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„Leonce und Lena“ und „Iwanow“ in Berlin – Einkochen und verwässern

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Von: Ulrich Seidler

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„Leonce und Lena“ auf dem Plattenteller der Drehbühne. Foto: Arno Declair
„Leonce und Lena“ auf dem Plattenteller der Drehbühne. Foto: Arno Declair © Arno Declair

Ulrich Rasche macht auch aus Büchners „Leonce und Lena“ eine Aufmarschoper – und das Berliner Ensemble schickt Tschechows „Iwanow“ nach Gütersloh.

Ein erschöpfendes Premierenwochenende liegt hinter uns, und man kann immerhin sagen: Groß ist die Bandbreite der Theaterstadt Berlin. Das formstrenge Exerzitium, zu dem Ulrich Rasche am Deutschen Theater Georg Büchner eingekocht hat, kontrastiert stark mit der Anton-Tschechow-Verwässerung von Yana Ross am Berliner Ensemble. Heftig dröhnender Ewigkeitsanspruch mit strengem Humorverbot hier, leicht kreischige und lustigkeitsbemühte Gegenwartsbezogenheit da. Bejubelt wurde beides. Was kann es also zu meckern geben?

Bei Rasche ist abgesehen davon, dass diesmal „Leonce und Lena“ auf dem Programm steht, alles wie immer: Das Ensemble marschiert auf einem sich drehenden Objekt, diesmal auf dem Plattenteller der Drehbühne selbst, und zerdehnt den Text Wort für Wort in Verzweiflungsschreien. Darüber legt sich ein von vier Musikern an elektronisch verfremdeten Instrumenten live eingespielter pulsierender Soundtrack.

Als dann aber die Worte „Ist denn der Weg so lang?“ Silbe für Silbe aus den Eingeweiden gequetscht werden wie ein Zahnpastarest aus der Tube – dann ist das unfreiwillig komisch und das vereinzelte Gekicher im Saal klingt verzweifelt, denn noch bleibt eine gute Stunde auszuhalten. „Das Picken der Totenuhr in unserer Brust ist langsam und jeder Tropfen Blut misst seine Zeit und unser Leben ist ein schleichend Fieber. Für müde Füße ist jeder Weg zu lang.“ Man fühlt sich verstanden als sedierter Zuschauer. Jetzt quetscht Lena: „Und für müde Augen jedes Licht zu scharf und müde Lippen jeder Hauch zu schwer und müde Ohren jedes Wort zu viel.“

Das trifft es doch alles gut, auch wenn es hier nicht die Welt ist, die die Füße, Augen, Lippen, Ohren und die Seele ermüdet, sondern die Inszenierung selbst. Nur das mit dem scharfen Licht stimmt nicht, denn das Setting ist die leere, dunkle, manchmal neblige Bühne mit einem riesigen Leuchtstoffröhrengitter. Rasche hat die kaltherzige Komödie des jungen Medizinstudenten Büchner auf wenige Sätze zusammengestrichen und ergänzt mit anderen Büchner-Texten, vor allem mit seinen heißherzigen Revolutionsaufrufen aus dem „Hessischen Landboten“. Hier die Langeweile des vom Leben entfremdeten Adels in den Kleinstaaten Pipi und Popo, da der geknechtete Bauer, der sich gegen die feiste Elite erheben soll: Friede den Hütten, Krieg den Palästen.

Prinz Leonce und Prinzessin Lena sollen einander aufgezwungen werden, ohne sich zu kennen, sie fliehen, begegnen sich zufällig auf der Flucht und verlieben sich als zynisch melancholische Seelenverwandte ineinander. Um Tatsachen zu schaffen, geben sie sich als Automaten aus, veranstalten eine Fakehochzeit, und am Ende löst sich alles in atemabschnürender Harmonie auf. Wenn man nicht wüsste, dass Rasche immer so arbeitet, könnte man denken, dass er auf die Automatenmetapher aufspringt, indem seine Verzweiflungszombies nun eben Verzweiflungsautomaten sind. „Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern“, wie es bei Büchner heißt.

„Iwanow“ im Tennisclub. Foto: Matthias Horn
„Iwanow“ im Tennisclub. © Matthias Horn

Aber wie gesagt, die von sämtlichen Resten des Humors und des Lebens befreite Formstrenge ist allen Aufmarschopern von Ulrich Rasche gemeinsam. Das einzig erkennbar Lebendige in diesem Schwarzkitschtheater sind die Musiker, die sich in Trance spielen, mit den Köpfen nicken, die Körper wiegen auf den Wellen des Beats. Vielleicht könnte man das Ganze tanzend oder eben auf der Stelle schreitend besser ertragen.

Die auf der Stelle tretende Langeweile ist auch im Berliner Ensemble Thema. Tschechow fasst es in einem Brief an seinen Bruder so zusammen: „Die Menschen fressen, saufen, schlafen und sterben (...). Dann kommen andere Menschen zur Welt, die wieder fressen, saufen und schlafen. Und damit sie vor stinkender Langweile nicht völlig verblöden, amüsieren sie sich mit Wodka, Karten und Intrigen. Und dieser unsäglich primitive Einfluss zerstört die Kinder, und sie verwandeln sich in Leichen, genauso erbärmlich wie ihre Eltern.“

Die litauisch-amerikanische Regisseurin Yana Ross legt diese gültige Gegenwartsbeschreibung dem Titelhelden ihrer „Iwanow“-Fassung in den Mund. Diese Adaption spielt nicht in der russischen Provinz des 19. Jahrhunderts, sondern neulich in Gütersloh, und zwar in dem leicht ranzigen Tennisklub Netzroller. Kein russischer Landadel also zerfleischt sich im Ennui, sondern deutsches Wohlstandsbürgertum. Nicht Kartenspielen ist das Amüsement der Stunde, sondern Instagram.

Iwanow heißt Nicolas und ist mit seinen nicht mal 40 Jahren körperlich und geistig ein alter weißer Mann. Und weil Schwindsucht heute heilbar ist, ist Nicolas’ Frau Sarah (Constanze Becker) tödlich an Krebs erkrankt. Nicolas liebt sie nicht mehr, wagt es aber nicht, sie zu verlassen, schließlich hat sie für ihn ihren jüdischen Glauben aufgegeben und sich von ihrer reichen Familie verstoßen lassen. Er hasst sein Leben, fühlt sich zu der 21-jährigen Sascha (Amelie Willberg), der Tochter des Tennisplatzpächters Paul (Paul Herwig), hingezogen, hasst sich auch dafür. Und mit diesem Hass vergällt er dem ganzen Gefüge, das allerdings aus Leuten besteht, die ihr eigenes Leben ebenfalls hassen, die Laune.

Die Verlagerung in die konkrete Gegenwart ist nicht gelungen, sie lässt das Stück altern. Da helfen auch keine hineingefummelten aktuell-politischen Diskurse, über die die Gesellschaft in Streit gerät. Eher platt fällt der Einbau einer reichen Influencerin aus Dubai aus (Zoë Valks), die tatsächlich als Heiratskandidatin für den verarmten Witwer Matthias (Veit Schubert) ins Auge gefasst wird. Wie passt das zu der löblichen Stärkung der anderen Frauenrollen?

Diese willkürlichen Eingriffe lockern den Zwang des sozialen Gefüges und lassen die inhärenten Konflikte verläppern. Wenn die Frauen so selbstbewusst sind, fragt sich noch viel dringender als bei Tschechow, was sie ausgerechnet an dem Schluffi Iwanow finden, zumal Peter Moltzen ihn doch sehr gebrechlich anlegt. Vielleicht, um überhaupt etwas zu spielen zu haben, hat er sich ein Knie- und Rückenleiden sowie einen eklatanten Konditionsmangel aufgeschafft. Dass dann der dramatische Höhepunkt zurechtgebastelt werden muss und in einem innerehelichen Ausbruch von Antisemitismus besteht, der bei Tschechow eher unterschwellig zum Gesamtbild gehört, zerstört jeden ohnehin schon schwachen identifikatorischen Impuls.

Aber nicht nur der Wechsel der Zeit, sondern der des Genres schadet dem Stück, von dem Tschechow selbst nicht klar war, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist. Yana Ross strebt mit Derbheit Leichtigkeit an und versucht, die Situationen mit den Mitteln des Boulevards zu überdrehen. Das geht auf Kosten der Figuren, durch die man sich in seinen ungerechtesten Klischees bestätigt fühlt, die man über die Gütersloher Mittelschicht hat. Tschechow liebte seine Figuren mit all ihrer geistigen und seelischen Armseligkeit, deshalb erkennt man sich in ihnen und entkommt ihnen nicht. Über die Armseligkeit, die am Berliner Ensemble vorgeführt wird, kann man sich leicht erheben, was auch nicht befriedigender ist als die demoralisierende Niederdrückung am Deutschen Theater am Abend zuvor. Immer was zu meckern.

Deutsches Theater Berlin: 4., 5., 25., 26. Februar. www.deutschestheater.de

Berliner Ensemble: 7., 8. Februar. www.berliner-ensemble.de

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