Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Nur bisweilen werden die schwarzen Schuhe beiseitegestellt: Frank Fannar Pedersens "var".
+
Nur bisweilen werden die schwarzen Schuhe beiseitegestellt: Frank Fannar Pedersens "var".

Nationaltheater Mannheim

Auf leuchtenden Sohlen-Schwingen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

„Gesicht der Nacht“, ein träumender und alpträumender Tanz-Doppelabend mit Arbeiten von Stephan Thoss und Frank Fannar Pedersen am Nationaltheater Mannheim.

In Wiesbaden musste Stephan Thoss, Choreograf expressionistischer Eckigkeit, um Akzeptanz kämpfen, musste sich erst einmal ein neues Publikum erarbeiten, da das alte an den Ballettklassikern und Tanz-Shows seines Vorgängers Ben Van Cauwenbergh hing. Am Nationaltheater Mannheim, wo Thoss seit Beginn der Saison Tanzintendant ist, wird er als Nachfolger des gemäßigt modernen Kevin O’Day mehr als freundlich aufgenommen.

Er punktete auch gleich mit einem recht originellen, eleganten „Sommernachtstraum“ im Opernhaus sowie einem kontrastreichen Dreiteiler im kleineren Schauspielhaus. Und jetzt geradezu bejubelt wurde sein Gastchoreograf Frank Fannar Pedersen mit einer Uraufführung namens „var“ (Isländisch „war“) – der lange Isländer war bis Sommer 2014 ein markanter Tänzer in Thoss’ Wiesbadener Ensemble. Und nur ein wenig verhaltener wurde nach der Pause „Nightbook“ beklatscht, ein Stück von 2010, das Thoss für Mannheim allerdings umgearbeitet und stark erweitert hat – von 45 auf etwa 70 Minuten.

Man ist mit dem Doppelabend „Gesicht der Nacht“ wieder im Opernhaus, auch wenn die Musik diesmal vom Band kommt. Pedersen, der seit knapp zehn Jahren auch choreografiert (und derzeit in Basel tanzt), nützt die große Bühne souverän. Und mit nicht sehr aufwendigen Mitteln – sieht man von einer Menge schwarzer Schuhe ab. Aus einem Paar scheinen gleich mal kleine Lichtkegel, andere sind mit weißen Sohlen präpariert, so dass sie im Schwarzlicht leuchten. Die Tänzerinnen und Tänzer fügen sie in einer Szene zu Figuren und bewegten Mustern zusammen. Zwei Sohlen reichen schon für einen beschwingten Vogel.

Das erinnert ans Schwarze Theater und könnte kitschig werden, doch der auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnende Pedersen übertreibt es zum einen nicht, hält zum anderen mit unsüßlichem Tanz dagegen. Einmal schwillt in den gut 30 Minuten die sonst leicht melancholische, kühl wehende Musik gewaltig an (Jóhann Jóhannsson und Sigur Rós), da trumpft er mit Ensembleformationen, Sprüngen und Wirbeln auf.

Aber meist weben kleinere Tänzergruppen an Extreme meidenden Bewegungsmustern. Tadellos ist die Dramaturgie, die Wechsel zwischen Stille und Effekt. Schuhe prasseln vom Himmel. Ein Paar beleuchtet sich beim Pas de deux selbst mit den kleinen Schuh-Scheinwerfern. Man trägt Schwarz-Weiß-Silber und übertreibt es stilistisch in keine Richtung. Das wirkt sehr solide.

Stephan Thoss hat sich mit „Nightbook“ 2010 eine gewissermaßen dehnbare Stück-Möglichkeit geschaffen. Denn die Prämisse lautet: Eine Schriftstellerin träumt von den zahlreichen, meist unvollendeten Figuren, die sie über die Jahre erdacht hat. Auf der Vorderbühne steht ihr kleiner Schreibtisch mit einer Lampe, ein nächtlicher Schattengefährte steht ihr zur Seite.

Immer wieder hebt sich dann der Vorhang zur Hauptbühne, wo die drolligsten, traurigsten, krassesten, bewegtesten Figuren auftanzen. Eine Handlung ist nicht nötig, auch krause Ideen passen rein – sind ja (Alp-)Träume und Erfindungen. Außerdem laut Thoss von René Magritte inspirierte Bilder.

Der großartig geschmeidige Tenald Zace steht als Schatten der fein-expressiven Alexandra Chloe Samion zur Seite, während 14 Ensemblekollegen in diverse Kostüme (Bühne und Kostüme: Thoss) schlüpfen, als armes Würstchen in karierter Unterhose schlottern, als lebender Kronleuchter von der Decke hängen, als Dragqueen im Plastikfolien-Riesenreifrock eine Zigarre rauchen. In einem überwiegend schwarz-weißen, schnell geschnittenen Film (Robert Becker und Thoss) tauchen die Tänzer als Fantasiewesen, Horrorgestalten, Exzentriker auf. In einer Toncollage (Daniel Lett und Thoss) wispert, raunt, redet, knarzt und quietscht es. Es gibt aber auch Musikauszüge etwa von Schostakowitsch, Bach, James Brown.

Das Stück ist dank seiner Anlage dehnbar, gewiss, und es gibt auch keinen Mangel an Einfällen. Aber nach rund 60 Minuten scheint „Nightbook“ einige Male zum Ende kommen zu wollen – und geht weiter. Und weiter. Auch das mag von Thoss beabsichtigt sein, aber es schwächt doch zuletzt die Wirkung. Und kostet ihn womöglich den großen Publikumsjubel, mit dem Pedersens kompaktere Schuh-Fantasie gefeiert wird.

Nationaltheater Mannheim:
6., 28. April, 27. Mai.
www.nationaltheater-mannheim.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare