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Monika Dortschy, cool in „Ljod – Das Eis“.

Theater

Die Eishammer-Horror-Show

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Drei Romane auf einer Bühne: Vladimir Sorokins „Ljod“ im Staatstheater Mainz.

Vladimir Sorokins Romantrilogie „Ljod – Das Eis“ schert sich nicht um Genregrenzen, packt Science Fiction und Satire, Geschichtsaufarbeitung und Groschenheftplattheiten, Porno, Pathos, Splatter nebeneinander. Ganz kurz zusammengefasst, geht es um eine Sekte, die genau 23 000 Auserwählte zusammenbekommen will, um den Fehler der Entstehung der Erde und ihrer Besiedlung durch „Fleischmaschinen“ (also durch uns) wieder gut zu machen. Erkennen lassen sich die Erleuchteten durch ihre sprechenden Herzen, wenn man ihnen mit einem Hammer aus Eis brutal auf die Brust haut. Die Jünger nennen es das Aufklopfen. Wessen Herz nicht antwortet, der hat Pech gehabt, und das sind viele. Kollateralschäden sozusagen. Ach ja, blond und blauäugig müssen die Auserwählten auch sein, da versteht sich diese Sekte prima mit deutschen Faschisten.

Die gern krasse, mit Obszönitäten gespickte Fülle der Sorokinschen Trilogie versucht Regisseur Jan-Christoph Gockel jetzt im Mainzer Kleinen Haus in einen fünfstündigen „Theatermarathon“ zu packen. Dem grellen Stilmix der Romane möchte er mit einem ebensolchen beikommen, mit Live-Video, Hörspiel, ein bisschen Choreografie, sogar einer Live-Zeichnerin. Manches funktioniert, anderes überhaupt nicht (vor allem gegen Ende des Abends überhaupt nicht). In der zweiten Aufführung beschloss manche Zuschauerin sehr schnell, dass es für sie nicht funktioniert – Gockel lässt in „1. Folge LJOD“ nichts aus an Blutspritz-und-Gebrüll-Deutlichkeit auf Video-Großbild.

„Ljod – Das Eis“: Das große Aufklopfen

In Baucontainern (Bühne: Julia Kurzweg) spielen sich die „Aufklopf“-Szenen ab und werden live und nah auf einen vor die Bühne gespannten Gazevorhang übertragen. Die Prostituierte Nikolajewa, Leonie Schulz, gehört zu den 23 000, was freilich ihr Zuhälter, Vincent Doddema, nicht glaubt und sie zur Strafe mit einer Flasche quält. Juri, Mark Ortel, kann nicht fassen, dass er nackt und mit einer Bandage um die Brust in einem Krankenhaus zu sich kommt. Später ist ein Kumpel von Juri überzeugt, es sind die Juden, denn alles sind die Juden. Borenboim, Johannes Schmidt als weiterer Aufgeklopfter, erhält den Rat: Du musst raus, am besten gehst du schwimmen. Er flippt aus. Aber dann weinen alle Neuen sieben Tage lang und es kommt Chram, Monika Dortschy in Himmelblau (Kostüme: Dorothee Joisten), umarmt und tröstet.

Chram ist die Matriarchin der Sekte, es gibt sie in der Mainzer Inszenierung als Kind und als für die Sache glühende junge Frau, Leonie Schulz. Gockel steckt schon das Mädchen in eine SS-Uniform, da ist es erstmal Leni Riefenstahl und stolz darauf. Die junge Chram fügt sich geschmeidig bei den Nazis ein und nutzt Krieg und Vernichtung, mit dem Eishammer nach Brüder und Schwestern zu suchen. Am Ende des großen Suchens gibt es ein fideles Tänzchen der SSler im Stroboskoplicht, aber da geht dieser Abend schon stark in Richtung: funktioniert nicht.

Die ersten zwei Stunden sind eine Eishammer-Horror-Show. Das strapaziert, ist aber wohl allemal kongenial zur Vorlage. Nach der ersten Pause gibt es ein romantisches Wald-Prospekt, davor eine Expeditionsgesellschaft an einer Tafel, man will den Tunguska-Meteoriten finden. Plötzlich herrschen Ironie und Leichtigkeit; Vincent Doddema ist der Außenseiter, der den Gazevorhang jeweils heben muss, wenn wir eine der Figuren sprechen hören sollen. Er setzt sich dazu, er ist schließlich am Tag des Meteoriteneinschlags geboren. Aber schon bald schmiert er sich Blut ins Gesicht, versuchen die anderen, ihm weiteres Blut zwangseinzuflößen ... .

Es folgt ein Casting-Gewitzel, es folgt ein Auftritt der Bühnenarbeiter, feudelnd und den Prospekt aufrollend. Derweil die Auserwählten in hellblauen Gewändern sich umarmend still stehen. Es folgt der Nazi-Tanz, na ja.

Zweite Pause. Danach offenbart sich, dass Sorokin seine Ljod-Heilsbringer dann doch irgendwie auch ernst zu nehmen scheint, dabei einen banalen Weltenrettungs-Text produziert. Und Gockel gibt dem Bombast nach, Satz für Satz. Einmal applaudiert das Publikum schon, aber vergebens, denn es geht noch ein bisschen weiter.

„Ljod – Das Eis“- Termine

Staatstheater Mainz: 4., 10., 19. Mai 2019.
www.staatstheater-mainz.com

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