutung nicht überschaut. Hören wir rein ins Gespräch mit seinem Legaten Cajetan (Matthias Neukirch), der auf Leos Frage nach Neuem aus der Kirche sagt: „Das Gerede wird dümmer. Und jeder will eine Meinung.“ Sunnyi Melles: „Eine was.“ Cajetan: „Eine Meinung.“ Sunnyi Melles: „Wozu soll das gut sein.“ Cajetan: „Es ist eine Mode. Eine Mode aus Deutschland.“ Sunnyi Melles: „Aus wo.“

Auch sonst wird schwungvoll gespielt, aber es geht eben ein wenig ins Leere. Entweder versteht man es zu gut oder nicht. Bärfuss’ Hauptfiguren anstelle des abwesenden Titelhelden sind Joachim und seine Frau, Jan Thümer und Julischka Eichel, die auf einem güldenen Baugerüst unfroh hausen. Joachim ist in erster Linie ein brutaler Vergewaltiger, der sich auch an einer Bürgersfrau (der von Luther, aber gewissermaßen auch von „Luther“ propagandistisch ausgeschlachteten Katharina Hornung, Katrija Lehmann) brutal vergeht. Hierbei ist es sehr viel ambivalenter, Gáspárs ideenreicher Bebilderung zu folgen.

Jürgen Tarrach ist als gemütlich brutaler Albrecht zu sehen, Barbara Colceriu ist – ostentativ als rüstige Renaissance-Dame – eine originelle, geradezu unvergessliche Verkörperung Friedrichs. Auch Sunnyi Melles sieht selbstverständlich überhaupt nicht aus wie der beleibte Leo X..

Kommunikation (allenthalben piepen und brummen Telefone) und Mobilität (Zweirädriges ist vielfältig im Einsatz) spielten auch in der Luther-Zeit, die sich modern fühlen musste, wie wir es tun, eine große Rolle. Das ist vielleicht einer der springenden Punkte an diesem langen Abend.

Nibelungenfestspiele vor dem Wormser Dom: bis 1. August. www.nibelungenfestspiele.de

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