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„Love Letters“ im Stalburg Theater Frankfurt: Und wenn es dann kurz still ist

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Von: Judith von Sternburg

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„Love Letters“ in der Stalburg: Ulrike Kinbach, hinten Detlev Nyga. Foto: Niko Neuwirth
„Love Letters“ in der Stalburg: Ulrike Kinbach, hinten Detlev Nyga. © Niko Neuwirth

Ulrike Kinbach und Detlev Nyga präsentieren „Love Letters“ in der Frankfurter Stalburg.

Love Letters“ war eine ganze Weile ein Stadttheaterknaller für zwischendurch. Bequem zu machen, zwei Tischchen, eine Schauspielerin, ein Schauspieler, die ablesen dürfen (sogar müssen), aber trotzdem eine Menge zu bieten haben, denn der Text von Albert Ramsdell Gurney ist ziemlich gut. Nein, er ist großartig. In den 80er, 90er Jahren fehlte dabei noch weitgehend eine Dimension, die man damals jedenfalls unterschätzt hätte. Gurney thematisierte durchaus, dass die Kultur des Briefeschreibens längst rückläufig war, aber er konnte nicht ahnen, dass 30 Jahre später praktisch keine handschriftliche Post mehr ausgetragen würde.

Unwahrscheinlich, dass heute noch viele Kinder von Eltern oder Lehrkräften gezwungen werden, an Großvater oder ein Mädchen aus der Klasse einen Brief auf Papier zu schreiben. Das ist in „Love Letters“ nicht nur der nostalgische Anteil, es ist auch der Anteil, bei dem man das unangenehme Gefühl hat, es könnte doch ein Fehler gewesen sein, die recht alte Kulturtechnik des einigermaßen gepflegten Schreibens so gänzlich beiseitezulassen bzw. durch Kurznachrichten zu ersetzen.

Entscheidend ist aber, dass „Love Letters“, selbst wenn man im Bilde ist, einen sofort wieder gewinnt. Diesmal mit Ulrike Kinbach und Detlev Nyga. Auf der Bühne des Frankfurter Stalburg Theaters ziehen sie – unterstützt von Jule Fischer als Produktionsleiterin, Daniel Kohl (Bühne) und Katja Quinker (Kostüme) – das Publikum so schnell in die Geschichte anderer Menschen hinein, wie nur die Schauspielkunst und die Literatur es können.

Kinbach ist Melissa, Tochter aus bestem Hause, Nyga ist Andy, dessen Eltern nicht ganz so reich sind, dafür aber auch nicht ganz so anstrengend. Am Anfang sind sie Kinder, Nyga und Kinbach machen das ausgezeichnet, könnte ebenso peinlich sein, und die Kinder im Text genieren sich auch, aber den Erwachsenen auf der Bühne schaut man kichernd zu. Die ersten Briefe – gute alte Wie-geht-es-dir-mir-geht-es-gut-Briefe – zockeln zäh hin und her. Beide sollen, er will auch gerne, sie weniger.

Während Andy und Melissa älter werden, behält der Text diese Metaebene immer bei: die Reflexion über das Briefeschreiben, das ihm wichtiger ist als ihr. Dafür ist er ihr vielleicht wichtiger als sie ihm. Sie ist in jedem Fall trauriger als er, viel trauriger, aber das weiß sie lange nicht. Es kommt zu Küsschen, Küssen, kleinen Liebesbekenntnissen, großen Streitereien. Er wird Jurist, ein erfolgreicher. Sie wird Künstlerin, mäßig erfolgreich.

Was ein Gesicht alles sagt

Es zeigt sich, dass das Telefon den Brief nicht adäquat ersetzen kann. Dass wir nicht nur hören und nicht nur lesen, ist jedenfalls sehr gut. Vielleicht sind die allerschönsten Szenen die, in denen Kinbach und Nyga kurz schweigen und in ihren Gesichtern zu sehen ist, was gerade passiert. Ein Gesichtsausdruck und ein sich verändernder Gesichtsausdruck: uneinholbar.

Nach hinten raus wird es länglich, fast drei Stunden immerhin (mit Pause gerechnet), dabei müsste es ein Leichtes sein, zart abzukürzen. Das Leben ist natürlich bedeutend länger und der Beifall sehr groß.

Stalburg Theater, Frankfurt: 2., 9., 30. Mai. www.stalburg.de

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