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„Lohengrin“ in Darmstadt: Liebeszauber mit Realismus-Effekt

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Von: Bernhard Uske

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Elsa und Lohengrin, Dorothea Herbert und Peter Sonn. Foto: Nils Heck
Elsa und Lohengrin, Dorothea Herbert und Peter Sonn. © Nils Heck

Ein mythophober „Lohengrin“ am Staatstheater Darmstadt.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert senkt sich in Deutschland bei spezifischen Operninszenierungen am Ende die Beleuchtungsbrücke, um das Publikum zu bestrahlen: Merkt auf, ihr seid gemeint! Ein lichthaltiger Zeigefinger, der eine Botschaft, eine Anklage an und gegen das offensichtlich als träge und widerspenstig gedeutete Besucher- und Besucherinnenvolk richtet. Zeigefinger-Ästhetik, wie man sie aus der DDR kannte.

Im Programmheft zur Neuinszenierung von Richard Wagners „Lohengrin“ am Staatstheater Darmstadt kann man Sätze einstiger Akteure aus der damaligen Zeit lesen. Dort versuchte man die Probleme des Sozialistischen Realismus mit dem „alten Mythenschmied“ (Brecht) gut materialistisch zu bereinigen: Kunst war da eigenwertlose Blaupause für soziale und weltbildliche Erkenntnisse. Das verführte Volk, der Ritter und Retter als Charaktermaske, die geächteten Ortrud und Telramund als Antagonisten des faulen mythologischen Zaubers.

Andrea Moses führte Regie, eine 1972 in Dresden geborene ehemalige Absolventin der Ernst-Busch-Hochschule und heute Meisterkursdozentin an der Hanns-Eisler-Hochschule. Sie scheint solch mythophoben Einstellungen etwas abgewinnen zu können. Ein bisschen Herkunfts- und Klassenkonflikt schwingt da mit, und das uniforme Volk, das zuletzt unter den Scheinwerfern aus dem Bühnenuntergrund hochfahrend zum gemeinsamen Marschieren in Reih’ und Glied antritt, setzte sich in der Erleuchtung des in Reih’ und Stuhl sitzenden Publikums fort. Hatte letzteres doch mit dem Besuch einer Lohengrin-Vorstellung sein Faible für den Gralsritterliebeszauber unter Beweis gestellt.

Man erlebt also eine Menge Klischees und Verdächtigungen im Realismus-Paradigma, das von Kunst als Schwester des Mythos offensichtlich nichts versteht: Elsa ein naives Mäuschen mit Schminkspiegel und treuherzigem Blick bevor sie zuletzt, empört über den Abgang Lohengrins, doch noch zur Erleuchtung über dessen Scheinhaftigkeit und -heiligkeit kommt. Der Retter in lichter Waffen Scheine muss vor dem Schwertkampf mit seinem Widersacher Telramund noch schnell E-Mails checken und ein paar Selfies machen. Ein narzistischer It-Boy, der seine Personal Identity pflegt mit Schwanenlogo, Fähnchen und Flaggen samt Helfertruppe, die das Lohengrin-Gesangbuch unters Volk bringt.

Die Lohengrin-Kampagne schlägt bei den akklamierenden Parlamentariern des ersten Akts ein, derweil die unterlegenen Ortrud und Telramund kühlen Kopf bewahren und die einzigen mit Hirn und Herz sind. Dort gibt’s auch Sinnlichkeit: Telramund ist ein richtiger Mann und kein Smartie wie sein Gegenspieler, raucht Zigarette, während Ortrud die Beine breit macht. Drumherum verzopfte Aktualisierungsanstrengungen der Regie in Form von filmenden und fotografierenden Statisten samt bildleinwandiger Verdoppelung. Die Bauten für Kirche, Brautgemach und Reichstag sind karge, funktionale Elemente, die Kostüme den ideologischen Vorgaben gemäß.

Beim Sänger-Casting hatte die Regie eine glückliche Hand: Ihre Vorgaben werden durch das famose Paar Ortrud/Telramund in Gestalt von Katrin Gerstenberger und Johannes Schwärsky perfekt beglaubigt. Gerstenbergs Überlegenheit mit einer herrischen Attitüde und das Bärbeißige des Mannsbilds Schwärskys profilieren die in Misskredit geratenen Führungskräfte hervorragend. Zudem sind beide stimmlich prägnant und können mit dem lichten Paar Elsa/Lohengrin, das von Peter Sonn und Dorothea Herbert gegeben wird, mithalten. Die beiden wirken nach Maßgabe der Regie steril und glatt, waren aber stimmlich brillant. Der Siegerkranz gebührt Peter Sonn mit makellosem Tenor, der bis zuletzt seine schöne Geschmeidigkeit durchhielt.

Schön singt auch Johannes Seokhoon Moon den König Heinrich. Die musikalische Leitung hat Daniel Cohen, der einen konfliktträchtigen Lohengrin-Ton entbindet. Im oft konträr konstruierten Bühnengeschehen muss man sich auf die Prozesse des Klangs konzentrieren, was mit feiner Harmonik und reichhaltig ausgelegter Polyphonie belohnt wird. Markant und mit üppigem Volumen sang der Chor.

Staatstheater Darmstadt: 22., 29. Mai, 18. Juni, 3., 16. Juli. www.staatstheater-darmstadt.de

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