Augenweide: Am Ende schwebt das glimmende Raumschiff der Außerirdischen ein.
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Augenweide: Am Ende schwebt das glimmende Raumschiff der Außerirdischen ein.

Staatsoper Stuttgart

Neues aus Trümmern des Alten

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Oper Stuttgart versucht, Mahlers „Lied von der Erde“ mit Jelineks „Bienenkönigen“ zu verbinden.

Am Anfang ist die Schauspielerin Katja Bürkle die schnittige Außerirdische aus Elfriede Jelineks Hörspieltext „Die Bienenkönige“, der nicht nur imposant ist, weil hier bereits in den siebziger Jahren Wesentliches zum Thema Plastik gesagt wird: Denn mit Plastik kann man Menschen ersticken. „Sie konnten dieses Plastik-Material nicht zerreißen, obwohl sie es selber gemacht hatten. Das ist typisch“, so die Außerirdische.

Jelinek entwirft hier, etwas verkürzt gesagt, eine Dystopie, in der sich die Menschen in mehreren apokalyptischen Wellen weitgehend selbsttätig zugrundegerichtet haben. Irgendwer ist dabei immer übrig, mehr Männer anscheinend, die daraufhin ihre Führungsposition behaupten und auf Frauen widerlich und idiotisch wirkende Regularien aufstellen, die die Überlebenschancen aller nicht erhöhen.

Einleuchtend ramponiert

Aber selbst die Außerirdische findet wider Erwarten noch einige Menschen vor. Es handelt sich um vier traurige Gestalten, die im zweiten Teil des Abends Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ singen, dies in der derzeit vielgespielten Kammermusikfassung von Arnold Schönberg (vollendet von Rainer Riehn und 1983 uraufgeführt). Darauf muss man erst einmal kommen.

Die wunderliche Premiere an der Stuttgarter Oper, in der der Regisseur David Hermann und der Dirigent Cornelius Meister beide Werke aufeinander zu beziehen versuchen, findet noch dazu praktisch auf den Trümmern der ursprünglich gemeinsam geplanten „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss statt. Jo Schramms dafür entworfene Bühne ist jetzt als unbemaltes Holzrund mit einem Wasserring und in der Mitte einem drehbaren Steg eine einleuchtend ramponierte Umgebung. Nein, hier will man nicht sein Leben fristen.

Wie aus den Ruinen der Vor-Corona-Pläne ein absolut corona-taugliches – kleines Ensemble, getestete Mitwirkende, Abstände, 90 pausenlose Minuten Spieldauer – Apokalypse-Musiktheater ersteht, dokumentiert die Lebendigkeit und Beweglichkeit des Betriebs mindestens so eindrucksvoll wie die auch nicht seltenen Immer-so-weiter-Versuche.

Trotzdem ist es ein seltsames Zusammenschmieden, das natürlich auch praktische Gründe gehabt haben wird, zum Beispiel den, dass die große Strauss-Sängerin Evelyn Herlitzius bereits gebucht war. Vorab wies Intendant Viktor Schoner darauf hin, dass das Haus – als Staatstheater ein in stürmischen, in unvorstellbaren Zeiten relativ geschützter Raum – sehr gezielt auch freien Künstlerinnen und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten geben wolle, deren Verträge jetzt geplatzt seien.

„Das Lied der Erde“ also zu viert: Simone Schneider und Herlitzius, zwei erstklassige Sopranistinnen, von denen Herlitzius den erforderlichen Alt – vor allem in „Der Abschied“ – atmosphärisch überzeugend nachbilden konnte; dazu der milde Bariton Michael Gantner und der Tenor Thomas Blondelle, dessen angenehm leichte, lichte Stimme allerdings das Schneidend-Markante abgeht, das in „Der Trunkene im Frühling“ oder auch im finsteren „Trinklied vom Jammer der Erde“ zu erwarten gewesen wäre.

Eigentümlich kollektiv

Doch schon in der Auftaktnummer wird klar, dass es diesmal definitiv anders klingen soll. Das kleine Quartett, für das Claudia Irro und Bettina Werner eine ausgesucht futuristische Penner- und Outdoor-Survival-Garderobe zusammengestellt haben, teilt sich nicht nur die Symphonie, sondern auch die Lieder selbst auf. Es entstehen kleine Rollenspiele, die einem beim ersten Hören zutiefst widerstreben können, die aber nicht aus der Luft gegriffen sind. Alles, was an Mahlers Liedern atemberaubend individuell und unsagbar einsam ist, wird hier zu einem eigentümlichen kollektiven Vorgang. Die künstlich gealterte Schneider macht ihre morgendlichen Dehnungsübungen zu „Von der Jugend“, Herlitzius repariert zu „Von der Schönheit“ den Steg, der sich jetzt wieder – für einen Moment, sozusagen bis die Männer ihn wieder kaputtmachen, oder? – karussellhaft munter um die eigene Achse dreht.

Das hat Witz, aber es macht die Lieder viel kleiner, als sie sind, aber es macht aus ihnen auch etwas ganz Neues. Dazu haben sich Hermann und Meister entschlossen, das zeigen sie, das lassen sie hören. Exquisit das Miniaturorchester, wobei der wirklich sehr, sehr lange Premierenbeifall vielleicht die Solidaritätsbekundung vor einer nicht mehr undenkbaren neuerlichen Theaterschließung schon in sich trug.

Oper Stuttgart: 29. Oktober, 7., 14. November. www.staatsoper-stuttgart.de

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