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Edle Rappen, später zerschunden, gesattelte Schauspieler im Darmstädter „Kohlhaas“.

Staatstheater Darmstadt

Leidensdruck, Tötungswunsch

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Kleists „Kohlhaas“, arg reduziert am Staatstheater Darmstadt.

Ursprünglich offenbar auf eine Stunde 45 angelegt, ist Dominic Friedels 60-minütige Inszenierung der Selbstjustiz-Novelle Heinrich von Kleists in mehr als einer Hinsicht von Minderdimensionierung geplagt. Zum Teil liegt das am Rahmen, denn die Altersempfehlung ab 14 setzt Friedels „Kohlhaas“ Grenzen. Immerhin mühen sich die vier erwachsenen Darsteller (Victor Tahal, Béla Milan Uhrlau, Judith Niederkofler, Karl Müller) als zeitweise gesattelte Bühnen-Leitgestirne für fünfzehn Kinder von zirka 7 bis 13 Jahren redlich.

Das gilt auch für Karoline Hoefers (Dramaturgie) Anteil an der Nacherzählung. Kleists Novelle von 1808 handelt vom Rosshändler Kohlhase, der 1532 nach Leipzig zur Messe reist und am Zoll seine edlen Rappen zurücklassen muss, um einen Passierschein beizubringen. Bei der Rückkehr findet er die Tiere von Feldarbeit zerschunden und will den Wertverlust einklagen, wird, zum Frommen der privilegierten und verbandelten Junker, aber Instanz für Instanz abgewimmelt. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Nach und nach steigert er sich in eine blutige Fehde, mit Martin Luther als zwischenzeitlichem Vermittler, bis man ihn 1540 hinrichtet: ein „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“ (Ernst Bloch).

Nichts dran zu mäkeln, wie Regisseur Friedel die Teilflächen von Heike M. Goetzes Bühne auf- und niederfahren lässt, um den auf Kies gestellten Lattenkäfig mit Luther, die drei Bäumchen und das Personal symbolhaft zu bewegen: ein Auf und Ab der Macht, Schicht und Geschichte. Während die Rollen wechseln, was an Brechts Lehrstücke für Kinder erinnern kann, sind Kinder und Erwachsene als Spiegelbilder wie fürs Spiel, für eine Gutenachtgeschichte oder gar einen Theaterworkshop kostümiert: Nachthemd und Kimono, karierte Decken oder weite Jogginghose, Pullunder und Turnschuhe in erdig-bunt gedämpften Farben, manchmal auch Tiermasken aus Karton mit langen Zweigen fürs Chorische. Oft spielen einzelne ihr altes Alter ego an oder beide fallen sich ins Wort, bewehrt mit Plüschpferden als Attributen dieser merkwürdigen Geschichte.

Warum Minderdimensionierung? Weil „Kohlhaas“ mit und für Kinder rasch zum kastrierten Text wird, „bowdlerized“ wie eine ins Harmlose gezogene Lesefassung hoher Weltliteratur ohne schlimme Wörter und pikant-blutige Details. Als der glücklose Kleist seine Novelle publizierte, tat er das in seiner Zeitschrift „Phöbus“ (nach dem Sonnengott Apoll), der er die Linie vorgab: „Wettre hinein, o du, mit deinen flammenden Rossen, / Phöbus, Bringer des Tags, in den unendlichen Raum!“ Alle Welt fand diesen radikalen Dichter maßlos, „verdreht und verschroben“.

Umso untrennbarer sind seine Radikalität und Aktualität für uns. Missbrauch der Macht und bedrohte Gewaltenteilung, Rechtsbeugung aus nepotistischer Klüngelei, freche Eliten, Leidensdruck und Tötungswunsch: all das sind im Jahr von Donald Trump und „Game of Thrones“, da das Darknet Trumps Ermordung crowdfundet und halb Amerika zur Monarchie zu werden fürchtet, so heiße Themen, dass man „Kohlhaas“ kaum herumnavigieren kann. Friedel tut es trotzdem. Nur nimmt er der Fabel damit viel von dem, was sie erzählenswert macht.

Staatstheater Darmstadt, Kleines Haus: 13., 22., 28. Juni. www.staatstheater-darmstadt.de

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