HInten Florestan, vorne seine Fantasien: Marzelline und Fidelio vor Rocco.
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HInten Florestan, vorne seine Fantasien: Marzelline und Fidelio vor Rocco.

Nationaltheater Mannheim

Die letzten Minuten im Leben des Florestan

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Roger Vontobel geht in Mannheim „Fidelio“ mit einer entschlossenen Idee an, walzt freilich über Teile der Musik hinweg.

Ludwig van Beethovens „Fidelio“ ist verhältnismäßig schwierig zu inszenieren. Ein Grund hierfür könnte sein, dass trotz höchster Dramatik auf der Bühne tatsächlich wenig passiert. Ein anderer, dass „Fidelio“ immer wieder genutzt wurde, um deutsche Vergangenheit und deren Bewältigung ins tagesaktuelle oder zeithistorische Bild zu setzen, einerseits wohl aus dem Gefühl heraus, eine Oper, die in und an einem Kerker spielt, sei dafür geeignet. Andererseits vielleicht unter dem Eindruck, dass Beethovens Musik von mehr als einer privaten Utopie handelt.

Jetzt versucht es also Roger Vontobel. Vontobel wird dem Frankfurter Theaterpublikum derzeit gleich mit diversen Inszenierungen als Schauspielregisseur vorgestellt. Aber auch als Opernregisseur ist er aktiv, am Nationaltheater Mannheim zuletzt mit „Aida“. Zu „Fidelio“ hat er eine Idee, die er auf Teufel komm raus ins Bild setzt, mit Gewinn und Verlust.

Die Handlung ist komplett eine Fantasie des gefangenen Florestan. Florestan, hier noch allein der Schauspieler Michael Ransburg, ist in fürchterlicher Verfassung, jammernd schleppt er sich zur Ouvertüre über eine Gitterfläche, die ein hochgezogener nacht- und sargschwarzer Kubus auf Claudia Rohners Bühne freigegeben hat. Aus einigen Eimern greift er nach schmierigem Dreck und Stroh. Während man noch bestrebt ist, der Musik zuzuhören, begreift man, dass er im Wahn versucht, sich in eine Frau zu verwandeln. Eventuell seine Frau. Jedenfalls erweisen sich, als der erste Aufzug beginnt, die weiteren Klumpen auf der Bühne als Marzelline, Jaquino, Rocco. Florestan – jetzt der Souffleur für seine eigenen Fantasiefiguren – erweckt sie praktisch zum Leben. Sie bleiben aber arme, ungelenk herumtapsende Tröpfe, fleischgewordene Kinderkrakeleien, von Dagmar Fabisch grotesk farbenfroh ausstaffiert: Golem muss Commedia dell’arte spielen.

Es ist sonderbar, dass ein Mann in der Situation Florestans derartige Fieberträume hat, aber sein Ziel ist klar: Eine Handlungskonstellation, die seine Frau Leonore, hier inkognito als Fidelio, ein schnittiger, anders als die übrigen Figuren nicht der Lächerlichkeit preisgegebener Wonderboy, zu ihm bringt. Man sieht buchstäblich die Fäden, die er dafür zieht, und der Text ist auf seiner Seite. Jedoch hilft es ihm nichts, zumal Pizarro, ein Comic-Schurke mit Grinsegesicht, keineswegs zappelt, sondern zielorientiert vorgeht.

Schon zeigen sich andere Fäden, die Florestan zu einer Apotheose in die Höhe ziehen, unten nurmehr ein zum lebendigen Bild gestellter Engelschor, der am Ende wieder unter dem Kubus verschwindet. Wir haben vermutlich die letzten Minuten eines Sterbenden erlebt.

Der Gewinn: Es gelingt den halbbewussten Figuren, das Artifizielle, das über der Handlung liegt, zu erfassen. Sie sind da, haben große Gefühle, dann sind sie wieder weg. Das ist Oper, aber im „Fidelio“ ist es besonders markant und ja einer der Gründe dafür, dass sich realistische Aufführungen so leicht verlaufen. Es gelingt auch ziemlich gut, mit den gesprochenen Dialogen umzugehen. Das ständige Soufflieren, In-Gang-Setzen der nächsten Szene durch Florestan läuft sich bald tot, leuchtet im Prinzip aber ein. Auch die Sprechsituationen in der Oper sind ja niemals natürlich. Dass es trotzdem bald aufdringlich wird, hat mit Vontobels Tendenz zur Überdeutlichkeit zu tun.

Im Einzelnen gibt es kuriose, schöne Momente. Der diskret von hinten hinzugetretene Tenor unterstützt Leonore beim Versuch, Florestan zu schützen. Die Verletzlichkeit Florestans, das schlimme Auf-der-Kippe-Stehen der Situation wird umso greifbarer, bevor sie sich Richtung Himmelfahrt auflöst. Diese ironisiert die Schlussmusik nicht direkt, aber ein durchgeistigtes Bild ist es nicht.

Der Verlust: Eine übermäßige Ablenkung von der Musik, für die sich der Mannheimer Generalmusikdirektor Alexander Soddy dort unten zweifellos ins Zeug legt. Ein völliges Negieren auch der Nebenfiguren, von denen Rocco und Marzelline doch ein wenig mehr zu bieten haben als ein irres Figurinendasein. Zumal Sebastian Pilgrim und Ji Yoon wie auch der Pizarro von Thomas Jesatko stimmlich überzeugen. Annette Seiltgens Leonore wird hingegen in der Höhe etwas spitzig, Will Hartmanns singender Florestan (nicht von darstellerischen Anforderungen gestresst) kann seine Ekstase nicht makellos absolvieren. Anspruchsvolle Rollen, aber die Mannheimer legen die Latte hoch.

Nationaltheater Mannheim:
13., 19., 27. Dezember.
www.nationaltheater-mannheim.de

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