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„Liberté oh no no no“ von Anja Hilling in Frankfurt: Ein Schwein der Vergebung schlachten

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Von: Sylvia Staude

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„Liberté oh no no no“: Lotte Schubert als Hauptfigur R, mit Mark Tumba. Foto: Robert Schittko
„Liberté oh no no no“: Lotte Schubert als Hauptfigur R, mit Mark Tumba. © Robert Schittko

Anja Hillings „Liberté oh no no no“, uraufgeführt im Nirgendwo und in den Kammerspielen

Vor einem altväterlichen Gemälde mit Reitpferd eine weiße Couch, darauf sitzen zwei- oder auch dreimal Ma und Pa. Ma behauptet, traurig zu sein, dass ihre Tochter weg ist – wirkt aber nicht traurig. Pa ist es wohl egal. Er ist ein Patriarch, vielleicht auch ein Gott des Waldes, dionysisch, wie seine Tochter behauptet. Dann trägt er ein Stoff-Hirschgeweih. Manchmal sind Ma und Pa, Angelika Bartsch und Uwe Zerwer, auch V, eine Figur, die nicht festzulegen sein soll „auf ein Geschlecht, einen Ort oder eine Zeit“ (Regieanweisung). Sie tragen dann ein Sweatshirt mit V drauf, damit man’s auch weiß. Bisweilen ist Mark Tumba V und trägt den entsprechenden Buchstaben. Er spielt auch jemanden, mit dem R eine Liebesbeziehung haben könnte. Und ist am Ende ein Hund namens Raison, Vernunft, der R in den Hals beißt.

So dass sich der Kreis dieses Stückes schließt, denn R, Lotte Schubert, kommt anfangs blutend auf die Bühne. Die beiden Männer übergießen sie mit Wasser, schütten ihr zusätzlich Wasser ins Gesicht, schütten ihr gleich darauf H-Milch ins Gesicht, denn sie möchte ja gern irgendeinen „Körpersaft“ trinken. Bitteschön.

Ah, Demokratie, ah, Kinder

Anja Hilling, geboren 1975, hat in Berlin unter anderem Szenisches Schreiben studiert und ist mit Werken für Hannover, Basel, Mannheim, Bonn als Theaterautorin ein alter Hase. „Liberté oh no no no“ ist der Titel eines Stücks, das sie im Auftrag des Schauspiels Frankfurt geschrieben hat. Sebastian Schug inszenierte nun die Uraufführung in den Kammerspielen und konnte wahrscheinlich gar nicht verhindern, dass alles im Ungefähren bleibt. Der Text ist wie ein Sumpf: Manches Wort saugt die Aufmerksamkeit der Hörerin kurz an – ah, Demokratie, ah, Liebe ah, Kinder –, doch gleich schon wieder geht es um anderes. Bloß um was eigentlich? Wo endlich kommt der feste Boden.

Die Leiden der jungen R?

Ist R eine Art verlorene Tochter? Geht es um die Leiden der R? Schon irgendwie. Aber würde sie uns wenigstens mal sagen, was das Problem ist? Dass es keine Freiheit gibt, oh no no no? Dass sie nicht frei ist von Bindungen? Dass ihre Eltern ihr auf den Wecker gehen? „Auf meine Eltern lass ich nichts kommen“, sagt sie aber. Oder, nach ihrem Namen gefragt: „Mir ist so langweilig.“ Dies ziemlich zu Anfang der knapp zwei Stunden Aufführungsdauer; käme der Satz später, würde man seufzend einstimmen.

Regisseur Schug versucht tapfer, der Vagheit und Aufgeblasenheit des Textes mit den immer noch angesagten Mitteln des postdramatischen Theaters beizukommen. Vor Stroboskoplicht wird schon vor dem Zuschauerraum gewarnt, immer wieder wummert und blinkert es dann und zucken die vier auf der Bühne wie unter Strom. Am Rand rechts stehen Instrumente bereit für Thorsten Drücker, der mal zart die Gitarre zupft, mal aufs Schlagzeug drischt.

Zwischendurch wird gesungen (keine Inszenierung mehr ohne Gesangseinlagen), unter anderem Leonard Cohens „Thanks For the Dance“ – R ist beim Thema Disco gelandet – und Woody Guthries „This Land Is Your Land“. Dafür ist auf Thea Hoffmann-Axthelms Bühne schon ein Papp-Bild einiger Wohnblöcke bereitgestellt, denn gerade geht es ein bisschen um die Immobilien- und Mietmisere. Aber so richtig auch wieder nicht. Egal. Am Ende der kurzen Passage zerreißen Tumba und Zerwer das Pappbild. Man denkt: aber das muss doch für jede Aufführung neu hergestellt werden.

Den allergrößten Teil des Textes hat Lotte Schubert als R zu sprechen beziehungsweise zu schreien, herauszuwürgen. Auf Stöckelschuhen oder barfuß, mit altem Fernsehgerät unterm Arm (als „Praktikantin“, aber für was und wo?) oder im Bärenfellmantel, nass oder trocken und mit Torf bedeckt (Kostüme: Nini von Selzam).

R könnte ein weiblicher Rimbaud sein (darauf kommt man aber nur wegen der Rimbaud-Zitate im Programmheft). Schubert verkörpert jedenfalls eine junge Frau unter nicht nachlassendem Druck. Treibend im Strom der sich überstürzenden Erinnerungsfetzen, im Modus der manischen Abrechnung. Auch mit sich selbst möchte sie ins Gericht gehen, mal, weil sie einen Wellensittich erdrückt hat, mal, weil sie „in Wirklichkeit ein stinkender Bär“ ist. Werden ihre Eltern trotzdem für sie „ein Schwein der Vergebung schlachten“?

Als R wird Lotte Schubert zu einer Art Animateurin, die statt Trainingseinheiten bedeutungshuberische Textpassagen an den Mann und die Frau bringen muss. Sie tut das mit einer bewundernswerten Energie, wie die anderen drei auch.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 21. Januar, 4., 5., 13. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

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