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Mixtur aus Goethe und Falco: Lisa Eckhart. Franziska Schrödinger
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Mixtur aus Goethe und Falco: Lisa Eckhart.

Kultur

Frankfurt: Lisa Eckhart mit „Die Vorteile des Lasters“ in der Alten Oper

  • VonMarcus Hladek
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Mit ihrem Soloprogramm „Die Vorteile des Lasters“ tritt Lisa Eckhart in Frankfurts Alten Oper auf. In der Vergangenheit sorgte sie immer mal wieder für Aufsehen.

Frankfurt – Alles an Lisa Eckhart im Soloprogramm „Die Vorteile des Lasters“ ist Text und Kontext. Der Text ist in Bewegung, trennscharf und schneidend. Der Auftritt hingegen bleibt zwei Stunden mit Pause so gut wie unverändert. Lisa Lasselsberger, den Künstlernamen Eckhart nahm sie vom Vater, ist permanent auf ihren hohen Sitz im Barhocker-Stil gepflanzt: eins und kommod mit sich in Bustier, Slip, Négligé und Strumpfbändern, also halbnackt, dabei blond gescheitelt, langbeinig und intim ganz vorn bei uns am Mikrofon: wenig Gesten, aber umso mehr Mimik, Ansprache und Koketterie.

Einen Texthänger hat die TV-omnipräsente Kabarettistin an diesem vom Stalburg-Theater organisierten Nachhol-Abend im Großen Saal der Alten Oper in Frankfurt. Wie auch nicht, nach Monaten ohne Auftritt. Ansonsten leistet sie sich bloß einen finalen Schlenker über ihre „absurd großen Brüste“: „Ich hab’ ein Kind bekommen und der Infant wartet auf das Catering.“

Lisa Eckhart in der Alten Oper in Frankfurt: Theaterstück „Die Vorteile des Lasters“

Apropos Kontext. Was macht „the notorious Lisa“ so berüchtigt? Zunächst ist sie Österreicherin, was angesichts des Grundschlammpegels an Antisemitismus und Grantelei im Lande paradox entschuldigt, dass die Persona Lisa Eckhart, deren weltoffen-tolerantes Real-Ich an der Sorbonne studierte und in London Schule hielt, manchmal kein Halten kennt in der Neigung zum Political-Correctness-Slammen.

Deutsche sind da zimperlicher, wie sie es nennt, sie aber kennt die Heuchelei und will mitten durch. Man könnte es ein Aufkratzen versteckter Bräuneflecken beim Gegenüber nennen: immerhin schrieb sie ihre erste Masterarbeit an der FU Berlin laut Wikipedia über Weiblichkeit im NS am Beispiel Joseph Goebbels und ging, als die abgelehnt wurde, im zweiten Anlauf zum richtigen Teufel in der Literatur als Thema über. Lisa Eckhart reflektiert also über den NS: und macht Satire draus.

Lisa Eckhart: Antisemitismus- und Rassismus-Vorwürfe

Als Antisemitin schalt man sie, als sie in den WDR-„Mitternachtsspitzen“ fragte, „was wir tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten“. Es sei ein „feuchter Alptraum der politischen Korrektheit“, wenn jüdische und schwarze Menschen (Weinstein, Polanski, Cosby, Freeman) Frauen belästigten oder Homosexuelle (Kevin Spacey). Als die „Jüdische Allgemeine“ ihr danach vorwarf, Tabus zu brechen, „die nie welche waren“, meinte sie konkret Eckharts Äußerung: „Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.“

Geschmacklos ist das – und macht uns bewusst, dass die Klage über politische Korrektheit, die einmal Grund und Anlass haben mochte, heute sofort Wasser auf den Mühlen der AfDs und Trumps wird. Rennt Lisa Eckhart sperrangelweite Türen ein? Beim Hamburger Harbour-Front-Literaturfestival sah man das so und lud die Romanciere („Omama“) wieder aus.

Lisa Eckhart erhält unerwünschte Zustimmung von der AfD

Das Für und Wider ging 2020 durch die Medien, beschäftigte den PEN, brachte den Antisemitismusbeauftragten auf und ihr – peinlicher – unerwünschte Zustimmung von der AfD ein. Nun also das zweite Soloprogramm der gefeierten Kabarettistin, die in ihrer Kunst ganz oben ist und viel Aktuelles zur Covid-Lage ergänzt. Sie selbst beschrieb sich ja als Mixtur aus Goethe, der bös-humorigen Jelinek, Klaus Kinski und Falco.

Witzigerweise läse sich „Die Vorteile des Lasters“ im Grunde wie der Katechismus mit nietzscheanischem Tic, was sich beim Auftritt („Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an die Kirche“) bestätigt. Völlerei (lat. gula) traut man ihr da von allen Todsünden am allerwenigsten zu, dafür punktet sie bei Eitelkeit (superbia) und Wollust (luxuria). Als „Meisterin Eckhart“ zeiht sie sich ehelicher Untreue (zählt nicht ab 15 Kilometer Umkreis), S/M- und anderer non-prokreativer Praktiken. Eine Kunstfigur bleibt Eckhart gleichwohl, denn spätestens das Infanten-Catering durchtrennt die Nabelschnur von Lisa zu „Lisa“.

Schöner Abend: fast möchte man den Fernseher von der Kippe holen, auf die er gehört. (Marcus Hladek)

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