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Liederabend „Gegen die Vereinzelung“: Die Wunden werden heilen

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Von: Sylvia Staude

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Rihannas Einladung unter den Regenschirm war auch dabei.
Rihannas Einladung unter den Regenschirm war auch dabei. © Imago

„Gegen die Vereinzelung“, ein munter-melancholischer Liederabend des Studiojahrs Schauspiel .

Mit altmodischem, abgewohntem Mobiliar wie aus dem Second-Hand-Laden, mit Stehlampen, Fauteuils, falschen Perserteppichen, haben Dorothea Venetidis und Lina Vahsen die Schauspiel-Box vollgestellt. Links ein Flügel für Pianist Günter Lehr. Auf den Flügelrand wird sich später lasziv, mit wasserstoffblonder Perücke und in Stöckelschuhen, Amaru Albancando setzen, wenn er dran ist mit Hildegard Knefs „Eins und Eins, das macht Zwei“. Und schon springt er wieder runter, schmeißt die Perücke hinter die Bühne, singt im Duett mit Toni Pitschmann Frank Sinatras „Something Stupid“.

Eine wilde und schöne Mischung bringt das Liederprogramm „Gegen die Vereinzelung“ des Studiojahrs Schauspiel, ein Abend, der sich nicht mit Erklärungen und Übersetzungen aufhält (bei zwei ukrainischen Liedern ist das schon ein bisschen schade), eine eineinviertelstündige Sangesaufführung, die aber froh macht und von Helena Jackson eingerichtet wurde – mit sich mal auf den Möbeln verteilenden Mitwirkenden, als wollten sie fürs „Planking“ üben, mit die Füße strumpfsockig Reckenden oder Befrackten, mit den „Star“ in ihrer Mitte Anhimmelnden.

Wiegenlied für Politiker

Mal richtet sich der Spot auf einen Protestliedsänger, Philipp Alexej Voigtländer gibt ihn mit dem eigenen Song „Politician’s Lullaby“, zu dem er sich selbst auf der Gitarre begleitet. Mal ist die Jazzsängerin nur ein Schattenumriss – Toni Pitschmann mit Nat King Coles „Nature Boy“.

Richtigerweise begründet das Ensemble der Nachwuchsschauspielerinnen und -schauspieler die Liedauswahl nicht, es mögen persönliche Vorlieben sein. Es ist Kritisches darunter, „Die Lösung“ von Bodo Wartke, der darin allen Fundamentalisten eins auf den Deckel gibt; „Welcome To the Internet“ von Bo Burnham, der die Zumutungen der Ausflipp- und Shitstorm-Kultur aufspießt; „Freiheit“ von Georg Danzer, mit der Schlusszeile „Denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein“. Es ist aber auch Mutmachendes, Verträumtes, Fröhliches darunter, „Hoffnung“ von Tocotronic und „Umbrella“ von Rihanna, letzteres mit dem so hübsch nachklingenden ella-ella-ella-Refrain. Das eignet sich dann auch gut für die Zugabe.

Etwas steif wird der Liederabend mit den jungen Leuten begründet: „Die gestalterische Arbeit am Lied ist Teil der Ausbildung des Studiojahrs“. Die hier mit Lust und Geschick „gestalterische Arbeit“ leisten, das sind Amaru Albancando, Abdul Aziz Al Khaya, Luise Pauline Ehl, Lenz Moretti, Toni Pitschmann und Philipp Alexej Voigtländer, dazu Anastasia Struzhak und Arsalan Naimi, die bis zum Angriffskrieg in Kiew Schauspiel studierten und nun an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst als Gäste mitlernen.

Beide (und dann alle) singen „Hej Sokoly“ von dem Dichter Tomasz Padura, das Lied erzählt laut Internet-Übersetzung von Falken, die „auf alles (schauen), was uns wehtut“. Glocken sollen läuten übers ganze Land, Wunden werden heilen, aber der Sprecher wird unter der Erde liegen.

Schauspiel Frankfurt , Box: 14., 27. Juni. www.schauspielfrankfurt.de

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