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Darmstadts Lucia, Bianca Tognocchi.

Theater

„Lucia di Lammermoor“ in Darmstadt: Unter Gespenstern

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Glück im Unglück: Donizettis „Lucia di Lammermoor“ am Staatstheater Darmstadt.

Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ treibt den Wahnsinn auch insofern auf die Spitze, als die entsprechende Arie der vor Unglück verrückt gewordenen Titelheldin mit ihrer Virtuosität natürlich auf einen gewaltigen Szenenapplaus angelegt ist. Während ihr Opfer in Darmstadt blutüberströmt die Treppe herunterfällt, und das Leiden noch eine ganze Weile kein Ende hat, jubelt das Publikum. Selbst wer die Oper für die Kontraste zwischen Bühnengeschehen und Rezeptionsgenuss liebt, kann hier seelisch ins Stocken geraten.

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Darmstädter Lucia ihre Arie zur Glasharmonika souverän absolviert, aber auch inniglich und versonnen. Bianca Tognocchi, Gast von der Oper Leipzig, ist nicht nur eine glaubwürdige Lucia-Figur – jung, arglos, dann heillos gefangen im Schmerz, jedoch mit wirkungsvoll zurückgenommenen Ausdrucksmitteln –, sondern sie singt auch mit dunklem Ernst, ohne bei den Höchsttönen gellend zu sein. Exaltation und Verschlossenheit, Schönheit und Triftigkeit gehen auf eine anrührend selbstverständliche Art zusammen. Das entspricht dem Dirigat von Andriy Yurkevych, der zusammen mit dem Orchester der Düsternis nicht melodramatisch, sondern diszipliniert und feinsinnig begegnet.

Etwas unaufwendiger als Lucia gestaltete ihr geliebter Tenor den darstellerischen Teil in der Premiere: Felipe Rojas Velozo, mit schluchzender, fitter, fast übergroßer, aber behänder Stimme, war einer von drei (!) Einspringern am ersten Abend: Der Bariton Michael Bachtadze kam als Lucias Bruder gerade noch zur rechten Zeit und fügte sich sängerisch und darstellerisch ausgezeichnet ein. Aus Frankfurt war Nina Tarandek als dadurch jetzt luxuriös besetzte Alisa angereist. Die nächste Vorstellung soll nach dem Willen der Darmstädter die (hauseigene) Originalbesetzung bieten.

Auch die Regie war kurz vor Probenbeginn krankheitshalber von Dirk Schmeding an den Argentinier Marcos Darbyshire weitergegeben worden, insgesamt also eine vom Pech verfolgte Unternehmung. Dass Darbyshire in der Ausstattung vor vollendete Tatsachen gestellt werden musste, ist der Inszenierung aber nicht abträglich. Sie findet einen einleuchtenden Weg zwischen einer geschmackssicheren Figurenführung und einer effektvollen, gespenstisch angehauchten Familientragödie, wie es Walter Scott, Autor des Romans „The Bride Of Lammermoor“, gefallen haben dürfte. Robert Schweers Bühne bietet trudelnde Raumkästen, in der eine leicht angegammelte grüngemusterte Tapete und zahllose Gemälde von besseren Zeiten berichten. Da die Ashtons, zu denen Lucia gehört, den Ravenshoods das Anwesen einst raubten, bleibt offen, wessen Familienporträts hier eigentlich hängen. In die Mitte haben sich jedenfalls die Ashtons platziert: Das geisterhaft (also mittels eines Computers) veränderliche Familienbild ist schon auf dem Vorhang zu sehen. Darbyshire verstärkt die Familienbande, indem Alisa (die klassische Vertrautenrolle) zur leichenblassen Mutter von Lucia avanciert.

Man ist wahrlich von Gespenstern umgeben. Ein Alpdruck weckt Bruder Enrico zu Beginn, während noch blutrote Videohände über Wand und Bett der Geschwister huschen. Auch der brave Raimondo, auf Lucias Seite und vom Darmstädter Bass Johannes Seokhoon Moon prächtig gesungen, ist entsprechend ein Nervenwrack. Den von Sören Eckhoff einstudierten, gediegenen Chor hat Frank Lichtenberg aufwendig durch die Zeiten eingekleidet: eine nicht bedrohliche, aber auch nicht empathische Ahnenschar.

Anzeichen von Gewalt

Der unaufdringlichen, letztlich illustrierenden, aber klug illustrierenden Interpretation werden noch Elemente von ritualisierter Gewalt beigesellt. Riesig hängt der tote Hirsch im Schlafzimmer, willig, gar blutdurstig übernimmt Enrico das Aufschlitzen desselben. Am offenen Feuer wird der große Leib nachher im Salon gebraten, als Brennholz dienen Bilderrahmen und Mobiliar. Der Quasi-Verkauf der Schwester in eine ungewollte Ehe soll ein so trivialer wie brutaler Ausweg aus dieser Trübsal sein. Das Unglück zeigt sich in der waltenden Diskretion umso blühender. Dass die wahnsinnige Lucia den Bruder in ihr blutiges Brautkleid zwingt, ist überdeutlich, trifft aber das Drama auf den Punkt.

Staatstheater Darmstadt:  20., 29. Dezember, 11., 30. Januar. www.staatstheater-darmstadt.de

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