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Textmassen fordern sie: Bettina Kaminski.

Freies Schauspiel Ensemble

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Das Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt gibt ein italienisches Ein-Frau-Stück über den Nahost-Konflikt.

Bettina Kaminski hat in der neuen Inszenierung von Reinhard Hinzpeter ziemlich viel zu tun. Sie spielt nämlich gleich alle Rollen auf einmal im Stück des italienischen Autors Stefano Massini mit dem komplizierten Namen „IchglaubeaneineneinzigenGott.Hass“: Shirin Akhras, die Studentin aus dem Gazastreifen, die aus Protest gegen die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete zur Terroristin wird. Die eigentlich liberale israelische Professorin Eden Golan, der es nach einem Anschlag immer schwerer fällt, liberal zu sein. Und die amerikanische Soldatin Mina Wilkinson, die ohne eigene Meinung zum seit Jahrzehnten andauernden Nahost-Konflikt ihren Dienst hier verrichtet wie in jedem anderen Kriegsgebiet.

Die drei Frauen erzählen aus ihrer Perspektive vom unheilvollen Ereignis, das sie miteinander verbinden wird, wie sich im Laufe des pausenlosen Abends zeigt. Als Professorin erzählt Kaminski, dass sie sich seit Monaten nicht mehr vor die Tür traut. Als Palästinenserin berichtet sie von ihren Bewährungsproben als Märtyrerin bei den Al-Qassam-Brigaden. Und als amerikanische Soldatin reflektiert sie, wie die Westler immer dächten, sie seien Friedensstifter, und so alles noch viel schlimmer machten.

Nur die aramäischen Kirchenlieder zwischen einzelnen Monologen, von der Zuschauertribüne aus gesungen von Maria Kaplan, und drei unterschiedliche Lichtstreifen auf dem Boden zeigen, in welche Rolle Kaminski gerade schlüpft. Ihr weißes Kostüm, das an ein Brautkleid erinnert, wechselt sie nicht. Und auch keine Requisite hilft ihr, vom einen zum anderen Charakter über zu gehen. Dafür baumeln über ihrem Kopf Leinwände, auf die während der gesamten Inszenierung Videos von Politikern projiziert sind, die durch Gespräche versuchen, den Friedensprozess voran zu treiben. Mahmud Abbas und George W. Bush, Barack Obama und John Kerry, Benjamin Netanjahu und Barack Obama, sie alle haben sich schon getroffen und doch nichts vorangebracht im israelisch-palästinensischen Konflikt, der über hundert Jahre zurückreicht und ein unbeschwertes Leben in dieser Region unmöglich macht. Dass nur die stummen Lippenbewegungen der Politiker zu sehen sind, und kein Ton zu hören, ist zwar ein schönes Bild dafür, dass alles Reden nichts geholfen hat, und die Politiker nur Statisten in diesem Konflikt sind. Gleichzeitig schlägt Bewegtbild bekanntlich Wort, und so hat es Kaminski noch schwerer, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Man kann der minimalistischen Inszenierung eigentlich nichts vorwerfen, aber warum sie Kaminski mit derart wenig theatralischen Mitteln durch die riesige Textmasse waten lässt, erschließt sich nicht. Denn das Stück ist zwar klug konstruiert, bietet aber keine neue Perspektive auf den Nahost-Konflikt und zeichnet die Figuren etwas holzschnittartig. Auch der Gesang ist so eingesetzt, dass man ihn mehr als strukturierendes Element denn als eigene Kunstform wahrnimmt. So endet eine in sich schlüssige Inszenierung, die ein bisschen zu wenig gewagt hat.

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