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„Life is but a dream“ am Schauspiel Frankfurt – Onkelchen will nicht, recht hat er

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Von: Judith von Sternburg

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Tochter Zina, Beau Pawel: Melanie Straub und Wolfgang Vogler. Foto: Felix Grünschloß
Tochter Zina, Beau Pawel: Melanie Straub und Wolfgang Vogler. Foto: Felix Grünschloß © Felix Grünschloß

„Life is but a dream“, ein Karnevalsspäßchen nach Dostojewski mit dem Schauspiel Frankfurt.

In den Kammerspielen macht sich das Schauspiel Frankfurt direkt nach dem „Kleinen Snack“ vom Dezember den nächsten Jux. Auch er beruht gewissermaßen darauf, dass nichts so doof sein kann, dass man nicht doch noch darüber lachen möchte, dann eben notfalls ironisch lachen. Das ist riskant, aber die Grundlage diesmal doch interessant genug. Das grelle Treiben nimmt deutlich mehr Fahrt auf.

In „Onkelchens Traum“, 1859 veröffentlicht, geschrieben unter prekären Verhältnissen in der sibirischen Verbannung, erzählt Fjodor Dostojewski von intriganten Kleinstädterinnen. Eine ambitionierte Mutter will ihre Tochter mit dem alten vertrottelten Fürsten K. verkuppeln, um des Geldes und Titels willen und in der berechtigten Hoffnung, dass K. bald sterben wird. Der Plan, K. in einen Heiratsantrag zu labern, gelingt. Ein findiger und eifersüchtiger Verwandter redet seinem Onkelchen dann jedoch ein, er habe das alles nur geträumt. Mutter und Tochter sind blamiert vor der ganzen Stadt und müssen das Feld räumen. Dostojewski setzt einen satirischen Schlenker nach, indem die beiden anderswo trotzdem einen Weg nach oben – einen reichen Mann für die junge Frau – finden. Schamlosigkeit ist eine gute Voraussetzung für ein Happyend.

Darauf basiert auch „Life is but a dream“, die Frankfurter Fassung, die Barbara Bürk inszeniert hat. Man kann den melancholischen Titel natürlich auch so verstehen, dass wir uns alle unsere Träume (Hochstapeleien) zurechtlegen und ihnen hinterhereilen, immer verlogen, meistens vergeblich und trotzdem unermüdlich. Aber vor allem geht es 105 pausen- und atemlose Minuten darum, möglichst unmöglich zu sein und trotzdem nicht vor Peinlichkeit im Boden zu versinken. Sondern weiterzumachen, weiterzumachen, weiterzumachen. Das gelingt dem Ensemble ausgezeichnet.

Das Bühnenbildchen wird zusammengeschoben, Küchenzeile, Sitzecke, ein Teppich, unter den sich allerlei kehren lässt, was auch sogleich geschieht. Drumherum theatralische Vorhänge. Ausstatterin Anke Grot veranstaltet aber vor allem ein Kostümfest, bei dem jeder nach Kräften bloßstellt wird. Torsten Flassig übernimmt knackig trocken die Erzählerrolle, und wer den Text hat, hat das Sagen – wenn er die Geduld verliert, haben die Figuren keinen Spielraum mehr, müssen sich umziehen, abgehen, aufgeben, was auch immer. Christina Geiße spielt die Mutter Maria, eine hingebungsvolle Kleinstadt-Schurkin und -Scharteke, deren schöne Tochter Zina, Melanie Straub, die aktivste Passive ist, die man sich vorstellen kann. Ein strahlender Unstern. Viel mehr Aufwand muss Wolfgang Vogler als Onkelchens entfernter Verwandter Pawel treiben, der Zina selbst gerne heiraten würde (sie wartet ab, was sie so auftun könnte). Auch wäre er gerne ein hübsches Jüngelchen, sexy und lässig. Geht im Endeffekt so einigermaßen.

Hier darf niemand empfindlich sein, was Klischees betrifft, am wenigsten der Onkel selbst. Michael Schütz, kaum wiederzuerkennen, ist eine Art missratene Kunigunde von Thurneck: alles künstlich zusammengeschraubt, ein freundliches Monster auf wackeligen Beinchen, schnaufend, schwitzend, pupsend. Es ist fürchterlich, dabei aber auch genial gespielt, indem Schütz zugleich ganz vernünftig klingt. Onkelchen hat zudem gar nicht vor, eine junge Frau zu heiraten, warum sollte er. Zwischen dem Aufwachen und nächsten Einschlummern zeigen sich sogar Spuren von Schamgefühl.

Uwe Zerwer ist Marias gutmütiger Mann – die Frauen sind insgesamt noch viel schlimmer als die Männer, insofern ist das gehobenes Boulevard –, und Anna Böger die neugierige Haushälterin. Lauschen ist das halbe Leben, aus dem Belauschtwerden besteht die andere Hälfte. In Frankfurt und auch bei Dostojewski will das aber nicht zu dem Alptraum werden, der es eigentlich ist. Stattdessen findet sich die klatschende und tratschende Städtchengesellschaft in verschiedenen lustigen Kombinationen zusammen. Bärtige Männer in Frauenkleidern, das sehen die Leute immer wieder gerne.

„Life is but a dream“ ist pünktlich zum Beginn der ernsthaften Phase der Frankfurter Fastnachtssaison mehr Späßchen als Spaß, aber virtuos. Man lacht dabei nicht nur in Anführungsstrichen. Dass man zehn Minuten nach dem Ende kaum noch weiß, worüber und warum, nimmt der Kurzweil nichts Wesentliches.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 28. Januar, 4., 18., 26. Februar, 4. März. www.schauspielfrankfurt.de

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