Starke Setzungen, starke Präsenz: Roni Chadash in ihrem Stück „Goofy“.

Tanz

Lebendigkeit und ihre Grenzen

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Tanzstücke aus Tel Aviv im Frankfurt LAB.

Zu Gast aus Tel Aviv“ annoncierte sich ein Tanzabend, präsentiert von Jacopo Godanis Dresden Frankfurt Dance Company in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde und den Jüdischen Kulturwochen. Er bestand aus vier Stücken junger Choreografen-Tänzer von 22, 16, 16 und 14 Minuten Dauer, dargeboten mit kurzen Unterbrechungen in der ausverkauften Halle 1 des Frankfurt LAB. Bei dreien handelte es sich um Soli: Nitsan Margaliots „Returning“ (allerdings live mit Cellist Steuart Pincombe), Gil Kerers „The Child 2.0“ und „Goofy“ von Roni Chadash als einziger Choreografin. Für das finale Duo, „Nice To Beat You“, tat sich Kerer mit Korina Fraiman zusammen.

Bestechend erwies sich die große Spannbreite der Arbeiten. Margaliot hatte sich mit dem Cello das passende Denker-Instrument ausgesucht, kam seine philosophische Invention „Returning“ doch nicht ohne Häutung des fast antikisch-nackten Menschen aus dem Haut-Kostüm aus und vermittelte bis ins letzte Kreiseln, Taumeln und den spintisierenden Dialog mit der Musik deutliche Empfindungen von metaphysischer Suche und unstet Hiob-mäßigen Leidensfragen. Ein Stück des Zwielichts war das, das jeden Zupfer, jedes Schaben des Bogens allegorisch-symbolhaft mit Bewegungen paarte: sei es, dass Margaliot im Gefolge der platonischen Metamorphose (Leben und Tod, Leib und Seele) etwas wie Fliegen andeutete, sei es, dass er Lebenswege in Schleifen löste oder Augenblicke der Stille und Ruhe schuf. In weichem Fluss und Crescendi klang das Stück aus.

Ein heiterer Wüstenausflug

Kerers „The Child 2.0“ war gewiss kein übles Mittel, um danach wieder runterzukommen. In der affektierten Kindlichkeit des Tänzers in Shorts zum kurzärmeligen blauen Hemd mutete es aber auch minder anspruchsvoll an. Wie Kerers Tanz-Ich mal spasmisch, mal in Schmetterlingsfänger-Attitüde durch die kleine Welt aus Stimmen, Lachen, Naturklängen und Kastenklavier im Off hupfte, als wär’s ein heiterer Wüstenausflug, strahlte Lebendigkeit aus, hatte aber Grenzen.

Zum Trost ging Kerers Fraiman-Duo „Nice To Beat You“ seine Suche nach Leichtigkeit und Glück dann überzeugender an. Das barfüßige, leger gewandete Paar Verliebter hatte es in freilich film-konventionellen Bildern zu chansonesken Brazil-Einspielungen nebst Akkordeon und Banjo halt leichter als ein gestandener Mann im Knabenkostüm.

Die Palme des Abends errang Roni Chadash mit und in „Goofy“. Wo Margaliot bei aller Tiefe einen Hauch akademisch-zeitlos wirkte, blieb Chadash ganz zeitgenössisch, so sehr das Programmheft ihrer Reflexion über Körper, Frau und Begehren auch biblische Dimensionen zuschrieb. Vor Ort wirkten Chadashs starke Setzungen: eine stets zurückgeworfene Kopfhaltung, die statt des Gesichts nur Kinn und Brust sehen ließ, das knappe Hemdchen-Höschen-Kostüm in Grau und jene Freche-junge-Frau-Ausstrahlung von vagem Sylvia-Plath-Flair, höchst präsent, modern und anspruchsvoll – bis hinein in die Chadash-vertraute Revolte der Körperteile. Feministisch mutig und gar nicht „doof“ (goofy), wie sie in der Hocke ihren „Ursprung der Welt“ ausstellte oder sich hier und da kokett als Bündel aus Tics zeigte. An Originalität und Anliegen war ihr an diesem Abend niemand über.

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