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Gerard Schneider (Rodolfo), Nadja Mchantaf (Mimì).

Komische Oper Berlin

Das letzte Foto

Eine kleine Geschichte vom großen Tod: „La Bohème“ an der Komischen Oper Berlin.

Die neue „La Bohème“ an der Komischen Oper Berlin, der – kurioser Spezialfall – ersten hier auf Italienisch gesungenen, kann man leicht unterschätzen. Intendant Barrie Kosky, der soeben angekündigt hat, seinen Vertrag nicht zu verlängern, dem vor einer Sanierung stehenden Haus aber als Regisseur (mit zehn Inszenierungen in fünf Jahren) verbunden zu bleiben, geht mit Umsicht an die Arbeit. Einer Gruppe junger Menschen, die es sich trotz ihrer denkbar prekären Lage nach Möglichkeit lustig machen – bisschen unreif, aber nicht unsympathisch –, begegnet der Tod. Eine von ihnen fängt an zu sterben, die anderen haben ihr Leben noch vor sich. Das ist fürchterlich, aber trotzdem nichts Besonderes, das passiert, das ist eine kleine Geschichte. Kosky erzählt eine kleine Geschichte als kleine Geschichte.

Der Rahmen soll die kleine Geschichte nicht stören. Trotzdem gibt es im Bühnenbild von Rufus Didwiszus eine, ebenfalls kleine, visuelle Grundidee. Marcello, einer aus der Gruppe junger Menschen, ist diesmal kein Maler, sondern arbeitet mit dem frühen Fotografieverfahren der Daguerreotypie – passend zur Entstehungszeit von Henry Murgers Roman „La vie de bohème“ Mitte des 19. Jahrhunderts, auf dem 50 Jahre später das Libretto für Giacomo Puccinis Oper basierte. Nicht nur zeigen sich (vergrößerte) Metallplatten des neuen Mediums an der Rückwand der Mansarden-WG, Marcello ist auch ständig an der Arbeit und hat keinen Mangel an vergnügt posierenden Freunden und Halbweltmädchen. Auch von Mimi wird er noch ein Bild machen. Mimi posiert nicht, Mimi sitzt da und stirbt und ist tot.

Halbweltmädchen: Die andere visuelle Grundidee, die kess oder dunkel funkelnden Kostüme von Victoria Behr, ist typischer für Kosky. In der Quartier-Latin-Szene nimmt das erwartungsgemäß Fahrt auf, auch mithilfe der Drehbühne, nicht weihnachtlich, eher karnevalesk. Wenige fallen uns ein (Koskys Frankfurter „Carmen“ lässt grüßen), die einen Chor nebst einem Kinderchor (Pierrots in Schwarz) dermaßen in Bewegung bringen können. Nur wenn Musetta, die kühl triumphale Vera-Lotte Böcker, singt, bleibt die Zeit kurz stehen. Zur lustigen Parade trommeln freundliche Gerippe. Dass die Solisten in jedweder Aufregung immer gleich auf den Stuhl steigen müssen: routinierter als nötig (solche Momente hat der Abend, dann wirkt Koskys Regie mittelmäßiger, als sie ist).

Zuvor quietschfidele Mansardenszenen. Die vier Künstler brauchen für die Vermieterszene nicht einmal einen Vermieter, virtuos reichen sie die kleine Rolle zwischen sich weiter. Günter Papendell ist ein stimmlich großformatiger, spielerisch leichtfüßiger Marcello, der nachher die extrem schlicht gehaltene Stadtrandszene vor dem Prospekt mit einem vergrößerten frühen Straßen-Foto in maßvoll betrunkenem Zustand bestimmt (gleichwohl geht es am Stadtrand etwas sehr karg zu). In der besuchten Vorstellung war Gerard Schneider als lichter, frischer und lyrischer Rodolfo zu hören, der in der Höhe nur selten forcieren musste. Auch Dániel Foki und Philipp Meierhöfer, Schaunard und Colline, vertreten optisch und sängerisch Beweglichkeit und Detailreichtum.

Das aufsehenerregende Rollendebüt absolviert aber Nadja Mchantaf (die Frankfurter Micaela bei der nächsten „Carmen“-Wiederaufnahme Anfang März), eine glaubwürdige, unmittelbare Mimi erster Güte, aufblühend ihr Sopran wie ihr Lächeln. Es sind nicht die Diven in der Oper, die die Latte in „La Bohème“ hochlegen, es sind die Sängerinnen, die es schaffen, die Künstlichkeit der Situation mit ihrer Kunst zu überspringen. Das ist alles nicht einfach, aber es muss einfach aussehen und einfach klingen.

Wenn es in der Oper einfach klingt, ist es erst recht nicht einfach. Eine einsame junge Frau im selbstgenähten gestreiften Kleid, die halb zufällig einen jungen hübschen Mann im lilafarbenen Samtanzug kennenlernt, und schnell anfängt, sich für ihn zu interessieren. Mchantaf, zunächst durchaus eine Mimi in Eile und echter Verlegenheit, lässt sich sogar relativ viel Zeit für ihr erstes Lächeln. Während die Zuschauer nicht viel Zeit brauchen um festzustellen, dass sie diese Mimi auf keinen Fall werden sterben sehen wollen.

Das Spröde und das So-gut-wie-Wirkliche geben der angeblichen (!) Sentimentalität Puccinis eh keinen Platz, so handhaben es auch Dirigent Jordan de Souza und das Orchester. Impressionistisches Flirren lassen sie nicht außer Acht, insgesamt aber ertönt eine kernige, dabei glasklare Vehemenz. Die Schlusstöne – die Bühne ist leer, da sitzt die Tote, das steht die Kamera – erklingen selten so scharf und unerbittlich.

Komische Oper, Berlin: 8., 14. Februar, 17., 22., 30. März. www.komische-oper-berlin.de

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