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Daheim beim Propheten, der hier noch Zivilist ist: Links kauert Ina Schlingensiepen, rechts zanken Marc Heller und Armin Kolarczyk (als Oberschurke).

Karlsruhe „Der Prophet“

Lockung und Schrecken unserer Zeit

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Ein herausragender Opernabend mit Giacomo Meyerbeers „Der Prophet“ am Staatstheater Karlsruhe. Tobias Kratzer inszeniert gnadenlos und planvoll modern, die musikalischen Leistungen sind immens.

Große Oper am Staatstheater Karlsruhe, ganz große Oper. Erneut zeigt der 1980 geborene Regisseur Tobias Kratzer (nach seinen Nürnberger ?Hugenotten?), wie lohnenswert es ist, Giacomo Meyerbeers Werke in den Spielplan zu nehmen und sie gnadenlos, aber planvoll modern zu inszenieren. Kratzer, so lässt sich einiges zusammenfassen, weiß normalerweise auf den Punkt genau, wann es sich lohnt, die opernmodische Maschinenpistole ins Bild zu rücken.

Hier ist dieser Punkt gekommen, wenn der Prophet für seine Fans im Internet (Video: Manuel Braun) immer verrückter posiert, ein Heiliger, ein Demagoge, ein Hanswurst mit Dornenkrone – inzwischen bequem wie ein Hütchen für ihn, das war nicht immer so –, mit Heiligenschein und zwischendurch eben auch mit scharfer Waffe. Immer neue Bilder müssen seine Leute für die immer wieder unruhigen Fans produzieren. Manches missrät ihnen: Porno- und Kätzcheneinblendungen geraten hinein, so geht es zu, wenn man die Technik nicht im Griff hat. Wenig missrät bisher hingegen anscheinend Kratzer, der in Karlsruhe die originellsten ?Meistersinger von Nürnberg? weit und breit zeigte und 2019, dann immerhin fast vierzig, in Bayreuth sein Glück beim „Tannhäuser“ unter Beweis stellen soll.

„Der Prophet“ von 1849, damals ein Renner, erzählt eine krude Handlung aus dem Wiedertäufer-Milieu in und um Münster. Am Libretto hat der erfolgreiche Theaterroutinier Eugène Scribe mitgewirkt. Kratzer siedelt die Geschichte rigoros ins Land des gesungenen Textes, ins moderne Frankreich um. Sein Ausstatter Rainer Sellmaier hat ein praktisches Drehbühnenbild gebaut, auf der einen Seite sieht man über einer Tiefgarageneinfahrt die Bar von Jean, der zum Propheten avancieren wird, und das bescheidene Schlafzimmer, das er mit seiner Mutter teilt.

Meyerbeer ist tanzbar

Auf der anderen Seite gibt es den Hintereingang, davor Stufen, auf denen sich das murrige und zugleich hingebungsvolle Volk ausbreiten kann (und das ist mal ein großer Opernchor, trefflich einstudiert von Ulrich Wagner, dazu beweglich, und überfordert eigentlich nur beim Rappen). Schon zur Overtüre lungern aber auch ein paar echte, eigens engagierte junge Breakdancer an der Garageneinfahrt herum und zeigen zusammen mit dem von Johannes Willig dirigierten Orchester, dass Meyerbeer in jeder Weise tanzbar ist.

Zum unvermeidlichen Ballett drehen sie nachher schwer auf, das ist aber kein Gag, sondern ein das Publikum regelrecht mitreißender Coup. Wie Kratzers Inszenierung insgesamt demonstriert, wie schwierig es sein muss, eine große Oper zu inszenieren, und wie leicht und selbstverständlich dann alles wirkt, wenn man nicht nur (was aber schon einiges ist) mit Auf- und Abtritten elegant umzugehen versteht, sondern ein einleuchtendes Konzept hat.

Es wirkt in dieser Welt ganz logisch, dass die Wiedertäufer reinliche Sektenvertreter (und Kinderschänder) sind, es ist zumindest nicht zu abwegig, wenn der aristokratische Oberschurke als Polizeichef des Viertels fungiert.

Im Zentrum ein stimmlich ungemein wirksames Trio: Ina Schlingensiepen, im bald arg zerrissenen Unterschichten-Dress, ist die entsetzlich gebeutelte, aber treue Verlobte des jetzigen Propheten, Berthe mit dem engelhaften Sopran. Sowohl Scribe als auch Kratzer interessieren sich in Maßen für die Details ihres traurigen Schicksals, gleichwohl sind ihre Auftritte Beispiele für eine einfach gut geführte Figur.

Hochdramatisch muss Ewa Wolak (seit 1998 Ensemblemitglied!) als des Propheten Mutter vor allem in der Schlussphase alles geben. Eine ungeheure Kraftleistung, weil Meyerbeer sie zwischendurch noch aufwendige Koloraturen singen lässt. Alles sitzt am rechten Platz an dieser mächtigen, dunkeltönigen, aber mit allen erforderlichen Möglichkeiten auch nach oben ausgestatteten Altstimme. Als Mensch, bald nurmehr im Hemdchen, böse gedemütigt und weggeschlossen – weil der göttliche Prophet keine Mutter haben darf –, zeigt Wolak eine ernstlich tragische Figur (und Kratzer zeigt, dass er auch weiß, wo das Tragische beginnt und seinen Platz fordert).

Der Prophet selbst, einziger Gastsänger in der Premiere, ist Marc Heller, den man anfangs vielleicht etwas unterschätzt, aber zu Unrecht. Sein metallischer Tenor ist unermüdlich, sein Spiel ist von glanzvoller Selbstironie. Nicht zuletzt wird ja deutlich, dass es in dieser Oper um Skepsis gegen alle Beteiligten geht. Die möglichen Befreier sind die nächsten Unterdrücker, Fanatismus fürchtet Scribe anscheinend, wie vernünftige Menschen es heute auch zu Recht tun.

Für den allgemeinen Untergang am Schluss fand Ulrich Schreiber einst die treffende Wendung „ausgleichende Ungerechtigkeit“. Kratzer inszeniert einen letzten Donnerschlag. Sodann Jubel des Publikums für eine heute weitgehend unbekannte Oper an einem locker viereinhalb Stunden langen Abend. So viel zum Thema schüchterne Spielplangestaltung. Jetzt aber rasch nach Karlsruhe.

Staatstheater Karlsruhe: 22. Oktober, 8., 28. November, 27. Dezember. www.staatstheater.karlsruhe.de

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